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Kurt Gossweiler Editorische Anmerkung zur Person des Autors: Kurt Gossweiler, am 5. November 1917 in Stuttgart geboren, Besuch der Karl-Marx-Schule, einer Aufbauschule unter Leitung von Fritz Karsen in Berlin-Neukölln, seit 1931 Mitglied in der kommunistischen Schülerorganisation "Sozialistischer Schüler-Bund" (SSB), ab 1934 Mitglied des inzwischen in die Illegalität gedrängten "Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands" (KJVD), am 14. März 1943 als Wehrmachtssoldat Übertritt auf die sowjetische Seite, in der DDR Lehrer und Dozent, zuletzt in der Akademie der Wissenschaften mit Schwerpunkt Faschismusforschung. Er vertritt eine, wie er es sieht antirevisionistische, orthodox-stalinistische Linie.
Vorbemerkung
Der nachfolgende Aufsatz entstand im Anschluss an ein am 18. Juli 1984
von meinem damaligen Institut, dem Zentralinstitut für Geschichte bei
der Akademie der Wissenschaften der DDR, durchgeführtes Kolloquium,
gewidmet dem 40. Jahrestag des 20. Juli 1944 unter dem Titel "Der Platz
des 20. Juli 1944 in der Geschichte des antifaschistischen deutschen
Widerstandskampfes".[1]
Dieses Kolloquium markierte eine gewisse Wende in der Beurteilung des
20. Juli 44 insofern, als nunmehr auch der reaktionärste Teil der
Verschwörer mit Carl Goerdeler an der Spitze von dem Vorwurf
freigesprochen wurde, mit dem Attentat auf Hitler nur beabsichtigt zu
haben, den Weg für eine Verständigung mit den Westmächten gegen die
Sowjetunion freizumachen, um so den deutschen Imperialismus vor der
totalen Niederlage zu bewahren. Es wurde nunmehr behauptet, Goerdeler
habe kurz vor dem Attentat seine früheren Positionen verlassen und habe
nur noch die Herstellung des Friedens durch Einstellung der
Kampfhandlungen an allen Fronten zum Ziele gehabt. Im Hauptreferat,
gehalten von Kurt Finker, wurde das noch etwas zurückhaltend mit den
Worten zum Ausdruck gebracht, "die Auffassungen dieses konservativen
Hitlergegners" hätten sich "unter dem Druck der Ereignisse
weiterentwickelt"; "der Goerdeler von 1943 war nicht mehr der Goerdeler
von 1944".[2]
Das war er sicher nicht, aber dass er nunmehr seine Pläne zur Rettung
des deutschen Imperialismus durch einen Sonderfrieden mit den
Westmächten bei Fortführung des Krieges gegen die Sowjetunion aufgegeben
hätte - das wurde nur behauptet, aber nicht belegt.
Diese "Wende" war eben nicht die Folge neuer Forschungsergebnisse,
sondern eines Bedürfnisses der Politik, nämlich des Bedürfnisses, eine
historische Begründung für die Notwendigkeit und Möglichkeit einer
"Koalition der Vernunft" zu liefern, die damals von Erich Honecker als
Weg zur Sicherung des Friedens angesehen wurde.
Und so hieß es denn auch am Schluss des Referates von Finker: "Was sich
damals angebahnt hatte, war eine Art Koalition der Vernunft. Nur eine
solche, über politische und Klassengrenzen hinaufreichende Koalition der
Vernunft kann heute den Gefahren der imperialistischen Hochrüstungs- und
Konfrontationspolitik wirksam begegnen - darin liegt das Vermächtnis der
Gefallenen."[3]
Also - um des illusorischen Zieles einer Harmonisierung antagonistischer
Klasseninteressen willen wurde die Geschichte tatsachenwidrig
"harmonisiert".
Dagegen einfach nur Widerspruch laut werden zu lassen, genügte nicht.
Man musste sich schon daran machen, der zweckbestimmten Legendenbildung
die historischen Tatsachen entgegenzustellen. Das war der Anlass dafür,
dass ich mich diesem Gegenstand, der eigentlich außerhalb meines
eigentlichen Forschungsgebietes lag, zuwandte, den vorliegenden Artikel
verfasste und ihn im November 1984 der Institutsleitung vorlegte.
Obwohl der damalige Institutsdirektor im Januar 1985 ihn als "ein sehr
gutes Manuskript" bezeichnete, erfuhr er in einer im März 1985
durchgeführten Beratung mit Fachkollegen eine kollektive Verurteilung.
Die Orientierung auf eine "über die Klassengrenzen hinausgehende
Koalition der Vernunft" war von meinen Kollegen so sehr verinnerlicht,
dass sie eine Betrachtungsweise, die entgegen dem
Harmonisierungsbedürfnis an der Herausarbeitung gegensätzlicher,
antagonistischer Klasseninteressen festhielt, nicht anders denn als
überholt, dogmatisch und störend empfanden.
Dennoch gelangte der Artikel - allerdings nur in einer um die Hälfte
gekürzten Fassung - zur Veröffentlichung, als Beitrag zu einer
Festschrift für den Widerstandskämpfer und hervorragenden DDR-Historiker
Heinrich Scheel.[4]
In vollem Umfang wird der Artikel hier erstmals veröffentlicht.
Weggelassen sind nur jene Passagen, die sich mit dem damals aktuellen
Problem der "Koalition der Vernunft" befassten.
I
Der 20. Juli 1944 ist ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte des
faschistischen Deutschland, zugleich ein markantes Ereignis in der
Geschichte des Widerstands gegen das Hitlerregime. Zu Recht wird diesem
Ereignis an seinen Jahrestagen, besonders an den Dezenniums-Jahrestagen,
große Aufmerksamkeit gewidmet.
Es gibt nur wenige andere Gedenktage der deutschen Geschichte, an denen
so augenfällig abzulesen ist, wie sehr aktuelle Bedürfnisse dazu führen,
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt jeweils neue Fragen an die Geschichte zu
stellen und jeweils andere Seiten des gleichen Ereignisses stärker als
früher zu beleuchten.
Eine der wichtigsten alten Fragen, die aber bislang noch keineswegs
ausreichend untersucht wurde, ist die Frage nach der Bedeutung des
Attentats vom 20. Juli für die Faschismustheorie. Was sagt dieser
Ereigniskomplex über den Charakter des faschistischen Regimes in
Deutschland aus?
Der vorliegende Aufsatz greift diese Frage in der bescheidenen Absicht
auf, einen Diskussionsbeitrag zu leisten und Überlegungen anzubieten,
die für eine noch ausstehende gründliche Untersuchung von Nutzen sein
könnten.
Für die vorherrschende bürgerliche Geschichtsschreibung ist der 20.Juli
eine klare, unwiderlegliche Bestätigung ihrer Auffassung, derzufolge das
faschistische Regime in Deutschland und anderswo die Diktatur der
faschistischen Partei und ihres Führers über alle Klassen und Schichten
der Gesellschaft darstellt. Denn wenn der Faschismus - so ihre
Argumentation - nur das Werkzeug der herrschenden Klasse, sein Führer
nur ihr Willensvollstrecker sei, wie die Marxisten behaupten, dann sei
doch völlig unbegreiflich, weshalb es der herrschenden Klasse nicht
möglich war, dieses Werkzeug einfach aus der Hand zu legen und diesen
Führer einfach zu entlassen, nachdem er ihren Interessen nicht mehr
nützlich war, sondern einer ihren Interessen entsprechenden Lösung,
nämlich einer rechtzeitigen Beendigung des Krieges, im Wege stand.
In der Tat ist damit eine Frage gestellt, auf die unsererseits bisher
meines Erachtens nach noch keine ausreichende Antwort gegeben wurde;
denn der mitunter anzutreffende Hinweis auf eine kriegsbedingte
Verstärkung der relativen Selbständigkeit des politischen Überbaus
gegenüber der ökonomischen Basis kann nicht als eine befriedigende
Antwort angesehen werden.
Eine solche Antwort kann nur gefunden werden, indem die Erklärung für
das Verhalten der herrschenden Klasse und ihrer verschiedenen
Gruppierungen gegenüber der faschistischen Führung gesucht wird in ihrer
Interessenlage und den ihnen - angesichts des Kriegsverlaufes und der
innenpolitischen Probleme - noch tatsächlich oder vermeintlich offen
gebliebenen Entscheidungsmöglichkeiten.
Eine solche Untersuchung stößt aber auf schwer zu überwindende
Hindernisse. So leicht es fällt, das durch die jeweiligen Umstände
gegebene objektive Interesse der Führungskräfte des deutschen
Imperialismus zu bestimmen, so schwer fällt es, ihnen entsprechende
Äußerungen oder gar Handlungen aus den Reihen dieser Führungskräfte zu
eruieren. Was in diesen Kreisen gesagt oder getan wurde über und für
eine Beseitigung Hitlers von der Führung, ist, soweit überhaupt, nur
durch die Vernehmungen der Akteure des 20. Juli und durch
Aufzeichnungen, die den faschistischen Häschern in die Hände fielen, ans
Tageslicht gekommen; und auf den Historiker ist davon nur das
überkommen, was veröffentlicht oder in den Archiven noch einsehbar ist.
Liest man dieses Material durch, dann fällt sehr bald ein merkwürdiger
Umstand auf: Obwohl es in den Aussagen der Verhafteten und in den
aufgefundenen Dokumenten nicht wenige Hinweise auf Verbindungen der
Verschwörer zu Topmanagern des deutschen Monopolkapitals gibt, haben die
faschistischen Untersuchungsorgane ihre Nachforschungen in dieser
Richtung entweder gar nicht weitergeführt oder, wenn vereinzelt doch,
sie sehr bald wieder eingestellt. Dafür nur einige wenige, aber sehr
charakteristische Beispiele.
Bekanntlich machte Carl Goerdeler nach seiner Verhaftung gegenüber den
faschistischen Inquisitoren "außerordentlich weitgehende Angaben, durch
die u.a. zahlreiche Personen, die sich in wichtigen Stellungen des
öffentlichen Lebens befinden, belastet" wurden;[5]
selbst Gerhard Ritter konnte nicht umhin festzustellen, dass sich
Goerdeler "als eine Nachrichtenquelle für die Gestapo erwies, deren
Ergiebigkeit Staunen erweckte".[6]
Dadurch und durch andere Quellen wurde bekannt, dass Goerdeler enge
Kontakte zu verschiedenen Großindustriellen hatte, und dass Julius Leber
in ihm einen "Mann der Großindustrie" sah.[7]
Der Gestapo war bekannt, dass leitende Männer des Stuttgarter
Bosch-Konzerns und des Krupp-Konzerns seine Auslandsreisen, die der
Kontaktaufnahme mit Mittelsmännern zur britischen Regierung dienten, als
Reisen in ihrem Auftrage legalisierten. Bekannt war ihr ferner, dass der
Krupp-Direktor Löser mit seinem Einverständnis als Finanzminister für
eine künftige Regierung Goerdeler vorgesehen war. Dies alles hätte die
Sonderkommission zur Untersuchung der Verschwörung doch veranlassen
müssen, die großindustriellen Hintermänner der Verschwörung genauso
rigoros zu vernehmen und abzuurteilen wie die Verschwörer selbst. Doch
nichts dergleichen geschah, Löser wurde zwar verhaftet und verhört, aber
nicht zum Tode verurteilt, im Gegensatz zu kleineren Industriellen, wie
etwa Walter Cramer, und zu zahlreichen Industrie-Syndici, wie
Lejeune-Jung, Syndikus in der Zellstoffindustrie und gleich Löser als
Minister (für Wirtschaft) in einer Goerdeler-Regierung vorgesehen. Hans
Welz, nach Robert Boschs Tod (März 1942) an der Spitze des
Bosch-Konzerns, wurde anscheinend überhaupt unbehelligt gelassen;
jedenfalls taucht sein Name in den Berichten über die Untersuchung der
Sonderkommission nicht als einer der Vernommenen auf, obwohl er in die
Verschwörung eingeweiht war und sie förderte.[8]
Der Gestapo war ferner bekannt, dass Goerdeler des öfteren in den
Zusammenkünften des so genannten "Reusch-Kreises", eines Zirkels von
hochkarätigen rheinisch-westfälischen Industriellen, auftrat und dort
seine Auffassungen zur Lage vortrug. Im November 1943 sprach er in
diesem Kreise in Anwesenheit des langjährigen
Hanielkonzern-Generaldirektors Paul Reusch von der Notwendigkeit, Hitler
von der Führung zu beseitigen, um zu einer Verständigung mit den
Angelsachsen gegen die Russen zu kommen.[9]
Obwohl in ähnlich gelagerten Fällen gegen kleinere Leute Todesurteile
nur deshalb ausgesprochen wurden, weil sie derartige Äußerungen nicht
zur Meldung brachten, geschah Paul Reusch nichts dergleichen.
Als Mitwisser der Putschpläne Goerdelers wurden auch der Direktor der
Deutschen Bank, Oswald Roesler, und das Vorstandsmitglied der
Allgemeinen Deutschen Kreditgesellschaft, Schoen von Wildeneck,
vorübergehend verhaftet. Auf nähere Auskünfte über die
Zukunftsvorstellungen in den Chefzimmern der großen Industrie- und
Bankkonzerne war die Sonderkommission jedoch offenbar gar nicht
begierig. Roesler und v. Wildeneck bestritten, wie es im Bericht über
ihre Vernehmung heißt, "glaubwürdig jede Kenntnis der Goerdeler´schen
Pläne", und wurden alsbald auf Antrag des Oberreichsanwaltes
freigelassen.[10]
Aus diesem Anlass erhielt der Deutsche Bank-Direktor Roesler zahlreiche
Glückwünsche, darunter auch von einem der prominentesten
Nazi-Industriellen, Albert Pietzsch; dieser schrieb ihm am 13.12.1944:
"Zu meiner großen Freude entnehme ich einer Mitteilung des
Aufsichtsrates der Deutschen Bank, dass Sie nunmehr Ihre Tätigkeit
aufgenommen haben. Wir alle waren davon überzeugt, dass das
Untersuchungsergebnis nicht anders ausfallen konnte."[11]
In der Tat: Wenn Wirtschaftskapitäne ganz ausnahmsweise doch einmal von
den Untersuchungsorganen des SD erfasst wurden, dann konnte das
Untersuchungsergebnis eben "nicht anders ausfallen", denn es gab eine
unsichtbare Barriere, vor der die Todesmaschinerie des faschistischen
Regimes Halt machen musste. Ein entsprechendes Haltesignal wurde z.B.
durch die schriftliche Weisung für die Begrenzung der Anwendung
"verschärfter Vernehmungen", d.h. der Folterung zur Erpressung von
Geständnissen, auf einen bestimmten Personenkreis, nämlich "Kommunisten,
Marxisten, Bibelforscher, Saboteure, Terroristen, Angehörige der
Widerstandsbewegung, Fallschirmagenten, Asoziale, polnische oder
sowjetische Arbeitsverweigerer oder Bummelanten"[12]
gegeben. Hochrangige Wirtschaftskapitäne fielen generell unter keine
dieser Kategorien, auch nicht unter die der "Angehörigen der
Widerstandsbewegungen"; denn auch dann, wenn sie nicht nur Mitwisser,
sondern sogar Anreger von Aktivitäten wie derjenigen Goerdelers waren,
blieben sie doch diesen Aktivitäten selbst fern: das Prinzip der
Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Politik wurde gerade bei
derartigen Unternehmungen strikt gewahrt.
