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Joschka der Opportunist

Mann ist Mann

Anfang Dezember fraß sich ein Gerücht durch die Zeitungen und auch ins Fernsehen, ein Gerücht, das zu putzig war, als dass man es nicht gleich geglaubt hätte: Das Leben von Joschka Fischer sollte verfilmt werden! Von Hollywood! Mit Al Pacino! Die Berliner taz hatte die Geschichte erfunden, aber damit einem verbreiteten Bedürfnis nach einer frommen Legende entsprochen. Begeistert schrieben die anderen Zeitungen von der taz ab, was sie unbedingt glauben wollten: Der beliebteste deutsche Politiker ist filmreif. Der Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch fand die Idee ganz super, wer, wenn nicht Fischer?

Jeder mag Fischer, jeder liebt ihn, er ist das Musterbeispiel dafür, dass Resozialisierung eben doch möglich ist. Er hat (wie sein Opfer Rainer Marx so nett formuliert) Polizisten „gehauen“? Nicht schön, aber jetzt hat er doch heimgefunden in unsere Gemeinschaft, er ist einer von uns. Es war die Hetze der Bild-Zeitung, die 1968 einen Verwirrten auf Rudi Dutschke schießen ließ und danach den freien Radikalen Fischer zum Steineschmeißen gegen Springer und Konsorten verleitete? Vergeben und vergessen. Peter Boenisch, früher Bild-Chefredakteur, heute Bild-Prediger, erteilt Absolution: „Fischer war, wie er war, und er ist, wie er ist. Heute entscheiden allein seine diplomatischen Ergebnisse und nicht die Bilder aus einer beiderseits gewalttätigen und hasserfüllten Vergangenheit.“

Joschka Fischer hat nicht nur gezeigt, dass er ab- und zunehmen kann, er ist, wie man in der Psychotherapie sagt, lernfähig. Denn schließlich war es der bekannte Diplomat Joschka Fischer, der sich am 12. Oktober 1998 innerhalb von genau 15 Minuten die deutsche Beteiligung an einem Nato-Krieg gegen Serbien abpressen ließ; andernfalls hätte es, sagt Fischer in schöner Offenheit, keinen Außenminister Fischer gegeben. Alle lieben sie deshalb diesen Mann: In seinem Namen hat die Frankfurter Allgemeine mindestens zweimal gegen das Vermummungsverbot verstoßen. 1973 druckte sie die Bilder des Polizisten prügelnden „Rockers“ Joschka Fischer; 25 Jahre später präsentierte sie den selben Mann in ihrer Werbung hinter der Zeitung verschanzt. Dahinter, darf man vermuten, steckt ein zu allem entschlossener Kopf.

Ein Abgrund

Der Stern, der sich die alten Bilder von der Straßenschlacht im April 1973 jetzt für neu und sehr viel Geld verkaufen ließ, brachte auch das bekannte Foto, das den 25-Jährigen von der „Putzgruppe“ als Stanley Kowalski zeigt, ein richtiger Macho, mit T-Shirt über einem kräftigen Bizeps. Das Foto findet sich heute, sagt die dazugehörige Legende, im „Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz“. Da ist er auch bestens aufgehoben. Joschka Fischer ist museumsreif geworden oder das, was früher einmal ein „Phänotyp“ hieß. Heinrich Mann hat 1918 Diederich Heßling als klassischen deutschen Untertan beschrieben, als den Mann, der wie viele Millionen weiterer Untertanen das wilhelminische Kaiserreich stützte. Joschka Fischer ist inzwischen eine nicht weniger bedeutende Stütze der gegenwärtigen Gesellschaft. Ohne einen Mann wie ihn wäre Politik doch gar nicht möglich. Der heutige Außenminister ist die modernisierte Version des alten Heßling: Immer dabei sein, immer gewinnen. Was gut für Fischer ist, muss auch für Deutschland gut genug sein.

