zurück

 
 

SDS-Website

 
  Peter Glotz:

Mainstream war besser als 68

 

Für Kommunikationswissenschaftler war die Debatte um die Vergangenheit zweier grüner Minister interessant. Sie bestätigte mit Aplomb die sogenannte Agenda-Setting-Hypothese – Medien sind in der Lage, ein Thema auf die Tagesordnung einer Gesellschaft zu setzen. Über Kohl ist genug geredet worden; reden wir über Fischer. Inzwischen stöhnt man gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger: „Liebe Meinungsfabrikanten, lasst es gut sein“. Der Versuch, eine Regierung in Verlegenheit zu bringen, ist legitim, darf aber nicht langweiliger werden als eine durchschnittliche Debatte des Landwirtschaftsausschusses des Bundestages . In der Ausdrucksweise des Herrn Bundeskanzlers: Fischer bleibt Minister und basta.

Wäre da nur nicht ein Satz des sympathisch-verstrubbelten Rezzo Schlauch: „Wir sind doch aufgestanden gegen diese Mainstream-Biographien“. Da fühlt man sich irgendwie angesprochen, wenn man nie einer Putzgruppe angehörte, wenn man den „eindimensionalen Menschen“ von Herbert Marcuse immer schon für ein schlechtes Buch hielt und den rotzigen Spontaneismus des Göttinger Mescalero schon 1977 inhuman fand.

Schlauch hat etwas Richtiges getroffen. Es ist die Kritik der „allzu glatten Passage“. Am präzisesten hat das der große amerikanische Romancier James Salter formuliert: „Ich mag Männer, deren Leben alles andere als eine glatte Passage war. Stürme haben sie niedergeworfen, dann wieder trieben sie monatelang in der Flaute. Selbst wenn sie scheitern, bleibt ihnen etwas erhalten. Nicht alles war Geklimper; es gab auch große Akkorde“. Nur gibt es auch glatte Passagen von links unten nach rechts oben, aus einem Bürgergarten in München-Grünwald oder Düsseldorf-Mettmann ins grünliche Establishment, aus dem Asta ins Ministeramt.

Romantische Gesinnungsethik

Ich bin 1961, als 22-jähriger, in die Kleine-Leute-SPD am Schwabinger Kurfürstenplatz eingetreten. Beeindruckt hatte mich ein damals schon gebrochener und heute gänzlich vergessener Mann von Mitte Fünfzig, nie Kommunist gewesen, fern jeder Demagogie, stolz darauf, sein Leben lang einer kompromisslerischen sozialen Bewegung gedient zu haben, Waldemar von Knoeringen. Er ahnte die Kulturrevolution von 1968 voraus. Deswegen schrieb er mit ein paar jungen Leuten, darunter mir, im Jahr 1966 eine kleine Schrift „Mobilisierung der Demokratie“. Die 68er lachten sich über diesen Reformismus kaputt. Ich gehörte schon zum Establishment.

Als Assistent an der Universität hielt man Seminare, die gesprengt werden konnten. Als Funktionär der SPD verteidigte man Gesetzgebungsprojekte der Großen Koalition. Was für eine Lust: Wo immer man kandidierte, hatte man sechs Gegenkandidaten von den Jusos, die die verschiedenen Spielarten marxistischer Theorie (Lukacs, Korsch, Luxemburg) vertraten und von liberalen Vaterfiguren als „kritische junge Generation“ liebevoll in Schutz genommen wurden.

Man soll nicht kleinlich sein. Der Juso Vorsitzende von Fürstenfeldbruck, der während eines schwierigen Wahlkampfes gegen Richard Jaeger, einen Repräsentanten des rechten Flügels der CSU, Plakate für das „jugoslawische Modell“ klebte, hat mich damals zwar zu bebender Wut getrieben. Aber mein Juso ist heute ein höchst erfolgreicher Unternehmensberater, der mir schon mehrfach gutbezahlte Vorträge verschafft hat. Ich habe mit ihm Frieden geschlossen.

Und auch mit dem Juso-Führer, der seinerzeit Walter Ulbricht besuchte, bin ich später gut Freund geworden. Zwar gestehe ich, dass ich in den 90er Jahren gelegentlich irritiert war, wenn er mich wegen meiner Skepsis gegenüber Militäreinsätzen der NATO mild kritisierte. Er war ein eiserner Verbündeter der USA in der Nato-Parlamentarierversammlung geworden; aber schließlich hatte ich der amerikanischen Politik von Jugend auf ein gewisses, (wenn auch nicht grenzenloses) Verständnis entgegengebracht.