Mit anderen Worten: Die Spitzenkräfte der großen Bank- und
Industriemonopole waren für die Gestapo tabu. Dies ist der entscheidende
Grund dafür, dass wir zwar recht genau über Beweggründe und Aktionen der
Verschwörer Bescheid wissen, über Vorstellungen und Handlungen der
"Wirtschaftsführer" dagegen nur sehr vage Nachrichten besitzen.
Diese geringen Kenntnisse haben ihre Ursache also in einem Sachverhalt,
der allerdings ganz und gar nicht die These jener stützt, die uns
glauben machen wollen, Hitler habe als allmächtiger Diktator alle
Klassen und Schichten gleichermaßen seiner Tyrannei unterworfen.
Wir können uns also bei unserer Untersuchung des Verhältnisses der
herrschenden Klasse zum faschistischen Regime nach dem Umschwung im
Kriegsverlauf, da man nicht mehr darüber im Zweifel sein konnte, dass
der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen war (also etwa beginnend
mit 1943),[13]
nur auf gesicherte Forschungsergebnisse zu zwei Problemkreisen stützen:
zum einen auf die bekannten Fakten über den Komplex des 20. Juli, zum
anderen auf die Ergebnisse der relativ jungen Forschungen über die
Nachkriegsplanungen und die Überlebensstrategie von Kreisen und
Institutionen der deutschen Monopolbourgeoisie in den letzten Jahren und
Monaten der faschistischen Diktatur.[14]
Diese Tatsachen alleine erlauben aber noch nicht, aus Mosaiksteinchen
ein zusammenhängendes, deutlich umrissenes Bild zu entwerfen. Es muss
ergänzend versucht werden, die inneren Zusammenhänge durch
Rekonstruktion der objektiv gegebenen Interessen der herrschenden Klasse
Deutschlands in jener Zeit nachzuzeichnen; um hier die Möglichkeit
subjektiver Fehldeutungen so gering wie möglich zu halten, ist es
darüber hinaus von Nutzen, den Blick nicht nur auf die Jahre 1943 bis
1945 zu richten, sondern ihn auch zurückschweifen zu lassen, um den Weg
und seine wichtigsten Stationen verfolgen zu können, der zum 20. Juli
führte.
II
Eine Situation, in der der Repräsentant des Staates und Oberste
Kriegsherr ein Hindernis für den rechtzeitigen Abbruch eines nicht mehr
gewinnbaren Krieges wird, war für die imperialistische deutsche
Bourgeoisie keine Premiere.[15]
Im ersten Weltkrieg war es der Kaiser - der übrigens viele Züge mit
Hitler gemein hatte: beide zeichneten sich durch ein bizarres, von den
Realitäten weit entferntes Weltbild, durch eine bis ins Groteske
gesteigerte Überschätzung der eigenen Kräfte und daraus entspringende
maßlose Eroberungsziele sowie durch ein krankhaft bis zum Größenwahn
gesteigertes Selbstbewusstsein aus, und beide stellten sie damit
geradezu die ideale Verkörperung der hervorstechendsten Eigenschaften
des deutschen Imperialismus dar -, Wilhelm II. also war es damals,
dessen rechtzeitigen Rücktritt die deutschen Monopolherren und die
einsichtigsten Generale zu erreichen suchten, worüber sich der Kaiser in
einem Brief vom 3. November 1918 an einen Vertrauten bitter beklagte:
"Es war schon alles so schön aufgeteilt, ganz Belgien, Nordfrankreich
usw. Die Schwerindustrie hatte auch schon Beschlag auf alles gelegt, und
nun kommt es mit einmal anders, und jetzt schimpfen sie natürlich, als
wenn ich schuld wäre. Und die Rheinische Schwerindustrie, ... die
verhandelt jetzt mit der Entente, lieber einen guten Frieden ohne mich,
als einen weniger guten mit mir - weg werfen sie mich. ... Und das sage
ich Ihnen, wenn nur das geringste passiert, dann schreibe ich denen die
Antwort mit Maschinengewehren auf das Pflaster, und wenn ich mein
eigenes Schloss zerschieße; aber Ordnung soll sein!"[16]
Auch damals war es nicht gelungen, den lästig Gewordenen rechtzeitig
loszuwerden; erst als die Revolutionswelle Berlin erreichte, rafften
sich die Generale auf und erklärten dem Uneinsichtigen, dass das Heer
nicht mehr hinter ihm stehe und er abzudanken habe.
War es für die herrschende Klasse schon damals schwierig gewesen, dem
Obersten Kriegsherrn, als er hinderlich wurde, "einfach" den Laufpass zu
geben, so war dies noch um vieles schwieriger gegenüber Hitler. Darauf
wies die illegale Landesleitung der KPD in ihrem Dokument vom Juni 1944
"Am Beginn der letzten Phase des Krieges" hin, in dem es hieß: "Aber
angesichts der unabwendbaren militärischen Niederlage des deutschen
Faschismus beginnen sich alle Vorteile, die das faschistische System
bisher dem Finanzkapital bot, in Nachteile zu verwandeln, ohne dass
diejenigen, die Hitler holten, ihn heute einfach wieder wegschicken
könnten."[17]
Warum konnten sie es nicht, worin bestand jetzt die Schwierigkeit? Wir
erwähnten bereits die Erklärung bürgerlicher Historiker und Publizisten,
die ihren plastischen Ausdruck in dem einprägsamen Bild vom "Ritt auf
dem Tiger" gefunden hat: Wer auf dem Tiger reitet, läuft Gefahr, beim
Absteigen von der Bestie zerfleischt zu werden. Dies sei die Situation
des deutschen Bürgertums gewesen, als es sich von Hitler und seinem
Regime trennen wollte. Gemeint ist damit, dass Hitlers Terrorregime so
stark war, dass es jeden Versuch der herrschenden Klasse, ihn fallen zu
lassen, gewaltsam zu vereiteln vermochte.
Nun ist es sicher richtig, dass Hitler 1944 sehr viel größere
Möglichkeiten besaß, das zu praktizieren, was Wilhelm II. 1918 in seinem
ohnmächtigen Zorn zu tun androhte, um sich an der Macht zu halten. Aber
genau so sicher ist, dass die Wehrmacht - wenn sie von einer
entschlossenen Führung geschlossen gegen die nazifaschistischen
Formationen eingesetzt worden wäre -, mit diesen in kurzer Zeit hätte
fertig werden können. Der Beweis wurde am 20. Juli 1944 in Paris
geliefert. Die Schwierigkeit bestand also nicht in einer überlegenen
Stärke der Hitler zur Verfügung stehenden Kräfte der Waffen-SS und der
anderen Naziformationen - eine solche Überlegenheit gab es nicht. Sie
bestand vielmehr in der Unmöglichkeit, die Wehrmachtführung zu einem
einheitlichen, geschlossenen Handeln zubringen.
Diese Unmöglichkeit kann nicht mit einer Furcht vor der
Auseinandersetzung mit der SS erklärt werden: wie sollte sie sich davor
gefürchtet haben, einen unterlegenen Gegner mattzusetzen, da sie sich
doch in Friedens- und Kriegszeiten unaufhörlich damit beschäftigt hatte,
mit gleichstarken oder gar überlegenen Gegnern fertig zu werden? Zudem
lagen ja ausreichende Beweise dafür vor, dass Himmler bereit war, mit
den Verschwörern mitzumachen, zumindest in der Weise, dass er seine SS
von einem Vorgehen zum Schutze Hitlers abhielt. Schon im Frühjahr 1941
hatte Himmler durch einen Vertrauensmann bei dem Schweizer Diplomaten
C.J. Burckhardt nachfragen lassen, ob England mit ihm, Himmler, anstelle
Hitlers Frieden machen würde.[18]
Und am 25. Juli 1943 schrieb Goerdeler in einem Briefentwurf für den
Generalfeldmarschall Kluge: "Ich kann Ihnen auch, wenn Sie es wollen,
Herrn Goebbels oder Herrn Himmler zum Bundesgenossen machen: denn auch
diese beiden Männer haben längst begriffen, dass sie mit Hitler verloren
sind."[19]
Mag bei derartigen Versicherungen Goerdelers auch allerhand Übertreibung
im Spiele gewesen sein[20],
um damit Kluges Zaudern zu überwinden, so kann doch an Himmlers
Bereitschaft, Hitler preiszugeben, um die eigene Haut zu retten, kein
Zweifel bestehen.
Weshalb also schreckten die meisten Generale und nicht weniger der
meisten Generaldirektoren davor zurück, durch eine entschlossene Aktion
Hitler von der Führung zu beseitigen?
Der Grund dafür ist einfach genug: So sehr Hitler ein Hindernis war für
die Anknüpfung von offiziellen Verhandlungen mit den Westmächten, so
unentbehrlich war er für den inneren Gebrauch. Wenn der Terror das
Hauptmittel war, die aktiven Antifaschisten zu liquidieren und die
passiven Unzufriedenen in der Passivität der Furcht verharren zu lassen,
so war Hitler das Hauptintegrationsmittel, das die Mehrheit des Volkes
in blindgläubigem Vertrauen zum "Führer" und damit in einem Zustand
willenloser Gefolgschaft - entsprechend dem Nazislogan "Führer befiehl,
wir folgen Dir!" - hielt. Neben dem Terror war Hitler also der
wirkungsvollste Wall, um die herrschende Klasse vor dem zu schützen, was
sie am meisten fürchtete - mehr noch als die militärische Niederlage und
die bedingungslose Kapitulation: ein zweites 1918, die Revolution.
Wie aber war es dazu gekommen, dass ein solch irrationaler Wunderglaube
an diesen einen Mann zu einem politischen Faktor von solch enormer,
erstrangiger Bedeutung hatte werden können?
In den bürgerlichen Medien wird als Antwort auf diese Frage absichtsvoll
die Legende vom angeblich unwiderstehlichen Charisma Hitlers oder gar
von seiner "Dämonie" verbreitet. Um die tatsächlichen Ursachen für die
Integrationswirkung Hitlers zu erkennen, müssen wir kurz deren
Entwicklung verfolgen.
III
Die deutschen Monopolisten und Junker, die im November 1932 von
Hindenburg die Berufung Hitlers als Kanzler forderten, begründeten diese
Forderung mit der Feststellung, die angestrebte Verfassungsänderung
müsse von einer "breitesten Volksströmung" getragen sein, deshalb müsse
die Kabinettsumbildung "in einer Weise erfolgen, ... die die
größtmögliche Volkskraft hinter das Kabinett bringt", und das mache
erforderlich, "die größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an
der Regierung" zu beteiligen.[21]
In dieser Eingabe kommt in komprimierter Form die Hauptsorge der
deutschen Monopolbourgeoisie seit den Tagen des Zusammenbruchs ihrer
Herrlichkeit im ersten Weltkrieg und seit den Tagen des schmählichen
Scheiterns des Kapp-Putsches zum Ausdruck, und zugleich auch die
fundamentale Lehre, die sie aus den Erfahrungen seit 1914 gezogen hatte:
um eine neue Runde des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt
vorzubereiten und erfolgreich zu bestehen, musste im Innern eine stabile
Massenbasis geschaffen und dauerhaft gesichert werden. Hitler war der
Mann, der es am besten verstanden hatte, Millionenmassen für das
imperialistische Expansionsprogramm zu mobilisieren. Deshalb konnte die
deutsche Monopolbourgeoisie in ihrer Gesamtheit auf die Dauer nicht die
Forderung jener aus ihren Reihen zurückweisen, die wie Schacht und
Thyssen nicht einen erprobten Konservativen wie etwa Papen oder
Hugenberg, sondern den schillernden Emporkömmling Hitler zu ihrem
Kanzlerkandidaten erkoren hatten.
Es muss hier unerörtert bleiben, auf welche Weise es Hitler und seinen
Förderern in der Weimarer Republik gelungen war, der NSDAP den
Millionenanhang zu verschaffen.[22]
Es muss genügen, auf eine wesentliche Besonderheit der
Massenbearbeitungs- und Massengewinnungsmethode der NSDAP hinzuweisen:
sie trat als Partei der Rettung aus dem Sumpf auf, in den die anderen
Parteien das Land hineingeritten hätten, und ihr Führer präsentierte
sich den Massen als Messias, den die Vorsehung dem Volke gesandt hatte.
Sie ließ keinerlei Erörterung des Kurses der Parteiführung durch die
Gefolgschaft zu, sondern verlangte blinden Glauben an den Führer und
dessen Unfehlbarkeit. Sie setzte nicht auf Vernunft und wirkliche
Interessen der Massen, sondern auf irrationale Sehnsüchte nach Erlösung
aus dem gegenwärtigen Elend und lenkte alle Hoffnungen auf die
übermenschlichen, wundertätigen Fähigkeiten eines einzigen Mannes. Der
als "Wunder" präsentierte Aufstieg Hitlers vom "unbekannten Gefreiten
des Weltkriegs" zum "Führer der größten Partei der deutschen Geschichte"
musste als Beweis dafür herhalten, dass er auserwählt war und dafür,
dass mit ihm der Sieg über Not und Elend wie über alle Feinde gewiss
war. Kurzum, Führermythos und Führerglaube waren das Bindemittel, das
die Gefolgschaft mit der Parteiführung am stärksten zusammenkittete. Die
Nazipartei setzte damit in ihren Reihen ein Prinzip durch, das auch in
dem von den Monopolherren erstrebten "starken Staat" zu herrschen hatte,
den sie schon mit dem Kanzler Papen zu erreichen gehofft und zu dem
ihnen nach dessen Scheitern Hitler verhelfen sollte, das Prinzip der
widerspruchslosen Unterordnung des Volkes unter die Staatsführung. Nur
so, durch Beendigung der "Parteienwirtschaft", durch straffe
Zentralisierung der Staatsmacht und Bündelung aller Energien und
Potenzen des Volkes durch einen einzigen Willen, bestand Aussicht, in
einem zweiten Anlauf die weitgreifenden Expansionsziele des deutschen
Imperialismus zu erreichen.
Mit der Ernennung Hitlers zum Kanzler war aber noch lange nicht
ausgemacht, dass er und seine Partei nicht nur formal, sondern auch
tatsächlich die Staatsmacht in den Händen halten sollten. Für viele war
er nur der Mann, der die Massenbasis des "starken Staates" zu liefern
und dessen Bürgerkriegsgarde, die SA, den Widerstand der
Arbeiterbewegung gegen die Errichtung der offenen Monopoldiktatur zu
brechen hatte, um damit den Weg zu einer Restauration der Monarchie
freizumachen, in der die tatsächliche Macht - so die weit verbreitete
Vorstellung in den Reihen der Monopolherren und Junker - in den Händen
der Generalität, der Führung der Wehrmacht, liegen sollte.