Kurzer historischer Rücklauf, Fischer spielt Fischer: Als sich damit Punkte machen ließen, war Fischer selbstverständlich für Gewalt. (Oder wie er sich 1974 ausdrückte: „Massenwiderstand gegen die reaktionäre Gewalt gewaltsam organisieren“.) Als die USA noch Krieg führten in Vietnam, klagte er 1974 im Frankfurter Volksbildungsheim Nato-Truppen, Bundeswehr und Grenzschutz der „Folter“ an; die gehöre schließlich zum „1  x  1 des Militärs im Kapitalismus“. Als er nach den Demonstrationen für die tote Ulrike Meinhof 1976 kurz eingesperrt und erkennungsdienstlich behandelt wurde, schwor er der Gewalt ab. Als sich die Chance einer Verbindung mit der SPD ergab, entdeckte er seine Liebe zur Nato. Als er beweisen musste, dass Deutschland notfalls auch wieder Krieg führen konnte, offenbarte er in der Zeit, wie brav er inzwischen geworden war: „Ich war weder gegen die USA noch gegen die Nato.“

Es gibt manche existenzialistische Kehre in der Weltliteratur; die vom Christenhäscher Saulus, den Gott höchstpersönlich an weiterer Gewaltausübung hindert, ist die schönste. Und Paulus weiß, wo er herkommt; nach dem Damaskus-Erlebnis verfolgt er seine neuen Ziele nicht weniger leidenschaftlich als der alte Saulus. Beim gewandelten Fischer ging es auch nicht ohne Buße und Reue ab: „Stalin war so ein Typ wie wir, nicht nur, dass er sich als Revolutionär verstanden und gelebt hat, sondern er war im wahrsten Sinn des Wortes eben auch ein Typ.“ (Gemeint ist das damals Schlimmste: Er war ein Mann.)

Heute spricht der Weltpolitiker Fischer gern von einem „Abgrund“, an dem er in den Siebzigern entlanggetaumelt sei; erst der sogenannte „Deutsche Herbst“ 1977 oder wahlweise im Jahr davor die Flugzeugentführung von Entebbe und die „Selektion“ der Passagiere in Juden und Nichtjuden unter deutscher Beteiligung habe ihm die Augen geöffnet. Daraufhin wurde er friedlich, verabschiedete sich von seiner romantischen Jugend. In einer Transatlantik-Reportage hat Jörg Fauser überliefert, dass der geläuterte Fischer der Gewalt auch nach dem Einzug in den Bundestag nicht ganz abgeschworen hatte. Nur dass sie 1983 einem guten Zweck dienen sollte, der Verteidigung der weiblichen Abgeordneten gegen Nachstellungen der CDU-Kollegen: „Ich war wild entschlossen, wenn einer eine von unseren Frauen anrührt, dann hätte ich dem eine gedröhnt, dass er langgelegen hätte.“

Gewalt ist zwar kein Mittel der Politik, aber mit ihr lässt sich sauber fuchteln. Der hessische Ministerpräsident Börner drohte mit dem Einsatz von „Baulatten“ gegen die Grünen, mit denen er dann doch koalierte; Fischer wurde sein erster Minister. Willy Brandt versprach 1972 einen Wahlkampf, in dem „geholzt“ würde; ein Fußballer wie Joschka Fischer, der bei Bedarf „hingelangt“ hat, wusste, wovon der Friedensnobelpreisträger redete. Helmut Kohl, immerhin damals Bundeskanzler, stürmte 1990 in Erfurt auf einen Demonstranten los, der ihn mit Eiern beworfen hatte, und hätte ihn auch noch eigenhändig verprügelt, wäre er nicht gebremst worden. So wird man „Kanzler der Einheit“. Gewalt, rhetorisch eingesetzt oder, wie bei Fischer, auch ganz handfest, ist einer Laufbahn als Politiker unbedingt förderlich.

Joschka Fischer gehört zu den Leuten, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Heute muss man leider sagen: Ihr Misstrauen war berechtigt. Einer wie Fischer ist wirklich zum Fürchten. Bestimmt nicht, weil er leidenschaftlich gern um sich geschlagen und womöglich bei Angriffen gegen die reaktionäre Gewalt in Frankfurt mitgemacht hat. Zum Fürchten ist er, weil ihn nie etwas anderes als die Macht interessiert hat, seine eigene. Der Weg vom Schläger im Frankfurter Westend zum Bundesaußenminister ist nur konsequent; es ist der Lebenslauf des typischen deutschen Opportunisten.

„Ich frage mich auch“, fragte sich der amtsneue Außenminister im Beisein der langjährigen Kohl-Schranze Mainhardt Graf Nayhauß, „ich frage mich auch, warum ich damals nicht einen geraden Weg gegangen bin.“ Isser doch, grader als Fischer kann man nicht gehen. Vorwärts und am besten alles vergessen.

WILLI WINKLER

SZ 8.1.2001