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Karl Müllers Weg zur linken Bild-Zeitung

Von Günter Langer  

Karl Müller verfaßt ein Editorial der TREND-Nr. 9/98 zum "Ready to Ruck"-Event Ende August. Ein Blick in die Sommer-TREND-Nummern hätte ihm klargemacht, daß dieses Event aus drei verschiedenen Veranstaltungen bestehen sollte und sich über drei Tage erstreckte. Ein wackerer Freizeit-Journalist braucht sich mit solchen Details nicht herumschlagen, dachte sich der schlaue Karl, 30 Minuten Anwesenheit am letzten Tag, dem Sonntag, reichen ihm aus, einen totalen Verriß zu begründen. Es mag ja sein, daß vieles am "Ruck" zu wünschen übrig ließ, dies wurde in den besagten 30 Minuten von einigen mitveranstaltenden Personen auch schonungslos zum Ausdruck gebracht:  

1. Am Freitagabend wurden viel zu wenig Besucher in der Schwangeren Auster gezählt, trotz des exzellenten Programms. Woran es lag, daß die bekanntesten DJs Deutschlands vor einem viel zu kleinem Publikum auflegten, konnte nicht exakt bestimmt werden. Offensichtlich waren verschiedene Faktoren dafür verantwortlich, der Termin am Monatsende und noch dazu am Freitag, das schlechte Wetter, der unübersichtliche und irreführende Flyer, war ein Rave angesagt oder Gedudel aus drei Jahrzehnten? 

2. Der Potlatsch am Sonnabend im Tempodrom erwies sich ebenfalls nicht als Publikumsmagnet. Gab es einfach zu viele, noch dazu sich ähnelnde Veranstaltungen an diesem Wochenende? BerlinBeta am Alex, Stadtteilfeste wie im Kreuzberger Bethanien, die Hanfparade mit großem Musikprogramm etc. Die inhaltliche Gestaltung kam bei vielen Besuchern nicht an. Die Kombination von Talks und Acts blieb unvermittelt, die Erklärungen der Ansagerinnen konnten kaum verstanden werden, die Tonanlage war insgesamt mies, die Diskussionen arteten zum Teil in Gebrabbel aus, einige angekündigte Promis erschienen nicht, andere kamen nicht zum Zuge, einige Acts wie das Geplärre der Tibeter-Kinder war nur noch peinlich, ein Ziel des Ganzen wurde vielen nicht erkennbar. Dennoch gab’s auch Positives: die Musikgruppen, die Maultrommelgruppe, die Sufis, die Bauchtänzerin waren durchaus sehenswert. Zum Schluß kam sogar eine relativ spannende Diskussion auf.  

3. Die sonntägliche Abschlußdiskussion zog ein gemischtes Publikum an, das ausdauernd fast sechs Stunden lang intensiv diskutierte und sich nicht mal von dem stundenlangen Gebimmel des nahestehenden Kirchturms beeindrucken ließ. Etwa 50 Personen meldeten sich spontan für Aktionen, um das entstandene Defizit ausgleichen zu helfen. In der Diskussion wurde auch deutlich, wie dringend erforderlich eine szeneübergreifende Auseinandersetzung ist. Die Sprachlosigkeit zwischen jungen SchulaktivistInnen, die eher im traditionellen linken Jargon argumentierten und Ravern war zum Teil erschreckend. Die Aggression, die die junge Sängerin Paula P’Cay von linken KritikerInnen erfahren mußte, war dafür symptomatisch. Je länger die Diskussion jedoch währte, desto besser lief die Verständigung. 

4. Die Erwartungen aller Beteiligten, Macher wie Besucher der drei Events, erfüllten sich nur in Teilbereichen. Es wurden zu große Brötchen gebacken, "der Große Sprung nach vorn" (Mao) wurde gewagt, die Verknüpfung des ideellen Ziels mit einem relativ hohen Unkostenbeitrag (20,-- DM) ließ sich nicht vermitteln, viele Besucher witterten fälschlicherweise eine kommerzielle Absicht dahinter. Die Kalkulation sah keinen Gewinn vor, der break-even-point wurde nicht erreicht, es blieb ein hohes Defizit. Ist der Ansatz, an 68 anknüpfen zu wollen, Verbindungslinien aufzeigen zu wollen zu den nachfolgenden Generationen, also falsch? Ich meine, die Idee ist gut, nur muß es anders und gründlicher angepackt werden, die Vorbereitungszeit war viel zu kurz. Der Initiatorenkreis wurde zwar von vielen Jüngeren ermutigt, die Idee umzusetzen, blieb aber letztlich bei der Durchführung auf sich selbst zurückgeworfen. Das erwies sich als ein unüberwindliches Handicap. Die Hanfparade als single purpose movement hatte es dagegen viel einfacher. Durch Zusammenarbeit mit den "Ruckern" auf die Altvorderen aufmerksam geworden, überließen die jungen Macher spontan den alten "Haschrebellen" die Wagen-Nr. 1. Die Traditionslinie wurde sichtbar.  

Von all diesen verschiedenen Aspekten des Wochenendes ließt man bei Karl Müller leider nichts. Wer sich ein etwas differenzierteres Bild machen wollte, mußte sich an die biedere TAZ halten. Die bürgerlichen Blätter hingegen übten sich in Häme. Erst bauten sie sich einen Popanz namens Rainer Langhans auf, dessen "Ruck" angeblich zelebriert werden sollte, und machten ihn anschließend fertig. Karl schließt sich dieser Methode an: "Rainers ready to Ruck...", "Rainers Stamm..." Na Bravo. Erst Bild-Zeitungsmethode und dann das abgestandene ML-Gejammer nach der fehlenden Klassenkampfparole im Ruckmanifest. Für ihn ist "bauchiges Geraune", den "Drogenwelten" entsprungen, wenn es dort heißt, "alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand (Herzog)", wenn "gegenseitige Hilfe (Kropotkin)", "selbstorganisierte Systeme" und "Selbstvertrauen" gepriesen werden.

Ach Karl, laß den Warsteiner bei Schultheiß, Alkohol trübt das Bewußtsein weit mehr als der von Dir zitierte rote Libanese, der im übrigen schon lange vom Markt verschwunden ist. Und frei nach Herzog: Du wirst keinen Ruck finden, solange Du ihn nicht selbst vollziehst. Wo er recht hat, hat er recht. 

PS.: Wo bleibt Dein Verriß der Hanfparade? Titelvorschlag frei nach Mao: "Gegen die Mentalität der umherschweifenden Rebellenhaufen".

September 1998