Das Diktaturregime einer herrschenden Klasse, deren größte Furcht die
Furcht vor den Massen, vor der Entfesselung ihrer revolutionären
Potenzen ist, besitzt indessen eine Eigengesetzlichkeit, die dazu
zwingt, demjenigen immer mehr Machtvollkommenheit einzuräumen, der sich
auf die Kunst der Massenbeherrschung am besten versteht. Und das war
unzweifelhaft Hitler. Und der war sich durchaus bewusst, worin seine
Unersetzlichkeit für die Herrschenden bestand, wie zahlreiche seiner
Äußerungen bezeugen.[23]
Aber diese seine Fähigkeit war an die Voraussetzung gebunden, dass der
Glaube an die Auserwähltheit und Erlösungsmission des Führers erhalten
und ständig vergrößert wurde, und dies wiederum konnte nur gewährleistet
werden, wenn dieser Glaube immer neue Nahrung erhielt. Damit aber war
die Erhaltung und ständige Steigerung des Führermythos zur Voraussetzung
und Bedingung für die Stabilität der Massenbasis der offenen,
terroristischen Diktatur der reaktionärsten Elemente des Finanzkapitals
geworden.
Die Monopolherren und Junker mussten somit einen hohen Preis zahlen für
die Dienste, die ihnen Hitler und seine Partei leisteten, nämlich den
Preis der unlösbaren Verknüpfung ihres Schicksals mit dem Hitlers in dem
Unternehmen, für dessen Ingangsetzung und Durchführung er engagiert
worden war. Dessen waren sie sich allerdings keineswegs bewusst, als sie
Hitler auf den Kanzlerstuhl hievten. Aber diese innere Logik des
Machtsicherungsmechanismus, den sie mit der Errichtung der
faschistischen Diktatur installiert hatten, setzte sich in allen
Situationen durch, in denen Entscheidungen über die weitere
Ausgestaltung sei es der Staatsform, der Staatsführung oder des
militärischen Oberbefehls zu treffen waren.
Diese innere Logik verlangte, dass der "Führer" - um das Maximum an
Massenwirksamkeit zu erzielen - die oberste Spitze der Staatsmacht
bildete. Das Führerprinzip und der Führermythos waren unverträglich mit
der Unterstellung Hitlers unter ein anderes menschliches Wesen. Über ihm
durfte es nur noch die "Vorsehung" geben.
Symptomatisch dafür war die Regelung der Nachfolge Hindenburgs durch
Hitler als Staatsoberhaupt. Hindenburg hatte sich stets als den
Statthalter für die Hohenzollern betrachtet, und große Teile der
konservativen Politiker sahen in Übereinstimmung mit maßgeblichen
Kräften in der herrschenden Klasse und der Reichswehrführung die Sache
nicht anders. Deshalb brachte das Frühjahr 1934 mit der Erkrankung
Hindenburgs eine Belebung der Aktivität monarchistischer Kreise und eine
bis an Hitler herangetragene Erörterung der nunmehr vermeintlich auf der
Tagesordnung stehenden Restauration der Monarchie. Der Vizekanzler Papen
arbeitete emsig für dieses Ziel und erhielt zunächst auch die
Unterstützung des Oberbefehlshaber des Heeres, General v. Fritsch.
Der Umstand, dass die Wiedererrichtung der Monarchie im Volke kaum
Unterstützung finden, aber bei großen Teilen der Bevölkerung, gerade
auch bei jenen, die in Hitler den berufenen Führer des deutschen Volkes
sahen, auf Unverständnis und Widerstand stoßen würde, hatte Blomberg und
Reichenau indessen schon frühzeitig veranlasst, der Nachfolge Hitlers
anstelle der Wiedererrichtung der Monarchie den Vorzug zu geben, unter
der Bedingung allerdings, dass Hitler dafür sich im Rivalitätenkampf
zwischen Reichswehr und SA eindeutig auf die Seite der Reichswehr
stellen und sich in Fragen der Reichswehrführung nicht einmischen würde.[24]
Diese Beweggründe veranlassten schließlich auch Fritsch, den Bemühungen
um Wiedererrichtung der Monarchie seine Unterstützung zu entziehen. Aber
nicht genug damit, dass die Reichswehrführung Hitler zum Staatsoberhaupt
und damit zum Obersten Befehlshaber der Streitkräfte machte: Reichenau
ergriff auch die Initiative für die Abänderung der Eidesformel[25];
entsprechend dieser neuen Formel wurden die Wehrpflichtigen nun nicht
mehr auf "Volk und Vaterland", sondern auf Treue zur Person des Führers
vereidigt, um damit ein "ähnliches Verhältnis wie zum Kaiser" zu
begründen und die Person Hitlers aus jeder kritischen Betrachtung
auszunehmen, wie Fritsch auf einer Befehlshaberbesprechung erläuterte.[26]
Dies geschah keineswegs aus dem Gefühl einer Schwäche Hitler gegenüber,
sah sich doch die Reichswehrführung als eigentlicher Sieger des 30. Juni
1934 nicht nur über Röhm, sondern auch über Hitler.
Welche Befürchtungen in Wahrheit der Option für Hitler und zugleich auch
der unziemlichen Eile zugrunde lagen, mit der das Gesetz über die
Einsetzung Hitlers als Staatsoberhaupt - noch zu Lebzeiten Hindenburgs!
- angenommen wurden, das geht sehr klar aus einem Brief vom 12.8.1934
des späteren Generalmajors und Beteiligten am Attentat vom 20. Juli
1944, Helmuth Stieff, hervor, der dort schrieb: "Die sofortige Regelung
der Nachfolge halte ich aus staatspolitischen Gründen für absolut
zwingend notwendig. Es durfte keine Minute zweifelhaft bleiben, wer das
neue Staatsoberhaupt ist. Unser gesamtes Staatswesen steht z.Zt. auf so
schwankenden Füßen, dass jede Unklarheit und jedes Interregnum von
gefährlichster Bedeutung hätte werden können. Dazu lag der 30. Juni noch
viel zu dicht heran."[27]
Die Furcht vor einem Interregnum, das auch nur einen Spalt für
unberechenbare Reaktionen der Massen öffnen könnte - diese Furcht war
die treibende Kraft, die 1934 Hitlers weiteren Aufstieg vorantrieb, wie
sie 1944 seine Beseitigung durch die Verschwörer verhinderte.
Das Bestreben, keine Beeinträchtigung der integrierenden Wirkung des
Hitlermythos zuzulassen, gab letzten Endes auch den Ausschlag für den
Ausgang der berüchtigten Fritsch-Krise zu Beginn des Jahres 1938.
Oberflächlich betrachtet handelte es sich dabei um eine Intrige Görings
und Himmlers, eingefädelt zu dem Zweck, Blomberg als Kriegsminister und
Fritsch als dessen voraussichtlichen Nachfolger bei Hitler unmöglich zu
machen, um damit für Göring den Weg ins Kriegsministerium und für die SS
die Bahn für deren Umwandlung in eine Art vierter Waffengattung frei zu
machen.[28]
Diese Ziele wurden nicht erreicht. Blomberg und Fritsch mussten zwar
ihren Abschied nehmen. Aber Nachfolger Blombergs als Oberbefehlshaber
der Wehrmacht wurde nicht Göring, sondern Hitler selbst. Für den kam die
ganze Affäre sehr überraschend. Er hatte keineswegs von sich aus auf
eine solche Lösung hingearbeitet, wollte vielmehr einen anderen General,
- anfangs Fritsch - als neuen Kriegsminister. Der Vorschlag, Hitler
selbst solle das Oberkommando übernehmen, kam pikanterweise von dem
gerade erst entlassenen Blomberg.[29]
Welche persönlichen Beweggründe Blomberg für diesen Vorschlag auch immer
gehabt haben mag - er fand die Billigung der Wehrmachtgeneralität, weil
er der Logik der ständigen Steigerung des Führermythos entsprach: je
näher der Zeitpunkt des Übergangs von der Expansionsplanung zum
bewaffneten Vorgehen rückte, um so lebenswichtiger wurde die
Gewährleistung eines sicheren Hinterlandes durch eine Bevölkerung, die
in ihrer großen Mehrheit fest hinter der Staatsführung stand, und einer
Armee, die durch bedingungslosen Gehorsam und blindes Vertrauen zur
Führung immun gegen "zersetzende Einflüsse" und ein zuverlässiges
Instrument in den Händen der Vorgesetzten war.
Obwohl eingeleitet durch eine Intrige lagen die Ursachen für die
Fritsch-Krise viel tiefer. Sie stand eigentlich am Abschluss einer
Auseinandersetzung innerhalb der Führung des faschistischen Deutschland,
die schon 1935/36 begonnen hatte und schon im November 1937 zur
Entlassung Hjalmar Schachts als Reichswirtschaftsminister geführt hatte.
Schacht war dann auch die Schlüsselfigur dieser Auseinandersetzungen.
Seine Ernennung zum Reichswirtschaftsminister im Juli 1934 (unmittelbar
nach dem Blutbad des 30. Juni) verdankte dieser Vertrauensmann der
britischen und US-amerikanischen Hochfinanz vor allem dem Umstand, dass
Deutschland in der Phase seiner militärischen Unterlegenheit im
Vergleich zu Frankreich für die forcierte Aufrüstung die Rückendeckung
durch die USA und Großbritannien gegenüber etwaigen Sanktionsabsichten
Frankreichs brauchte. In dieser Zeit war Schacht faktisch der
Wirtschaftsdiktator Deutschlands, der sich von Hitler ebenso wenig in
seine Domäne hineinreden ließ, wie die Reichswehrführung in die ihrige.[30]
Seine Ernennung zum Generalbevollmächtigten für die Kriegswirtschaft im
Mai 1935 brachte seine beherrschende Position auch nach außen zum
Ausdruck.
Nachdem - vor allem dank Schachts führender Mitwirkung bei der
forcierten Rüstung Deutschlands - die Phase der militärischen Schwäche
gegenüber Frankreich durchlaufen war, nahmen die maßgeblichen
Monopolkreise des deutschen Imperialismus - mit der Deutschen Bank und
den IG-Farben an der Spitze - die nächste Etappe ihres Fahrplanes zur
Welthegemonie in Angriff, nämlich die Erringung der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit, insbesondere der Unabhängigkeit hinsichtlich der
Rohstoffversorgung aus Übersee.
Bereits 1930 hatte der Deutsche Bank-Direktor Kehl in einem Vortrag
gefordert, an der Spitze aller Überlegungen müsse die politische
Handlungsfreiheit stehen; durch eine Art deutschen Fünfjahresplans solle
sich das deutsche Volk (!) "freimachen von ausländischer Hilfe".[31]
Nunmehr war der Zeitpunkt für die Verwirklichung dieser Forderung
gekommen. Die Vierjahresplan-Denkschrift vom August 1936[32],
deren Konzept den IG Farben-Direktor Carl Krauch zum Verfasser hatte[33],
die aber entsprechend den Erfordernissen des Führerprinzips als
Denkschrift Hitlers zur Annahme vorgelegt wurde, forderte ganz im Sinne
der Ausführungen Kehls einen "Mehr-Jahresplan der Unabhängigmachung
unserer nationalen Wirtschaft vom Ausland" und enthielt scharfe Ausfälle
gegen die einem solchen Autarkiekurs widerstrebende Argumentation des
Reichswirtschaftsministers Schacht.
Die Autarkiebestrebungen des Vierjahresplanes waren ein eindeutiger
Beweis dafür, dass die hinter diesem Plan stehenden Kreise des deutschen
Imperialismus Deutschland "blockadefest" machen wollten, um somit die
Voraussetzungen dafür zu schaffen, Blitzfeldzüge nicht nur in Richtung
Osten, sondern bei günstiger Gelegenheit in alle Richtungen führen zu
können, falls unvermeidlich, auch als Zweifrontenkrieg.[34]
Im September 1936 wurde auf dem Nürnberger Parteitag der Vierjahresplan
von Hitler verkündet, im Oktober 1936 Göring mit der Durchführung des
Vierjahresplans beauftragt, wodurch Schachts Kompetenz empfindlich
eingeschränkt wurde.
Wie aufmerksam in den USA die Entwicklung in Deutschland verfolgt und
mit welcher Besorgnis jedes Anzeichen sinkenden Einflusses von Schacht
in Washington und New York registriert wurde, geht aus einem Gespräch
hervor, das am 23. September 1935 in der USA-Botschaft zwischen dem
US-amerikanischen Generalkonsul S.R. Fuller und Hjalmar Schacht
stattfand[35]
und dessen Inhalt umgehend dem Präsidenten Roosevelt telegrafisch
übermittelt wurde. Der Teil des Gespräches, der in unserem Zusammenhang
besonders interessiert, hat folgenden Wortlaut:
F(uller): Einige Ausländer haben das Gefühl, dass Sie Gefahr laufen,
Ihre Macht zu verlieren. Sie bemerken einen Kampf zwischen Goebbels und
Streicher auf der einen und Ihnen und der Armee auf der anderen Seite.
S(chacht): Die Armee steht hinter dem Führer. ...Ich werde nicht fallen.
Um sich an der Macht zu halten, muss man stets konservativ sein. ...Ich
bin konservativ, und die Armee ist immer konservativ.
F: Wo wird Hitler stehen? Wird er auf Seiten der Armee stehen?
S: Zweifellos.
F: Wird die Armee mit ihm sein?
S: Zweifellos. Das deutsche Volk braucht Hitler. Die Deutschen sind zu
95% für Hitler. Sie mögen unzufrieden sein mit seiner Umgebung,
(disagree as to the regime which surrounds him), aber sie wollen und
brauchen Hitler.
F: Nochmals: will die Armee ihn wirklich?
S: Zweifellos. Hitler ist eine Notwendigkeit für sie und für
Deutschland.
F: Wird Hitler sich der konservativen Seite zuwenden?
S: Zweifellos. Um an der Macht zu bleiben, muss ein Staatsmann
konservativ sein.
Die weitere Entwicklung zeigte, dass die ausländischen Skeptiker die
Labilität der Position Schachts besser einzuschätzen vermochten als er
selbst. Später beklagte sich Schacht bitter darüber, dass ihn die
Wirtschaftsführer und überhaupt das Bürgertum im Stich gelassen hätten.
Die Wirtschaftsführer seien, als sie sahen, dass er in der Wirtschaft
nichts mehr bedeutete, aus seinen Vorzimmern verschwunden und hätten
sich in die Vorzimmer Görings gedrängt.[36]
Schacht verwechselt hier absichtlich Wirkung und Ursache: Nicht, weil er
seine Macht verlor, wandten sich die Wirtschaftsführer von ihm ab,
sondern weil sich die Wirtschaftsführer von ihm und seinem Konzept
abwandten, verlor er seine Macht. Und sie wandten sich in ihrer Mehrzahl
von seinem Konzept ab, weil es vorsah, die wirtschaftliche Abhängigkeit
Deutschlands von den USA aufrechtzuerhalten, um von vornherein eine
andere Stoßrichtung als die gen Osten, gegen die Sowjetunion,
auszuschließen und die Gefahr eines Zweifrontenkrieges erst gar nicht
wieder aufkommen zu lassen. Dem lag die zutreffende Einschätzung
zugrunde, dass Deutschlands Kräfte für die Führung eines lang
anhaltenden Krieges gegen die in jeder Hinsicht weit überlegenen
angelsächsischen Mächte und deren Verbündete genau so wenig wie im
ersten Weltkriege ausreichten. Diese Ansicht wurde von einem erheblichen
Teil der Monopolherren - insbesondere von Fritz Thyssen - wie auch von
maßgeblichen Militärs geteilt, die aber dennoch in beiden Bereichen eine
Minderheit darstellten.