Natürlich, gelegentlich ärgert man sich auch. Als ich mich als Berliner Wissenschaftssenator 1977 weigerte, gegen zwölf Professoren, die den Mescalero-Artikel als hochbedeutsames Zeitdokument herausgegeben hatten, Disziplinarverfahren zu eröffnen, bekam ich gewaltigen Ärger. Ich war gegen staatliche Disziplinierung; aber ich legte mich mit den Herren an, deren Dienstvorgesetzter ich war, und forderte sie auf, ihre Beamtenpatente zurückzugeben. Das löste eine monatelange Debatte aus, die zu manchen Klärungen führte. Dass heute ein leibhaftiger Bundesminister – Jürgen Trittin – behauptet, man habe diese Leute „disziplinieren“ wollen, ist ärgerlich. Eben nicht.

Es gibt es auch richtig unangenehme Erinnerungen. Zwei der Studierenden, die das Münchener Universitätsinstitut, an dem ich 1968 arbeitete, besetzten, sitzen noch heute im Gefängnis. Sie heißen Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler. Die Freie Universität Berlin als eine von Politikern gänzlich befreite Zone, in die man sich erst hinein wagen musste, war kein Vergnügen. Die Entwicklung von radikalen Pazifisten zu antiserbischen Gesinnungskriegern wird von der Frankfurter Allgemeinen inzwischen lobend hervorgehoben. Ich fand sie zum Kotzen.

Jetzt vergesse ich meine Mainstream-Biographie und weise auf zwei systematische Probleme hin. Das eine bezieht sich auf die Weigerung der älteren Generationen, die Jüngeren ernst zu nehmen. Ich spreche von der tätschelnden Überheblichkeit, mit der zum Beispiel die SPD-Führung über viele Jahre mit ihrer Jugendorganisation, den Jusos, umgegangen ist. Zwar war niemand, der in und mit der SPD etwas werden wollte, gezwungen, über den Kanal der Jugendorganisation aufzusteigen. Aber es war natürlich der nächstliegende Weg. Wenn aber mehrere Generationen junger Leute über fünf oder zehn Jahre dazu angehalten werden, Thesen zu vertreten, die sie auf der Stelle weglegen müssen, wenn sie irgendwo praktische Verantwortung übernehmen, erzeugt dies Zynismus.

Und wie bewerten wir eigentlich die Veränderung der Studentengenerationen? Schon hört man ein paar achtungsgebietende Weise wieder murmeln, dass die heutige Generation allzu angepasst und karriereorientiert sei. In der Tat begegnet man heute mehr Studierenden, die Start-Ups gründen wollen, als Streetfightern. Unter dem Pflaster liegt der Strand, hieß es auf dem Tunix-Kongress. Dieser Strand scheint verödet. Wir sollten überlegen, wie wir uns auf diese Entwicklung einstellen. Ich gestehe offen, dass mir die mit Businessplänen und Case Studies ringenden Studierenden lieber sind als die „lächerlichen K-Gruppen der 70er Jahre“ (Hans Magnus Enzensberger). Vielleicht bin ich aber inzwischen doch zu sehr Mainstream?

Mit Rezzo Schlauch würde ich mich gern einigen. Vielleicht so: Es gibt Figuren mit „gebrochenen Karrieren“, die sehr zu Recht Ministerämter bekleiden. Es ist aber keine triumphierend vorzuzeigende Heldentat, wenn einer selbst mit 25 noch nicht begriffen hat, dass die Marktwirtschaft das leistungsfähigere Wirtschaftssystem ist als Planwirtschaft oder „jugoslawisches Modell“. Es sollte keinem zur Pflicht gemacht werden, sein drittes Lebensjahrzehnt mit der Verbreitung von romantischer Gesinnungsethik und ökologischer Volksgeistmystik zu verbringen. Kurz und gut: Es gibt haltlose Dummköpfe mit „gebrochenen Karrieren“. Es gibt natürlich auch haltlose Dummköpfe mit Mainstream-Biographien. „Aufstehen“, lieber Schlauch, sollten wir weder für das eine noch das andere. Besser sitzen bleiben und ein vernünftiges Rentengesetz zu Stande bringen.

 


 

Der Autor, der 1980 bis 1987 Bundesgeschäftsführer der SPD war, lehrt Kommunikationswissenschaften an der Universität St. Gallen.

SZ 30.1.2001