Das Gros der deutschen Monopolisten sah nicht nur die Gefahren, die aus
einem möglichen Zweifrontenkrieg hervorgehen konnten, sondern auch jene,
die aus einer Abhängigkeit von den Westmächten und von deren leicht
durchschaubaren Absichten ausgingen, Deutschland im Kriege gegen die
Sowjetunion die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Sie waren sich
durchaus darüber im klaren, dass Stalins auf dem 18. Parteitag der KPdSU
vorgetragene Analyse der hintergründigen Absichten, die von den
Westmächten mit ihrer Nichteinmischungspolitik verfolgt wurden[37],
den Nagel auf den Kopf traf. Hitler sprach in seiner Rede vor den
Oberbefehlshabern am 22. August 1939 - einen Tag vor dem Abschluss des
Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion -, nur aus, worüber sich seine
Zuhörer ohnehin klar waren, wenn er sagte: "Nun bestand bei den
Westmächten die Hoffnung auf das Mitmachen von Russland. ...Der
Entschluss, Blut einzusetzen, ist schwer. Man fragt dann leicht: Warum
gerade ich? So richtete sich die Hoffnung Englands auf Russland. Aber
nur ein blinder Optimist konnte glauben, Stalin würde so wahnsinnig
sein, den Gedanken Englands nicht zu durchschauen: nämlich wie im
Weltkrieg im Westen eine Art Stellungskrieg zu führen und im Osten
Russland die Blutlast des Krieges tragen zu lassen."[38]
Hitler brauchte dem nicht hinzuzufügen, dass auch er nicht so wahnsinnig
sei, Großbritanniens Absicht, Nazideutschland als Festlandsdegen gegen
die Sowjetunion einzusetzen und dabei ausbluten zu lassen, nicht zu
durchschauen.
Die deutschen Imperialisten und Generale hatten zu keinem Zeitpunkt die
Absicht gehegt, ihre Armeen gegen die Sowjetunion marschieren zu lassen,
nur um damit am Ende die Reichtümer des Sowjetlandes für Großbritannien
und die USA als lachende Dritte erobert zu haben. Deshalb entschieden
sie sich 1936 in ihrer Mehrheit für den Vierjahresplan als Voraussetzung
für eine Kriegsführung auf eigene Rechnung und zum eigenen Nutzen, also
für Göring und gegen Schacht. Zwar wurde in Hitlers Denkschrift der
Vierjahresplan ausdrücklich mit der Notwendigkeit eines
Ausrottungsfeldzuges gegen den Bolschewismus begründet, und das war
keineswegs nur ein Vorwand. Aber wenn man die Früchte des Sieges alleine
ernten wollte, dann durfte man nicht auf die Versorgung und
Unterstützung aus Übersee angewiesen bleiben. Dann durften aber auch
nicht jene Hemmschuhe unter den Militärs und in der Regierung in ihren
Ämtern bleiben, die nichts mehr fürchteten als kriegerische
Verwicklungen mit den Westmächten und die mit ihren ewigen Warnungen und
Unkenrufen die forcierte Vorbereitung auf die Ausnützung jeder günstigen
Situation, in welcher Richtung sie sich auch bieten würde, störten und
behinderten, also Leute wie Fritsch und der Generalstabschef Beck,
Schacht und der Außenminister Neurath.
Treibende Kräfte bei dieser "Säuberung" waren bezeichnenderweise jene
beiden Naziführer, die über die engsten Kontakte zu den Spitzen der
deutschen Monopolbourgeoisie verfügten - Göring (zu den IG-Farben) und
Himmler (über den so genannten "Freundeskreis Reichsführer SS").
Die widerstandslose Hinnahme der unglaublichen Intrige gegen den
Oberkommandierenden des Heeres durch die Generalität hatte tief
greifende Auswirkungen auf Hitlers Verhältnis zur Wehrmachtführung. Er
hörte auf, die Spitzenmilitärs mit dem Respekt des Laien gegenüber hoch
qualifizierten Fachleuten zu betrachten; anstelle seiner früheren
Befangenheit ihnen gegenüber erfüllte ihn immer mehr ein Gefühl der
Überlegenheit, gepaart mit Verachtung ob der Servilität eines Keitel und
anderer sowie wegen der von ihm als "Kriegsscheu" qualifizierten
Bedenken des Generalstabschefs Beck und seines Nachfolgers Halder. Er
begann, sich nicht nur als der politische Führer, sondern auch als der
Feldherr zu sehen, der den verkalkten Spezialisten erst einmal
beibringen musste, wie ein moderner Krieg geführt wird.
Bei den wenigen Militärs wie Beck und Thomas[39]
und Politikern wie Goerdeler und Hassell[40],
die aufgrund ihrer genauen Kenntnis des tatsächlichen weltpolitischen
und militärischen Kräfteverhältnisses - soweit es den imperialistischen
Teil der Welt betraf - ihre Nüchternheit bewahrten, rief die ab
Frühjahr 1938 zunehmend abenteuerliche und geradezu provokatorische
Politik der politischen und militärische Führung helles Entsetzen
hervor. In zahlreichen Denkschriften und Memoranden an Hitler wiesen sie
die Unmöglichkeit für Deutschland nach, einen lang andauernden
Mehrfrontenkrieg zu führen.[41]
Das blieb jedoch sowohl auf Hitler als auch auf die Mehrzahl der
Generale und die hinter dem Vierjahresplan stehenden Monopolherren ohne
Eindruck, da ihr Konzept, an dessen Durchführbarkeit sie fest glaubten,
nach Krauchs Worten vorsah "rasche Kriegsentscheidung durch
Vernichtungsschläge gleich zu Beginn der Feindseligkeiten"[42]
zu erzwingen. Und da die von den "Hemmschuhen" vorhergesagten
katastrophalen Folgen sowohl in der "Sudetenkrise" als auch nach der
Besetzung Prags ausblieben, beide Unternehmen vielmehr mit einem
triumphalen Erfolg für Hitler endeten, stiegen sein Ansehen im Volk und
der Glaube an seine Unfehlbarkeit auf eine neue Höhe, und selbst unter
den Generalen wuchs die Zahl derer ständig, die ihn für einen
meisterlichen Strategen hielten. Sie übersahen völlig, dass es lediglich
der Beschwichtigungspolitik der Westmächte zuzuschreiben war, wenn die
von den oppositionellen Politikern und Militärs vorausgesagten
katastrophalen Folgen ausblieben, und dass diese Politik der Westmächte
nicht etwa ein Ausdruck der Schwäche und Kampfunfähigkeit war, sondern
dem Wunsche entsprang, Deutschlands innere Stabilität nicht zu
erschüttern, bevor es seine Aufgabe, die Sowjetunion zu überfallen und
zu überwältigen, in Angriff genommen hatte. Deshalb nahm man in London
die Informationen aus den Reihen der Opposition über Vorbereitungen zum
Sturz Hitlers zwar interessiert zur Kenntnis, dachte aber überhaupt
nicht daran, Hitler die zur Unterstützung ihres Vorgehens erbetenen
außenpolitischen Schwierigkeiten zu bereiten.[43]
Der Abschluss des Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion am 23. August
1939 war im deutschen Volk in anderer Weise populär als die
vorhergehenden Aktionen. Zum ersten Male war es kein Akt der Aggression
und Expansion, sondern ein echtes Friedenssicherungsabkommen (wenn es
ernst gemeint war), mit dem die Naziführung das deutsche Volk
überraschte. Die Erleichterung darüber war womöglich noch größer als die
Überraschung und reichte bis in konservative Kreise hinein. Hitler hatte
dort zusätzliches Vertrauen gewonnen, weil er - so meinte man - nun doch
an die bewährten Maximen Bismarckscher Außenpolitik anknüpfte.
Ganz anders allerdings sah man in den Kreisen um Schacht und Thyssen,
Goerdeler und Hassell die Dinge. Für sie war der Nichtangriffspakt das
schlimmste aller Verbrechen Hitlers. Am 2. September 1939, nach dem
Abschluss des Nichtangriffspaktes und dem Überfall der deutschen Truppen
auf Polen, verließ Fritz Thyssen mit seiner Familie "Großdeutschland"
und sandte am 1. Oktober an Göring einen Brief, in dem er die Gründe für
seine Emigration darlegte. Darin hieß es über den Abschluss des
Nichtangriffspaktes: "Selbst vom Standpunkt einer pragmatischen Politik
(practical politics) kommt diese Politik einem Selbstmord gleich, denn
der einzige, der davon profitiert, ist der gestrige Todfeind und heutige
Freund des Nationalsozialismus, Russland, das Land, von dem des Führers
engster Berater Keppler in einer Rede vor dem Verwaltungsrat der
Reichsbank vor einigen Monaten sagte, es müsse bis hin zu den Bergen des
Ural germanisiert werden. Alles, was ich jetzt tun kann ist, an Sie und
den Führer dringendst zu appellieren, nicht länger eine Politik zu
verfolgen, die, falls erfolgreich, Deutschland in die Arme des
Kommunismus treiben, und im Falle des Scheiterns das Ende Deutschlands
bedeuten wird."[44]
Ullrich v. Hassell notiert unter dem Datum des 10. Oktober 1939 in
seinem Tagebuch folgendes über den Inhalt eines Gespräches mit
Goerdeler: "Meiner Grundauffassung stimmt er in jeder Hinsicht zu. Auch
nach seiner Ansicht ist die Kriegspolitik ein verbrecherischer Wahnsinn
und die Politik mit Russland in dieser Form eine ungeheure Gefahr. In
der Lage ohne Ausweg, in die uns Hitler und Ribbentrop hineinmanövriert
hatten, haben sie als einziges Auskunftsmittel die Kooperation mit den
Sowjets gesehen, ... Alles tritt aber zurück gegen die unbekümmerte
Auslieferung eines großen Teiles des Abendlandes ... an denselben
Bolschewismus, den wir angeblich im fernen Spanien auf Tod und Leben
bekämpft haben. ... Die ganze Lage führt mich zu dem Schlusse, dass es
hohe Zeit wird, den hinabrollenden Wagen zu bremsen."[45]
Zunächst aber schien der Wagen unaufhaltsam auf der Siegesstraße
voranzurollen, dem Endsieg entgegen: Norwegen, Belgien, Frankreich,
Jugoslawien, Griechenland - wo immer die deutschen Streitkräfte
angriffen, warfen sie den Gegner in einem Blitzfeldzug nieder - in Kürze
war Hitlerdeutschland Herr von fast ganz Europa. Mit jedem neuen Sieg
wuchs Hitlers blendender Ruhm weiter an und stieg bis ins Unermessliche,
als die deutschen Panzerarmeen auch nach dem Überfall auf die
Sowjetunion scheinbar unaufhaltsam vorrollten. Im August 1941, im Zenit
seiner Erfolge, rühmten ihn nicht nur die Nazipropagandisten als den
größten Feldherrn aller Zeiten, der von Alexander dem Großen bis zu
Napoleon alle seine Vorgänger in den Schatten stellte; dies glaubte bis
auf wenige Ausnahmen ein ganzes Volk, und dies glaubten auch viele
Menschen im Ausland, die sich voller Angst und Verzweiflung fragten, ob
es denn überhaupt noch eine Kraft gebe, um Hitler und seine Armeen zu
stoppen.
Hitler war aber damit auch zum wichtigsten und stärksten, durch nichts
und niemanden zu ersetzenden Faktor der inneren Stabilität, der
Erhaltung der Kriegsbereitschaft und Durchhaltemoral im deutschen Volk
geworden.
Das Interesse an der Bewahrung dieser Moral und Ruhe an der
"Heimatfront" erforderte die Bewahrung der Wirkung des Hitlermythos auch
und erst recht nach dem Umschwung im Kriegsverlauf, als das Vertrauen an
der Front und in der Heimat in die Führung durch die ununterbrochene
Kette von Niederlagen schweren Belastungen ausgesetzt wurde. Nicht nur
Hitlers Eitelkeit und Ehrgeiz, auch die "Staatsraison" bedurfte der
Sündenböcke für die Niederlagen in Gestalt "unfähiger" Generale, die in
die Wüste geschickt wurden, als erster Brauchitsch.
Hitler blieb unverzichtbar, jetzt zwar nicht mehr als der Garant des
Sieges, aber doch als Träger aller Hoffnungen auf ein Wunder, das den
Sieg trotz allem noch herbeiführen könnte; war er doch der Mann, der
durch ein Wunder aus dem Nichts zum Gipfel einer beispiellosen Macht
emporgestiegen war, dem deshalb auch das Wunder zugetraut werden konnte,
sich selbst und das Land vor dem Versinken ins Nichts zu bewahren.
Solange sich das Volk in seiner Mehrheit an die Hoffnung Hitler
klammerte, waren die Herrschenden davor gesichert, dass es einen Ausweg
durch eigenes Handeln suchen würde, abgeschirmt vor der Gefahr einer
Wiederholung des November 1918.
Hitler blieb also auch und gerade in der Krise des faschistischen
Regimes der "Wert-Faktor", als den er sich selbst bezeichnet hatte,
bevor er den Startschuss für die Auslösung des Zweiten Weltkrieges gab.
Aber zugleich war Hitler das entscheidende Hindernis dafür, mit den
Westmächten über einen Verständigungsfrieden zu verhandeln, solange
Deutschland in einem Handel noch etwas in die Waagschale zu werfen
hatte: militärische und wirtschaftliche Stärke und riesige besetzte
Gebiete als Faustpfänder.
In diesem Dilemma mussten sich die widerstrebenden Interessen innerhalb
der herrschenden Klasse in widerstreitenden Tendenzen der Suche nach
einem Ausweg niederschlagen. Grob gesehen lassen sich drei Varianten
imperialistischer Haltung angesichts der drohenden Niederlage ausmachen:[46]
Erste Variante: Das
Allerwichtigste ist die Revolutionsverhinderung. Jedes Vorgehen gegen
Hitler birgt das Risiko eines Dammbruches mit unabsehbaren Folgen in
sich, deshalb ist es besser, den Weg mit Hitler bis zu Ende zu gehen.
Wie der Krieg auch ausgeht - die unnatürliche Koalition der Westmächte
mit der Sowjetunion muss früher oder später an ihren inneren Gegensätzen
zerbrechen, und um so rascher, je größer die Erfolge der Roten Armee
sind und je näher diese der deutschen Grenze kommt. Deutschland wird für
die Westmächte immer als Bollwerk gegen den Bolschewismus unentbehrlich
sein. Deshalb ist selbst eine bedingungslose Kapitulation einem Vorgehen
gegen Hitler mit dem Risiko einer revolutionären Erhebung vorzuziehen,
denn diese würde kaum ein zweites Mal so glimpflich auslaufen wie die
Novemberrevolution: damals gab es noch keine Kommunistische Partei, und
die Sowjetunion musste um des Überlebens willen das Brester Diktat
akzeptieren. Jetzt aber ist die KPD die einzige
organisierte
Gegenkraft, und die Rote Armee würde als Siegermacht auf deutschem Boden
stehen. Eine Revolution wäre also mit ziemlicher Sicherheit das Ende des
Kapitalismus in Deutschland, die Kapitulation dagegen mit Hilfe der
Westmächte nur eine Niederlage mit der Chance des Neubeginns. Deshalb
sollte als einziges Mittel, die Westmächte zu Verhandlungen geneigt zu
machen, die Verstärkung der militärischen Anstrengungen eingesetzt
werden, um ihnen klar zu machen, dass die Fortführung des Krieges auch
von ihnen einen ungeheuren Blutzoll fordern würde. Sollte sich aber doch
eine Situation ergeben, in der Hitler nicht mehr da ist und sich dadurch
der Weg für Verhandlungen mit den Westmächten öffnet, dann wäre das
natürlich eine sehr erwünschte Gelegenheit, die unbedingt genutzt werden
müsste. Darauf darf man indessen nicht warten. Man muss jetzt schon eine
Überlebensstrategie für die Zeit nach dem Kriege entwickeln. Dies war in
etwa die Position, die von einem Teil der deutschen Monopolisten und
natürlich von den offiziellen Institutionen - z.B. der Reichsgruppe
Industrie, dem Reichswirtschaftsministerium, dem Speer-Ministerium -
eingenommen wurde. Zeugnisse dafür sind die inzwischen aufgedeckten und
bereits erwähnten Nachkriegsplanungen.[47]47
Zweite Variante: Natürlich
ist die Revolutionsverhinderung das Allerwichtigste. Aber zugleich darf
man nicht auf den Versuch verzichten - durch eine Verständigung mit den
Westmächten -, von dem, was im Krieg erobert wurde, und an militärischer
Macht so viel zu retten wie irgend möglich. Man muss das Interesse der
Westmächte daran, dass den Russen der Weg nach Europa verlegt wird,
ausnutzen und ihnen anbieten, die ganze militärische Macht des Deutschen
Reiches an die Ostfront zu werfen, als Gegenleistung für den Verzicht
auf bedingungslose Kapitulation und für einen Frieden, der Deutschland
als selbständige Macht bestehen lässt, mit Grenzen, die alle Deutschen
oder möglichst viele von ihnen in Mitteleuropa umschließen. Das ist mit
Hitler nicht zu erreichen. Deshalb muss ein Weg gefunden werden, Hitler
von der Spitze zu beseitigen, sei es auf dem italienischen Wege, durch
Verhaftung und Absetzung, sei es durch ein Attentat. Auf welchem Wege
auch immer, gesichert werden muss, dass der Wechsel an der Spitze
schlagartig und mit Blitzesschnelle erfolgt, um auch nicht für eine
Sekunde ein Machtvakuum entstehen zu lassen. Die Soldaten und die
Bevölkerung dürfen davon erst erfahren, wenn die neue Regierung schon
installiert ist. Jede Bewegung von unten muss verhindert und es muss
gesichert werden, dass den Anweisungen und Befehlen von oben
bedingungslos Folge geleistet werde. Dies ist um so notwendiger, als der
Krieg im Osten auf jeden Fall, im Westen wenigstens bis zum Beginn von
Verhandlungen weiterzuführen ist.
Ein Vorgehen gegen Hitler ist natürlich riskant. Es kann nur gelingen,
wenn die militärische Führung, zumindest maßgebliche bekannte und
populäre Heerführer, mitmachen, und es darf nur in Gang gesetzt werden,
wenn vorher von den Westmächten die Zusicherung vorliegt, dass von einer
Regierung ohne Hitler keine bedingungslose Kapitulation gefordert,
sondern mit ihr über einen Verständigungsfrieden verhandelt wird.
Die Formulierung eines solchen, sich natürlich im Verlauf des Krieges
modifizierenden, aber im Grundlegenden gleich bleibenden Konzeptes
finden wir vor allem in den zahlreichen Denkschriften Carl Goerdelers.
"Grundlage seiner Anschauungen war der Antikommunismus", schreibt Kurt
Finker über Goerdeler und fährt fort: "In einer Denkschrift vom 1. Juli
1940 malte er das Bild eines unter der Zwangsherrschaft Hitlers
verelendenden Europas, dessen notleidende Massen den besten Nährboden
für ´bolschewistische Ideen´ bieten würden. ...Goerdeler wollte das
faschistische Regime nicht beseitigen, er wollte es reformieren. ...In
der Ende 1940 und Anfang 1941 verfassten Denkschrift ´Das Ziel´ breitete
Goerdeler seine Ansichten bis ins Detail aus. Doch handelte es sich nach
wie vor nur um eine Variante der reaktionären und aggressiven
Vorherrschaftsstrategie des deutschen Imperialismus, eine Variante, die
allenfalls durch mehr Elastizität und Flexibilität gekennzeichnet war."[48]
Diese Einschätzung wird durch längere Ausführungen aus der Denkschrift
belegt. So hieß es dort z.B.: "Der für Deutschland in Betracht kommende
Großwirtschaftsraum ist sicherlich Europa. Aber abgesehen davon, dass er
zumindest für die beiden nächsten Jahrzehnte infolge der Rückständigkeit
Russlands nicht ausreicht, wäre es schwächlicher Verzicht, wenn wir
nicht unsere Leistungsfähigkeit auch in den übrigen Teilen der Welt
ausnutzen wollten. ...Die zentrale Lage, die zahlenmäßige Stärke und die
hochgespannte Leistungsfähigkeit verbürgen dem deutschen Volk (?! K.G.)
die Führung des europäischen Blocks, wenn es sie sich nicht durch
Unmäßigkeit oder durch Machtsuchtmanieren verdirbt.
...Tut man gar alles, um die Führung unsichtbar zu machen, lässt man
anderen bei Äußerlichkeiten betont den Vortritt, so kann man spielend
die europäischen Staaten zum gemeinsamen Wohl führen, ... Es ist nicht
zu kühn gesagt, dass bei rechtzeitigem Handeln, d.h. Abbruch des Krieges
zugunsten eines sinnvollen politischen Systems, der europäische
Staatenbund unter deutscher Führung in 10 bis 20 Jahren Tatsache wird...
Im Osten kann eine fruchtbare wirtschaftliche und politische
Zusammenarbeit mit einem bolschewistischen Russland sich nicht
entfalten. ...Das Ziel muss sein, Russland allmählich in eine
europäische Zusammenfassung einzubeziehen."[49]
Goerdeler erkannte sehr klar, dass Deutschland einen lang dauernden
Krieg nicht gewinnen konnte, und er war sich auch darüber im klaren,
dass die von den deutschen Armeen (in seiner Diktion: von Hitler)
praktizierte Politik und Kriegsführung Verbrechen auf Verbrechen häufte
und deshalb nur Sturm ernten konnte; das hinderte ihn jedoch nicht,
große mit dieser Politik und dieser Kriegsführung eroberte Gebiete auch
für das Deutschland nach Hitler zu beanspruchen. Das wird sehr deutlich
an seinem so genannten "Friedensplan" vom 30. Mai 1941, der für die
englische Regierung bestimmt war.[50]
Einleitend wird gesagt, eine "Gruppe deutscher Persönlichkeiten, der
führende Männer aller Lebensgebiete angehörten", sei "bereit, die
Verantwortung für die Bildung einer Regierung zu übernehmen". Die
"maßgebenden Persönlichkeiten" wünschten aber "schon jetzt Klarheit
darüber zu gewinnen, ob alsbald nach erfolgter Einsetzung einer solchen,
den Nationalsozialismus ablehnenden Regierung gemäß früheren
Versicherungen der britischen Regierung[51]
Friedensverhandlungen aufgenommen werden können". Sodann werden die "von
der deutschen Gruppe verfolgten Friedensziele", die "Grundlage von
Verhandlungen" sein sollten, formuliert, darunter:
...
"2. Bestätigung der vor dem Kriege erfolgten Anschlüsse von Österreich,
Sudetenland, Memelland an Deutschland.
3. Wiederherstellung der Grenzen Deutschlands von 1914 gegenüber
Belgien, Frankreich, Polen.
...
5. Rückgabe der deutschen Kolonien oder gleichwertiger Kolonialgebiete
unter gleichzeitiger Einrichtung eines internationalen Mandantarsystems
für alle Kolonien.
6. Keine Kriegsentschädigung, gemeinsamer Wiederaufbau."
Noch erstaunlicher als die Selbstverständlichkeit, mit der hier
Elsass-Lothringen, Eupen-Malmedy und der sogenannte "Polnische Korridor"
für Deutschland reklamiert wurden, sind allerdings die
"Friedens-Vorschläge", die Goerdeler noch lange nach Stalingrad, im
Herbst 1943, den umworbenen britischen Verhandlungspartnern zumuten zu
können glaubte. Man liest da:[52]
"Wir gehen davon aus, dass
Von diesen Prämissen ausgehend, kommt Goerdeler zu folgenden deutschen
Forderungen:
"Alle Pläne, Deutschland aufzuteilen, müssen immer wieder Spannungen in
Deutschland und damit in Europa erzeugen... Als deutsche Grenzen kommen
in Betracht:
Dieser territoriale Bestand des Deutschen Reiches setzt eine
Verständigung über (über, nicht: mit! K.G.) Polen voraus. Soweit sich
jetzt übersehen lässt, ist der Bestand Polens davon abhängig, dass die
deutsche Front im Osten die polnische Ostgrenze von 1938 (also
einschließlich Westbjelorussland und Westukraine! K.G.) hält. Bricht sie
zusammen, so ist Polen an Russland verloren. ...Polen kann Ersatz für
Westpreußen und Posen durch eine Staatsunion mit Litauen (also einer
Sowjetrepublik! K.G.) erhalten. Dadurch wird beiden Völkern geholfen und
Polen der Zugang zum Meer geschaffen....
An eine Wiedergutmachung des durch den Hitlerismus den europäischen und
anderen Völkern zugefügten Schadens ist nicht zu denken. Deutschland ist
durch Hitler schon vor diesem Kriege in ungeheure Schulden gestürzt....
Zur Zeit besteht in Russland ein gleichmäßiges bolschewistisches System.
... Wenn das heutige Russland Vorherrschaft über Europa ausübt, werden
die mittel- und westeuropäischen Völker, durch den Krieg geschwächt,
durch Leidenschaft bewegt, vor schier unerfüllbaren Aufgaben stehend,
zunächst dem radikalen Bolschewismus verfallen. Das wäre der Tod der
europäischen Kultur und der Geltung Europas, wäre wohl auch für England
eine große Gefahr. Noch gefährlicher aber wird Russland, wenn es zu den
wahren Gesetzen der Wirtschaft und der Politik allmählich zurückfindet.
Denn dann wird seine Kraft noch größer. Russland dürfte die einzige
Macht auf der Erde sein, die ohne eine große Flotte das englische Empire
lebensgefährlich treffen könnte. Es ist selbstverständlich eigenste
Sache Englands, diese Lage zu prüfen und jede Schlussfolgerung zu
ziehen, die es in seinem Interesse für notwendig erachtet. Wir können
nur unsere Meinung sagen, und die besteht darin, dass alle europäischen
Völker westlich Russlands sich gegen eine russische Übermacht und
Vorherrschaft sichern müssen. Weder Frankreich noch Italien noch ein
Zusammenschluss der kleineren Völker kann diese Sicherung zur Zeit
gewähren. Deutschland kann es eben noch, wenn es rechtzeitig die
Verbrecher zum Teufel jagt und bestraft, und wenn ihm England und
Amerika die Möglichkeit gewähren, den Krieg ohne Zusammenbruch zu
liquidieren. Ein Hemmnis hierzu ist die Forderung der bedingungslosen
Kapitulation. Die Ereignisse in Italien sollten warnen. Jedenfalls ist
eins mathematisch sicher: Wird Deutschland im entscheidenden Moment
bedingungslose Kapitulation abgefordert, so legt der deutsche Soldat
auch im Osten genau so die Waffen nieder, wie es jeder andere Soldat der
Welt tun würde. Damit würde Russland der Vormarsch freigegeben werden.
Wo er zum Stehen kommt, weiß kein Mensch. ...Am schnellsten erhalten die
angelsächsischen Reiche die meisten Kräfte für Ostasien frei, wenn die
europäische Sicherung gegen Russland durch Europa selbst erfolgen kann.
...Es wird notwendig sein, hierzu die europäischen Völker
zusammenzubringen, aber das erfordert Zeit. Inzwischen wäre es Aufgabe
Deutschlands, diesen Schutz zu übernehmen. Das ist wieder nur möglich,
wenn man nicht die Forderung auf totale Entwaffnung stellt."
Am Charakter dieses so genannten Friedensplanes kann nicht der geringste
Zweifel bestehen: es ist dies nichts anderes als die Wiederholung des
Versuches von 1918, für den deutschen Imperialismus einen "milden"
Frieden zu erlangen durch das Angebot zur Übernahme der Rolle des
Bollwerks gegen den Bolschewismus. Man vergleiche mit dem obigen
Memorandum Goerdelers die nachfolgenden Auszüge aus den Aufzeichnungen
Albert Ballins für Wilhelm II. von Anfang September 1918:[53]
"Noch könnte alles Wesentliche gerettet werden ... Wir haben große
Trümpfe in der Hand:
Wir haben im gegnerischen Lager die folgenden Aktiven: ...Das allgemeine
Bedürfnis, die in Russland investierten Milliarden zu retten und die
russischen Bodenschätze vor Zerstörung zu bewahren und die Länder
Europas vor Verseuchung durch die Bolschewisten zu schützen.
Was brauchen wir und müssen wir zu erhalten trachten?
Es ist geradezu verblüffend, wie sehr sich Geist und Inhalt beider
Aufzeichnungen von so verschiedenen Männern mit so verschiedener
Herkunft und so verschiedenem Charakter gleichen. Das liegt daran, dass
beide das gleiche Klasseninteresse in einer ähnlichen Grundsituation zum
Ausdruck bringen.
Die Aufgabe, die vor Goerdeler 1943/44 stand, war indessen womöglich
noch komplizierter und unlösbarer, als diejenige Ballins im September
1918.
Goerdeler und seine Freunde in der Wirtschaft mussten, um ihr Ziel zu
erreichen, nicht nur einen Gegner - die angelsächsischen Mächte - dazu
überreden, auf den bereits sicheren Sieg über den deutschen Konkurrenten
zu verzichten, um diesem statt dessen die Möglichkeiten zu belassen,
erneut die Führung in Europa an sich zu reißen; sie mussten unter der
deutschen Generalität auch die Leute finden, die erstens in der Lage
waren und die sich zweitens dazu überreden ließen, das Haupthindernis
für Verhandlungen mit den Westmächten, Hitler, aus dem Weg zu räumen.
Die Verhandlungen mit den Westmächten einzuleiten war Sache der
Politiker, Diplomaten, Geschäftsleute und Kirchenmänner. Die
innenpolitische Voraussetzungen für Verhandlungen konnten jedoch nur von
den Militärs geschaffen werden.
Deshalb verfasste Goerdeler schon kurz nach Stalingrad eine Denkschrift
für die Generalität[55]
in der er mit eindringlichsten Worten die Notwendigkeit einer Aktion
gegen Hitler und die Möglichkeit einer Übereinkunft mit den Westmächten
darlegte. Er leitete diese seine Denkschrift damit ein, dass er aus
einer Aufzeichnung aus dem Sommer 1918 an General Ludendorff Auszüge
zitierte, die in der Tat sehr geeignet waren, seiner eigenen
Argumentation den Nachdruck historisch erhärteter Wahrheit zu geben. In
dieser Denkschrift von 1918 hatte deren Verfasser - ein Major Niemann -
Ludendorff die unterschiedlichen Aufgaben des militärischen und des
politischen Führers vor Augen geführt: "Der Soldat muss an den Sieg
glauben, und eine oberste Heeresleitung, die den Glauben und Willen
nicht hätte, die Widerstandskraft des Feindes mit Waffengewalt zu
brechen, würde ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein.
Der Politiker, der die Waffenerfolge in ihrer Wirkung für das
zukünftige
Weltbild auszuwerten hat, sieht die militärischen Erfolge unter einem
anderen Gesichtswinkel. ...Lassen sich die Waffenerfolge so steigern,
dass die Hilfskräfte des Feindes erschöpft werden können, dann ist die
Aufgabe des Politikers verhältnismäßig einfach. ...Anders und
komplizierter wird die Aufgabe, wenn die Waffengewalt zur radikalen
Beseitigung des feindlichen Willens
nicht
ausreicht. Der Waffenerfolg kann dann nicht mehr als politische
Zwangsmittel,
sondern nur noch als
Druckmittel
gewertet werden... Dauert der Krieg weiter, dann müssen wir den
absteigenden Ast der Kurve betreten. ...Wir müssen unsere militärischen
Kräfte als Druckmittel ausnutzen, solange wir die militärische
Überlegenheit noch besitzen.
Treten wir im Zeichen des Abstiegs an den Verhandlungstisch, dann
spielen wir ohne Atouts. Das Druckmittel wird dann von Tag zu Tag
wirkungsloser."[56]
Dies war der Hauptgedanke und das schwerwiegendste Argument Goerdelers,
um die Generalität von der Notwendigkeit des Handelns gegen Hitler zu
überzeugen: Wenn man noch länger zögert, wird es zu spät sein, die
militärische Macht noch als Druckmittel einzusetzen. "Entscheidend ist
die Tatsache", kommentierte er die Nutzanwendung aus den Niemann´schen
Ausführungen, "dass
jetzt die deutschen Kräfte auf allen Gebieten sich dem Zustand des
Verbrauchtseins nähern,
dass wir uns in der absteigenden Linie befinden, während der
Kräfteeinsatz der Gegner noch einer erheblichen Steigerung fähig ist."[57]
Um dies den Generalen recht nachdrücklich vor Augen zu führen, gab
Goerdeler eine drastische Schilderung des allgemeinen Niedergangs auf
innenpolitischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet, der nur in
einem völligen Zusammenbruch, noch schlimmer als der von 1918, enden
könne, wenn er nicht durch eine entscheidende Tat aufgehalten werde.
Bezeichnend ist dabei, dass Goerdeler offenbar als eines der
wirkungsvollsten Argumente die Behauptung betrachtete, durch Hitlers
Führung werde "unser Vaterland nicht nur wirtschaftlich, sondern
sittlich allmählich bolschewisiert."[58]
Zum anderen reibt er den Generalen die zahlreichen Demütigungen unter
die Nase, die sie sich von Hitler hatten gefallen lassen müssen: Hitler
sei kein Feldherr, das Feldherrntum sei ihm nur durch Propaganda
angedichtet worden; die wirklichen Feldherren aber habe er "abgefunden,
wie es ihm passte, hier mit Beförderungen, dort mit vorschnellen
Entlassungen, ja mit Bestrafungen. Er hat sich nie gescheut, ihnen die
Verantwortung für das Unglück von Moskau (Winter 1941/42) zuzuschieben
und verbreiten zu lassen, dass es nur seinem persönlichen Eingreifen auf
dem Schlachtfeld (er habe Generalen die Schulterstücke abgerissen, er
habe Verwundeten die Pelze der Offiziere gegeben und sie verbunden!!)
gelungen sei, die Katastrophe zu wenden."[59]
Als Fazit seiner Lagebeurteilung forderte Goerdeler, "rechtzeitig die
Folgerungen zu ziehen, die allein das heranrückende Unheil abwenden
können". An die Stelle des militärischen Tuns müsse man nun, da man den
Krieg nicht mehr gewinnen und eine günstigere Situation für
Verhandlungen nicht mehr herbeiführen könne, das politische Tun setzen.
Das sei mit der gegenwärtigen Staatsführung nicht möglich, deshalb müsse
sie "weichen". Die Lage sei noch zu retten "durch Zusammenwirken
anständiger und verständiger politischer und militärischer Führung." Es
stünden geschulte politische Köpfe in genügender Anzahl in Deutschland
zur Verfügung, "allerdings zur Zeit nicht an offiziellen Stellen."[60]
Nachdem Goerdeler derart die Notwendigkeit zum Staatsstreich begründet
hatte, legte er seinen Adressaten dar, welches die positivsten Ziele
sein müssten, und begründete, weshalb und unter welchen Voraussetzungen
diese Ziele noch erreichbar seien. Diesen Passagen gebührt das größere
Interesse, weil aus ihnen der imperialistische Charakter des
Goerdeler-Programms am unverhülltesten hervortritt.
Als Ziele, die noch durch richtiges Handeln erreichbar seien, nannte
Goerdeler an erster Stelle den "Bestand des Reiches in den Grenzen von
1914, vermehrt um Österreich und Sudetenland". Mit den Franzosen müsse
man sich im Hinblick auf eine künftige europäische Politik, bei der
"rechtzeitige Schonung von Empfindlichkeiten gewaltige Früchte bringen"
könne, vielleicht auf eine Sprachgrenze einigen.
Als zweites noch erreichbares Ziel nannte Goerdeler "die führende
Stellung Deutschlands auf dem Kontinent", als drittes die
Wiedergewinnung Südtirols. Dazu meinte er, die Westmächte würden "es
heute mit Vergnügen an Deutschland zurückfallen lassen, wenn wir selbst
fähig sind, es zu besetzen."(!)
Hinsichtlich der Kolonien fand Goerdeler, der Zeitpunkt, "Kolonien jetzt
zu erwerben" sei verpasst. Dagegen sei noch zu erreichen, sich mit den
Siegermächten nach einiger Zeit über eine Beteiligung Deutschlands "an
Verwaltung und Besitz von Kolonien ... zu verständigen. ...Allmählich
lässt sich bei energischer und geschickter Zielverfolgung koloniale
Betätigung Deutschlands erreichen."[61]
Goerdeler sah sich dann veranlasst, die Realisierbarkeit dieser
verwegen-optimistischen Zielansprüche zu begründen. Diese Ziele, so
führte er aus, seien noch erreichbar wegen der Interessenübereinstimmung
der angelsächsischen Mächte mit Deutschland:
"a) England und USA haben dasselbe Lebensinteresse wie Deutschland, dass
Europa so bald wie möglich zur Ruhe kommt, um ihnen die überquellenden
Rohstoffe und Nahrungsmittel abtauschen zu können. ...Ein solches
geordnetes, friedlich arbeitendes Europa ist aber nur zu haben, wenn
sein Zentrum Deutschland befriedet und befriedigt ist. (Hervorhebung von
mir, K.G.)
b) Die beiden angelsächsischen Weltreiche haben wie Deutschland ein
Lebensinteresse daran, dass der Bolschewismus nicht weiter nach Westen
vordringt. Nur Deutschland kann den Bolschewismus aufhalten. Wenn
Deutschland durch Kriegsverlust und ungünstigen Frieden geschwächt wird,
dann findet der Bolschewismus leichteren, vielleicht allzu leichten Weg
nach dem Westen.
c) England hat ein Lebensinteresse daran, dass kein starkes Russland aus
diesem Kriege hervorgeht, denn dieses Russland kann als einzige Macht
England auch ohne Flotte ... empfindlich treffen."
Die Engländer würden sehr klar sehen, "dass Frankreich kein Damm mehr
auf dem Festland sein kann", weshalb sie "nunmehr entschlossen sein
müssen, ein neues Gleichgewicht zu erstreben, das da etwa lautet: Europa
mit deutscher Stärke gegen Russland".
Goerdeler beschloss die Darlegung der Gründe für die Erreichbarkeit der
von ihm genannten Ziele mit der Feststellung, nach der notwendigen
Änderung in der Führungsspitze des Reiches könnten die nächsten Schritte
"dann einer Entspannung mit den Westmächten gewidmet sein, die es
ermöglichen, alle
Kriegskräfte des deutschen Volkes auf den Osten zu konzentrieren."[62]
Voraussetzungen für all dies sei aber:
"a) Unsere Wehrmacht darf noch nicht unfähig erscheinen, weiter Krieg zu
führen; der Sieg darf dem Gegner noch nicht in der Nähe winken.
Insbesondere muss die deutsche Wehrmacht fähig bleiben, die Ostfront
nicht weiter westlich als die alte Ostgrenze Polens zu halten. Dies ist
wichtig, weil wir dann sowohl den Polen wie den Angelsachsen gegenüber
den Schlüssel für das Geschick Polens in den Händen halten.
b) Unser Rüstungspotential darf nicht weiter durch Zerstörung und durch
Unsachlichkeit vermindert werden.
c) Deutschland muss eine anständige, sachkundige Führung erhalten."
Kennzeichnend für den Charakter des Goerdeler´schen Programms sind auch
seine Vorstellungen über die Zukunft Polens. "Die Eingliederung Polens
in Deutschland wäre auch für uns kein Segen. Ein selbständiges, richtig
behandeltes Polen wird ganz von selbst wirtschaftlich und politisch
Anschluss an Deutschland suchen müssen."[63]
Um die Bedenken der Generale gegen den geforderten Staatsstreich aus dem
Wege zu räumen, führte Goerdeler zusätzlich noch zwei weitere Argumente
ins Feld, nämlich erstens, "dass man sich auch in führenden
Parteikreisen darüber klar geworden ist, dass es weder persönlich noch
sachlich so weitergeht", woraus sich für die Wehrmacht die Möglichkeit
ergebe, "mit diesen Kräften der Partei zusammenzugehen", und zweitens,
dass in der Arbeiterschaft ein Prozess der Radikalisierung im Gange sei,
der, wenn man ihn durch Untätigkeit weiter fortschreiten lasse, "sehr
viel schlimmere Folgen annehmen (wird) als 1918."[64]
Wir haben aus den Goerdeler-Denkschriften so ausführlich zitiert, um den
Nachweis zu führen, dass die in ihnen niedergelegte Zielsetzung exakt
dem entspricht, was wir als zweite Variante einer imperialistischen
Haltung gegenüber der drohenden Niederlage skizzierten.
Eine wichtige Frage ist die nach dem Verhältnis zwischen Variante eins
und Variante zwei.
Zweifellos besteht ein großer Unterschied zwischen einer Haltung, die
aus Furcht vor der Revolution es vorzieht, mit Hitler durch Dick und
Dünn zu gehen in der vagen Hoffnung, die Antihitlerkoalition werde noch
vor der eigenen totalen Niederlage auseinander fallen, und der durch
Goerdeler repräsentierten Haltung, den Bruch der Antihitlerkoalition
aktiv zu beschleunigen durch einen Staatsstreich gegen Hitler und
"Modernisierung" des Regimes.
Eine Suche nach den Motiven dieser unterschiedlichen Haltungen wird
feststellen können, dass im ersten Falle die Furcht vor den
unvorhersehbaren Folgen des Verschwindens der Integrationswirkung des
Führermythos größer ist als die Furcht vor den Folgen der Niederlage und
der bedingungslosen Kapitulation. Oder positiv ausgedrückt: im ersten
Falle ist das Vertrauen in die Wirksamkeit der Klassensolidarität der
imperialistischen Sieger mit dem imperialistischen Verlierer größer als
das Vertrauen in die Möglichkeit eines Staatsstreiches hinter dem Rücken
des Volkes, eines Staatsstreiches ohne das Risiko der Auslösung von
Bewegungen von unten bis hin zum Bürgerkrieg. Bei der zweiten Variante
liegen die Dinge nahezu umgekehrt.
Es liegt nahe, an solche Feststellungen Betrachtungen darüber
anzuknüpfen, ob hinter solch unterschiedlichen Verhaltensweisen nicht
unterschiedliche ökonomische Interessen oder Beziehungen zu vermuten
sind, etwa derart, dass die erstgenannte Haltung kennzeichnend sei für
solche Unternehmen und ihre Leiter, die während des ganzen Krieges
hindurch ihre Geschäftsverbindungen zum US-Kapital aufrechterhalten
konnten und die deshalb selbst von einem totalen Zusammenbruch nicht so
hart betroffen werden würden wie andere.
Die Schwierigkeit besteht indessen darin, dass alle derartigen
Vermutungen pure Spekulation bleiben müssen aus Mangel an
beweiskräftigen Unterlagen. Wohl kennen wir einige Namen von
Monopolherren, die mit Sicherheit Goerdelers Pläne kannten, vielleicht
sogar zu deren Inspiratoren gehörten. Aber damit wissen wir noch gar
nichts über die Haltung all der anderen, ob sie diese Pläne kannten und
wenn ja, wie sie zu ihnen standen.
Mit Bestimmtheit können wir nur sagen, dass es sicherlich keinen
einzigen deutschen Wirtschaftskapitän gab, der angesichts der
abzusehenden militärischen Niederlage nicht Überlegungen darüber
angestellt hätte, welchen politischen Ausweg es aus der militärischen
ausweglosen Lage geben könnte, und der dabei nicht seine Hoffnungen auf
die Westmächte gesetzt hätte, genauer, auf die Ausnutzung des Wunsches
der Westmächte, den Vormarsch der Roten Armee so weit wie möglich im
Osten zum Halten zu bringen. Ob jedoch die Mehrheit der deutschen
Monopolherren die erste oder die zweite der genannten Varianten eines
imperialistischen Ausweges bevorzugte - das lässt sich kaum mit
Bestimmtheit sagen. Gewiss, vieles scheint dafür zu sprechen, dass das
Gros der deutschen Wirtschaftsführer sich hinter die erste Variante
stellte. Aber es kann genauso gut auch anders gewesen sein, denn die
Option für eine der beiden Varianten brauchte für das praktische Handeln
keinerlei Auswirkungen zu haben, und zwar aus folgenden Gründen:
Erstens aufgrund
der bereits erwähnten Arbeitsteilung zwischen Wirtschaftsführern,
Politikern und Militärs. Auch für den Monopolherren, der auf einen
Staatsstreich setzte und zu dessen Initiatoren gehörte, blieb es Sache
der Politiker und der Militärs, das Unternehmen vorzubereiten und
durchzuführen; sein eigener Anteil konnte sich auf eine mehr oder
weniger diskrete Förderung beschränken.
Zweitens:
Ob Option für Variante I oder II - für ihr ureigenstes Tätigkeitsgebiet
stand vor den Wirtschaftsführern in beiden Fällen - wie wir bereits
gesehen haben - die gleiche Aufgabe, nämlich die höchste
Leistungsfähigkeit der deutschen Kriegswirtschaft zu sichern.
Ähnlich stand es auch um die Nachkriegsplanung. Die Überlegungen
darüber, mit welcher Strategie die deutsche Wirtschaft (i.e. das
deutsche Monopolkapital) möglichst ungeschoren aus dem Kriege
hervorgehen und möglichst rasch die unvermeidlichen Verluste
kompensieren könnte, waren gegenüber der Art und Weise, wie der Krieg zu
Ende ging und wann, weitgehend neutral. Dadurch, dass der Putsch
fehlschlug, die Planungen aber natürlich weitergingen und immer
konkretere Gestalt annahmen, erscheint es hinterher so, als hätten alle
an diesen Planungen Beteiligten - also fast alle maßgeblichen Kreise der
deutschen Monopolbourgeoisie - an einen Staatsstreich überhaupt nicht
gedacht, als hätten sie allesamt nur die erste Variante in Betracht
gezogen. Doch ist dies eine Retrospektive, die über den wahren
Sachverhalt durchaus täuschen kann.
Drittens:
Etwa bis Frühjahr 1944 galt als unbedingte Voraussetzung für eine volle,
aktive Unterstützung eines Staatsstreiches gegen Hitler selbst im Kreise
der Verschwörer, erst recht bei den monopolistischen Sympathisanten, die
Zusicherung durch die Westmächte, im Falle der Beseitigung Hitlers mit
seinen Nachfolgern einen Sonderfrieden zu für Deutschland günstigsten
Bedingungen abzuschließen.[65]
Die Festlegungen Roosevelts und Churchills in Casablanca im Januar 1943,
den Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans
zu führen, waren ein harter Schlag für alle Hoffnungen, eine solche
Zusicherung zu erhalten. Von jetzt ab bestand die Hauptaufgabe der
Verschwörer vom Standpunkt der sie unterstützenden Monopolherren darin,
in den zahlreichen Verhandlungen mit den Mittelsmännern und Politikern
der Westmächte die Zurücknahme der Casablanca-Formel zu erreichen.[66]
Da diese Bemühungen erfolglos blieben - und erfolglos bleiben mussten,
weil der Krieg längst ein Krieg der Völker gegen die faschistischen
Mächte geworden war -, blieben auch die monopolistischen Sympathisanten
den Verschwörern gegenüber in einer zurückhaltenden Abwartestellung.
Bei Goerdeler selbst und anderen Teilnehmern der Verschwörung führte
jedoch die Ergebnislosigkeit der Versuche, die erhoffte Zurücknahme der
Forderung nach "unconditional surrender", nach der bedingungslosen
Kapitulation, zu erreichen, zur Annäherung an die
dritte
Variante.
Diese
dritte Variante
war die so genannte "Westlösung". Sie sah vor, die Front im Westen zu
öffnen, um den Truppen der Westalliierten den raschen, ungehinderten
Vormarsch nach Osten zu erlauben, damit sie bei der Besetzung
Deutschlands und vor allem Berlins der Roten Armee zuvorkamen.[67]
Ihrem Wesen nach bedeutete diese "Lösung" die unerklärte bedingungslose
Kapitulation den Westmächten gegenüber, bei verstärkter Weiterführung
des Krieges gegen die Sowjetunion. Diese Variante wurde im Kreise der
Verschwörer von Schacht und dessen Vertrauten, dem Doppelagenten Hans
Bernd Gisevius, verfochten. Gisevius, 1935 unterlegener Rivale Rudolf
Diels´ als Leiter von Görings preußischer Geheimer Staatspolizei, war
seit 1943 Vizekonsul und Abwehragent beim deutschen Generalkonsulat in
Zürich und zugleich Agent des amerikanischen Office of Strategie Service
(OSS), das von Allan Dulles geleitet wurde. Dulles, der seit Ende 1942
in der Schweiz, in Bern, residierte, um von dort aus ein Agentennetz in
Europa knüpfen zu können, benutzte Gisevius, um die Verschwörer für die
"Westlösung" zu gewinnen.[68]
Diese Lösung erschien Goerdeler und anderen im Juli 1944 als einzig
mögliche übrig geblichen zu sein. Gerhard Ritter schrieb dazu: "Die
Oppositionsführer waren jetzt nahezu bereit, die Formel ´bedingungslose
Unterwerfung´ den Westmächten gegenüber anzunehmen - freilich immer noch
im Vertrauen darauf, dass in deren Lager doch zuletzt nüchterne
Staatsraison über den nackten Vernichtungswillen siegen, dass gemeinsame
Interessen an der Erhaltung der abendländischen Kultur sich durchsetzen
und den deutschen Staat vor dem Schicksal totaler Vernichtung retten
würden. Offensichtlich war nicht nur an einen Waffenstillstand mit
Verkürzung der Westfront ... gedacht, sondern an eine Art Vereinigung
deutscher und angelsächsischer Streitkräfte - zum mindesten an eine
sofortige Besetzung ganz Deutschlands von Westen her, ehe die Roten
Armeen auch noch Polen überrannt und die östlichen Reichsgrenzen
erreicht hätten."[69]
Der imperialistische, klassenegoistische Charakter auch dieser
Konzeption, der das Leben der Soldaten, die im weiterführenden Krieg
gegen die Sowjetunion verheizt werden sollten, völlig gleichgültig war,
weil ihr alleiniger Richtpunkt in der Erhaltung des kapitalistischen
Eigentums bestand, springt in die Augen.[70]
Dennoch entsprach diese Variante am allerwenigsten von allen Dreien dem,
was die meisten deutschen Monopolisten zu diesem Zeitpunkt für
zweckmäßig erachteten. Sie waren nicht bereit, alle Faustpfänder an
besetzten Gebieten und militärischer Macht ohne jede Gegenleistung aus
der Hand zu geben; selbst im Kreise der Verschwörer wurden Schacht und
Gisevius wegen ihrer Propagierung der Auslieferung auf Gedeih und
Verderb an die Amerikaner mit Argwohn und Misstrauen betrachtet und vom
Kern der Verschwörung ferngehalten. Soviel zu den drei Varianten einer
imperialistischen Antwort auf die drohende Niederlage.
Im Kreise der Verschwörer existierten aber bekanntlich auch andere als
imperialistische Bestrebungen und Vorstellungen, solche nämlich, denen
es nicht vorrangig um die Erhaltung der kapitalistischen
Eigentumsverhältnisse, sondern um die Beseitigung eines Regimes des
Verbrechens, um die rascheste Beendigung des Krieges und um die
Schaffung einer neuen, sozial gerechteren und humanen - wenngleich
natürlich bürgerlichen - Nachkriegsordnung in Deutschland ging. Diese
Richtungen, die mit dem Offizierskreis um den Obersten Claus Graf Schenk
von Stauffenberg und mit dem Kreisauer Kreis umrissen werden können,
sind durch mehrere Veröffentlichungen bekannt, so dass es nicht
notwendig ist, ihr Konzept im einzelnen darzulegen.[71]
Um den grundlegenden Unterschied ihrer Position zu der des
Goerdeler-Kreises zu unterstreichen, sei lediglich auf folgende Fakten
hingewiesen:
Während für Goerdeler angesichts der Unmöglichkeit, zu einer
Verständigung mit den Westmächten zu gemeinsamem Vorgehen gegen die
Sowjetunion zu gelangen, das Hauptmotiv für ein Vorgehen gegen Hitler
entfallen war und er die Meinung vertrat, nunmehr müsse man die Dinge
eben treiben lassen[72],
trat einer solchen Auffassung der Mitstreiter Stauffenbergs,
Generalmajor Henning von Tresckow, mit folgenden Worten entgegen: "Das
Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so
muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf
den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche
Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den
entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."[73]
Während durch den Goerdeler-Kreis Kontaktaufnahme mit der sowjetischen
Seite nur als Druckmittel gegenüber den Westmächten projektiert wurde[74],
trat die Stauffenberg-Gruppe für echte Verhandlungen über
Friedensbedingungen mit beiden Seiten, mit den Westmächten und der
Sowjetunion, ein.[75]
Bezeichnenderweise kam eine Einigung darüber, künftige Verhandlungen
nicht nur mit dem Westen, sondern auch mit der Sowjetunion zu führen,
erst am 16. Juli, in einer Zusammenkunft in der Wohnung Stauffenbergs,
zustande, bei der Goerdeler nicht anwesend war.[76]
Während für die Goerdeler-Gruppe unverrückbares Ziel der einseitige
Sonderfriede mit den Westmächten und Weiterführung des Krieges gegen die
Sowjetunion blieb, trat die Stauffenberg-Gruppe für die sofortige
Beendigung des Krieges an allen Fronten ein.
Obwohl Stauffenberg und seine engsten Freunde in den Wochen und Tagen
vor dem 20. Juli und beim Attentat selbst Motor und Seele der Aktion
waren, trug die Anlage des Staatsstreiches doch unverkennbar den Stempel
der großbürgerlich-imperialistischen Teilnehmer an der Verschwörung. Das
schwierigste Problem bestand für sie darin, wie bei einer Beseitigung
Hitlers eine Erschütterung der Massenbasis zu vermeiden und eine
Kompensation für den Wegfall der Wirkung des Hitlermythos zu schaffen
wäre, um jede selbständige Bewegung von unten auszuschließen. Im
Gegensatz dazu hätte eine konsequent demokratisch-antifaschistische
Aktion gegen Hitler daran interessiert sein müssen, den Erfolg durch
Mobilisierung aller Hitlergegner im Lande sichern zu helfen. Gerade die
Mobilisierung der Massen fürchteten Goerdeler und seine Gruppe jedoch am
meisten. Deshalb waren sie entschieden dagegen, dass die Basis der
Aktion gegen Hitler durch Einbeziehung auch der Kommunisten erweitert
werden würde. Und der eigentlich nahe liegende Gedanke, über die
Kirchenobrigkeit sofort nach der Aktion an die Masse der Gläubigen
heranzutreten und sie zur Unterstützung der Aktion aufzurufen, wurde
nicht einmal erwogen.
Von der Furcht vor den Massen waren auch andere Planungen und
Entscheidungen bestimmt.
Lange Zeit war umstritten, auf welche Weise Hitler auszuschalten wäre,
durch Verhaftung oder durch ein Attentat. Den Ausschlag für das Attentat
gab die Überlegung, einerseits sei Hitler im Volk und in der Armee noch
so populär, dass man so lange er noch am Leben sei, mit
Befehlsverweigerung bei jenen Offizieren und Mannschaften rechnen
musste, die gegen ihn und die Naziführung aufgeboten werden würden;
andererseits aber könnte die Absetzung und Verhaftung Hitlers zu einer
unerwünschten Verstärkung der Aktivität der antifaschistischen Kräfte
führen, insgesamt also zu einer Polarisierung im Volke und in der Armee
und zur Gefahr des Bürgerkrieges. Dies alles würde durch ein Attentat
umgangen, weil dadurch ein Loyalitätskonflikt in der Armee und Zweifel
und Unsicherheiten über die Rechtmäßigkeit der neuen Regierung in der
Bevölkerung vermieden würden.
Hier ließe sich einwenden, dass unter den damaligen Verhältnissen ein
Vorgehen gegen Hitler gar nicht anders als streng konspirativ
vorbereitet werden konnte, und dass es in der Tat keine andere
Möglichkeit gab, einen Umschwung herbeizuführen, als durch die Ermordung
Hitlers.
Beides trifft für den Zeitpunkt des Attentats zu; jedoch die "damaligen
Verhältnisse" waren nur deshalb so, weil die Spitzen der bürgerlichen
Gesellschaft sie so gestaltet hatten, sie waren jedoch keineswegs
unantastbar und unerschütterlich. Es bestand für verschiedene
gesellschaftliche Führungskräfte durchaus die Möglichkeit, mit anderen
als konspirativen Mitteln die auf den Massen lastende lähmende Furcht
vor dem Terror in Mut zum Widerstand zu verwandeln und die Wirkungskraft
des Hitlermythos zu brechen, wenn sie daran interessiert gewesen wären.
Wäre es z.B. den Oberen beider Kirchen nicht möglich gewesen, sich
darüber zu verständigen, das zu tun, was heute in lateinamerikanischen
Diktaturen fast selbstverständlich ist, nämlich vor den eigenen
Gläubigen und vor aller Welt gegen die Verletzung der Normen
christlicher Gebote aufzutreten? Was anders hat sie stärker daran
gehindert als die Furcht, damit das Regime, dessen Sieg über den
atheistischen Bolschewismus sie herbeiwünschten, in seiner Kampfkraft zu
schwächen?
Und wäre es etwa den Feldmarschällen und Generälen nicht möglich gewesen
- sogar ohne Gefahr für Leib und Leben -, geschlossen gegen Hitlers
militärisch sinnlose Durchhaltebefehle aufzutreten oder sie einfach zu
ignorieren? Was anders hat sie stärker daran gehindert als die Furcht,
durch einen solchen Schritt nicht nur die Autorität Hitlers in Frage zu
stellen, sondern auch das reibungslose Funktionieren der deutschen
Kriegsmaschinerie, die Furcht davor, dadurch die Fähigkeit zu verlieren,
den Krieg gegen die Sowjetunion weiterzuführen und die zusammen
geraubten Länder wenigstens als Faustpfänder festzuhalten?
Bereits das bisher Gesagte widerlegt alle Auffassungen, denen zufolge
das Scheitern des Versuches, Hitler zu stürzen, ein Beweis sei für
dessen diktatorische Allmacht, der auch die ökonomisch Mächtigen
unterworfen gewesen seien. Denn erstens kann keine Rede davon sein, dass
die gesamte Monopolbourgeoisie sich in dem Willen einig gewesen sei,
Hitler zu stürzen. Von den drei imperialistischen Auswegsvarianten sah
nur eine die Beseitigung Hitlers als zwingend vor. Zum Zweiten lässt der
Übergang Goerdelers auf die Position der Westlösung in den Tagen
unmittelbar vor dem Attentat darauf schließen, dass auch seine
industriellen Freunde und Mentoren angesichts der Wahrscheinlichkeit,
mit den Westmächten selbst nach einem Sturz Hitlers keinen Sonderfrieden
zu erreichen, in einem Attentat keinen Sinn mehr zu sehen vermochten
bzw. zu der Überzeugung kamen, unter diesen Umständen lohne sich das
Risiko eines Umsturzes nicht.
Im Unterschied zu Goerdeler drängten jedoch die militärischen Teilnehmer
der Verschwörung - und hier vor allem Stauffenberg und seine Freunde -
nach der Landung der Alliierten in Frankreich noch energischer zur Tat,
ohne länger auf Ergebnisse von Verhandlungen mit den Westmächten zu
warten.[77]
Die mutige Tat des 20. Juli ist in erster Linie ihr Werk.
Dass es mit einem Misserfolg endete, weil Hitler am Leben blieb, war ein
Zufall. Dass damit jedoch das ganze Unternehmen gescheitert war - das
war kein Zufall, sondern die unvermeidliche Folge einer Planung, die das
Unternehmen hinter dem Rücken des Volkes durchführen wollte und deshalb
für den Fall, dass das Attentat misslang, keinerlei Vorkehrungen
getroffen hatte, dies deshalb nicht, weil man vor den Konsequenzen des
Entstehens zweier konkurrierender Machtzentren zurückschreckte.
Wie sehr die reaktionäre, volksferne Konzeption des Goerdeler-Kreises
dem ganzen Unternehmen seinen Stempel aufdrückte, geht mit
eindringlicher Deutlichkeit auch aus den vorbereiteten Aufrufen der
Verschwörer hervor, ganz besonders aus dem Entwurf einer
Regierungserklärung, die ein kaum für möglich zu haltendes Beispiel
einer die Lebensinteressen der Massen rigoros missachtenden
bürokratischen Beamtenproklamation darstellt.[78]
Die brennendste Frage für das deutsche Volk, die Frage, was die
Regierung zu tun beabsichtige, um den Krieg zu beenden, steht in dieser
Erklärung nicht nur nicht an erster Stelle - sie wurde überhaupt nicht
für wert erachtet, in einem eigenen Abschnitt behandelt zu werden.
Lediglich unter der Überschrift "Die Währung sichern" wird auf diese
dringendste aller Fragen eingegangen - um beiläufig wissen zu lassen,
dass man den Krieg weiter zu führen beabsichtige: "Aber noch ist Krieg.
In ihm gebührt unser aller Arbeit, Opfer und Liebe den Männern, die das
Vaterland an der Front verteidigen. Ihnen haben wir alles an seelischen
und materiellen Werten zuzuführen, was wir irgend schaffen können. Mit
ihnen stehen wir in Reih und Glied, aber nunmehr alle wissend, dass nur
die zur Verteidigung des Vaterlandes und zum Wohle des Volkes
notwendigen, nicht aber die Eroberungssucht und dem Prestigebedürfnis
eines Wahnsinnigen dienenden Opfer verlangt werden, und dass wir diesen
Krieg bis zum Erlangen eines gerechten Friedens fernerhin mit reinen
Händen, im Anstand, mit der Ehrenhaftigkeit, die jeden braven Soldaten
auszeichnet, führen werden."[79]
Man vergleiche damit das ein Jahr früher verfasste Manifest des
Nationalkomitees Freies Deutschland, mit dem sich dieses an die
Wehrmacht und an das deutsche Volk wandte, und in dem der Weg zur
sofortigen Beendigung des Krieges gewiesen wurde: "Eine solche Regierung
muss den Krieg sofort abbrechen, die deutschen Truppen an die
Reichsgrenzen zurückführen und Friedensverhandlungen einleiten, unter
Verzicht auf alle eroberten Gebiete."[80]
Das Manifest des NKFD hatte auch den einzig gangbaren Weg zum Sieg über
Hitler gewiesen: "Sie (die neue Regierung, K.G.) kann nur aus dem
Freiheitskampf aller Volksschichten hervorgehen, gestützt auf
Kampfgruppen, die sich zum Sturz Hitlers zusammenschließen. Die volks-
und vaterlandstreuen Kräfte in der Armee müssen dabei eine entscheidende
Rolle spielen."
Auf die Verhältnisse des 20. Juli übertragen, hätte das bedeutet,
unabhängig vom Ergebnis des Attentats schon bei der Planung des Putsches
vorzusehen, durch zuverlässige Truppen die SS zu entwaffnen und mit
diesen Waffen die Antifaschisten, die freizulassenden politischen
Gefangenen und KZ-Häftlinge, die illegalen Kämpfer, die ausländischen
Zwangsarbeiter zu bewaffnen.
Natürlich wäre der Sieg über Hitler nicht ohne Kämpfe und Blutvergießen
zu erringen gewesen. Dazu hieß es im Manifest des NKFD: "Wir wissen:
Opfer sind unvermeidlich. Aber sie werden um so geringer sein, je
entschlossener der Kampf gegen Hitler geführt wird. Die Opfer im Kampf
um Deutschlands Befreiung werden tausendfach geringer sein als die
sinnlosen Opfer, die eine Fortsetzung des Krieges erfordert."
Der Entwurf der Goerdeler´schen Regierungserklärung macht dagegen
deutlich, dass beabsichtigt war, die Deutschen weiterhin als Untertanen
zu behandeln, die geduldig auf die Anordnungen ihrer Oberen zu warten
und ihnen widerspruchslos zu folgen, jedenfalls auf jede eigene
Initiative im Kampf gegen den Nazismus zu verzichten hatten. Deshalb
handelte der erste Abschnitt der Regierungserklärung von der
"Wiederherstellung des Rechts", worunter ebenso sehr, wenn nicht noch
mehr, die Sicherung der Autorität des Staates als die Beseitigung
nazistischen Unrechts verstanden wurde. Dort hieß es nämlich auch: "Die
Konzentrationslager werden sobald wie möglich (!) aufgelöst, die
Unschuldigen entlassen, Schuldige dem ordentlichen Gerichtsverfahren
zugeführt werden." Und weiter: "Aber ebenso erwarten wir, dass niemand
Lynchjustiz vollzieht. Wenn wir die Majestät des Rechts wiederherstellen
wollen, müssen wir alle Energie gegen persönliche Vergeltung aufwenden,
die aus dem Erleiden von Unrecht und aus der Verwundung der Seele
menschlich nur zu begreiflich ist. Wer irgend etwas auf dem Herzen hat,
erstatte Anzeige, an welcher öffentlichen Stelle er will. Seine Anzeige
wird an die richtige Stelle weitergeleitet werden. Die Schuldigen wird
unerbittliche Strafe treffen. Aber die Anzeige muss wahr sein.
Wahrheitswidrige Anzeigen werden bestraft, anonyme Anzeigen wandern in
den Papierkorb."[81]
Dass die Hauptsorge der Inspiratoren dieser Regierungserklärung nicht
die Liquidierung des Naziregimes, sondern die Fortführung des Krieges
war, wird in der folgenden Passage sichtbar: "Alle Deutschen, die
deutsch fühlen und handeln, gehören zusammen. Die einzige Scheidung, die
zu vollziehen ist, liegt zwischen Verbrechen und Gewissenlosigkeit auf
der einen und Anstand und Sauberkeit auf der anderen Seite. Auf dieser
Grundlage wollen wir die innere Aussöhnung des Volkes mit allen Kräften
betreiben. Denn nur wenn wir einig bleiben, auf der Grundlage von Recht
und Anstand, können wir den Schicksalskampf bestehen, in den Gott unser
Volk stellt."[82]
Diese und die anderen Proklamationen, die für einen erfolgreichen
Staatsstreich vorbereitet waren, tragen deutlich die Handschrift der
Goerdeler-Gruppe. Dass Stauffenberg und seine Freunde nicht darauf
drängten, in diese programmatischen Dokumente mehr von ihren Ideen
einfließen zu lassen, mag mehrere Gründe gehabt haben; zum einen, dass
ihr Hauptaugenmerk der Vorbereitung des Attentats und der Gewinnung
potentieller Mitwirkender unter den Kommandeuren galt und sie damit alle
Hände voll zu tun hatten; aber wahrscheinlich auch den, dass auch sie
noch in der Vorstellung befangen waren, es müsse eine Elite sein, die
dem Volke von oben seine Befreiung bringt, und ferner, dass auch sie der
Gedanke an die Möglichkeit einer Aufspaltung des deutschen Volkes in
zwei sich bekämpfende Lager zurückschrecken ließ.
In seinem Hauptreferat auf der eingangs erwähnten Konferenz zum 40.
Jahrestag des 20. Juli stellte Kurt Finker die Frage: "War die
Verschwörung des 20. Juli eine Bewegung innerhalb der herrschenden
Klasse, einen Ausweg aus dem verlorenen Aggressionskrieg zu suchen oder
war sie der Versuch einer Gruppe innerhalb der herrschenden Klasse,
konsequent mit der selbstmörderischen Kriegspolitik zu brechen und damit
auch Möglichkeiten eines Bündnisses mit antifaschistischen Volkskräften
zu eröffnen?"[83]
Finker selbst gab auf diese Eingangsfrage keine explizite Antwort.
Diese Frage kann auch nicht als Entweder-Oder-Frage beantwortet werden,
sondern nur mit: sowohl als auch. Die Verschwörung trug keinen
einheitlichen Charakter; von Seiten der Goerdeler-Gruppe war sie
allerdings als Versuch eines imperialistischen, antisowjetischen,
revolutionsverhindernden Auswegs gedacht und angelegt[84],
von den patriotischen Kräften um Stauffenberg und des Kreisauer Kreises
indessen als Versuch der Rettung Deutschlands vor der Katastrophe durch
seine Befreiung von der Hitlerclique und dem Naziregime mit dem Ziel der
Beendigung des Krieges und der Errichtung eines erneuerten, sozial
gerechten, humanistischen Nachkriegsdeutschland.
Ob dieses zwiespältigen Charakters der Verschwörung ist es unmöglich,
eine sichere Aussage darüber zu treffen, welche Konzeption - die des
Goerdeler-Kreises oder die der progressiv-patriotischen Kräfte - sich
zunächst nach einem geglückten Attentat durchgesetzt hätte.
Eines allerdings darf mit Sicherheit angenommen werden: die aufrüttelnde
Wirkung der Tötung Hitlers hätte die durch Terror und Hitlergläubigkeit
gleichermaßen bewirkte Lähmung des politischen Denkens und Handelns der
Masse des deutschen Volkes entkrampft, hätte den antifaschistischen
Kämpfern günstigere Bedingungen für die Aufklärung und für die
Mobilisierung der Massen zum Kampf um die sofortige Beendigung des
Krieges und um die konsequente Abrechnung mit den faschistischen
Verbrechern geboten und somit Voraussetzungen geschaffen für bisher
blockierte Entwicklungen.
Aus diesem Grunde wurde die mutige Tat des 20. Juli von der Führung der
Kommunistischen Partei, vom Nationalkomitee Freies Deutschland, von
allen Antifaschisten sofort begrüßt in der Hoffnung, sie möge der
Auftakt für den Kampf des deutschen Volkes gegen das Naziregime sein.
Und aus diesem Grunde würdigen auch wir Heutigen diese Tat, ohne jedoch
darauf zu verzichten, die Sonde wissenschaftlicher Analyse an sie zu
legen und ihre Widersprüchlichkeit und Inkonsequenzen aufzudecken.
Für nicht wenige Menschen ist der Hinweis auf die grausam-blutige
Abrechnung des Regimes mit den Verschwörern ein beeindruckendes Argument
für die Behauptung, der 20. Juli beweise, dass Hitler eine unumschränkte
Diktatur allen Bevölkerungsschichten gegenüber ausgeübt habe. Bei
näherem Hinsehen erweist sich aber auch dieses Argument als nicht
stichhaltig.
Zum ersten: Es wurde schon eingangs gezeigt, dass die Willkür des
Terrors von Himmlers schwarzen Häschern und Folterknechten ihre sehr
bestimmten Grenzen hatte, durch die die Repräsentanten des großen
Kapitals ihrem Zugriff entzogen waren.
Zum zweiten aber: Die Terrorwelle, die nach dem Attentat über
Deutschland hinwegrollte und gewöhnlich allein als Ausfluss des
Hitler´schen Rachedurstes, allenfalls auch noch als Himmlers Wüten
dargestellt wird, diente in Wirklichkeit dem, was gerade den
Monopolherren am meisten am Herzen lag: der Verhinderung dessen, dass
die durch das Attentat ausgelöste Aufrüttelung des Volkes zum
Ausgangspunkt einer Erschütterung des Regimes, zu einem Durchbruch der
Machtsicherungdämme werden könnte.
Denn angesichts der erfolgreichen Eröffnung der zweiten Front und des
weiteren Vormarsches der Roten Armee musste das Attentat in weiten
Kreisen des deutschen Volkes als Eingeständnis der unausweichlichen
Niederlage erkannt werden, bestand die akute Gefahr des Zusammenbruchs
der "Durchhaltemoral", die Gefahr einer Verbreiterung des Widerstandes
gegen die Fortführung des Krieges, kurz: des Beginns einer Entwicklung,
wie sie 1917 in der Armee und im Hinterland eingesetzt und im November
1918 ihren Höhepunkt gefunden hatte.
Von dieser Gefahr war nicht nur die Naziclique bedroht. Eine Revolution
in Deutschland würde - so mussten die Herrschenden befürchten -
angesichts der Stärke und Nähe der Roten Armee nicht mehr wie 1918 mit
einer Niederlage der Arbeiter enden, sondern die kapitalistische Ordnung
in Deutschland ein für allemal liquidieren. Dieser Gefahr konnte in der
entstandenen Situation nur durch die äußerste Steigerung des Einsatzes
genau derjenigen Mittel entgegnet werden, die schon vor dem Attentat
sich als am wirkungsvollsten erwiesen hatten - durch den Terror und den
Hitlermythos.
Es entsprach deshalb den Interessen der deutschen Imperialisten ebenso
wie denen der Naziclique, dass dem Volk erzählt wurde, die Verschwörer
seien nur ein kleines Häuflein ehrloser Vaterlandsverräter und
Verbrecher, und dass man an ihnen ein grausames Exempel statuierte, um
damit ein Höchstmaß an Einschüchterung und Abschreckung zu erzielen. Es
hatte ja im übrigen gar nicht erst der Mordbefehle Hitlers und Himmlers
bedurft, um die Verschwörer zu liquidieren; ihre "Kameraden" begannen
damit aus eigener Initiative. Noch bevor Himmler am Abend des 20. Juli
in Berlin eingetroffen war, hatte der Vorgesetzte Stauffenbergs, der
Befehlshaber des Ersatzheeres General Fromm, den Generalobersten Bock,
den Obersten Mertz von Quirnheim, General Olbricht, Leutnant von Haeften
und den Obersten Stauffenberg verhaften lassen und die letztgenannten
vier in aller Eile in Hofe des Bendlerblockes erschießen lassen, während
er Beck eine Pistole in die Hand drückte, damit dieser seinem Leben
selbst ein Ende mache. Die Wehrmachtsführung gab dann ebenso, wie sie
1934 die Ermordung der Generale v. Schleicher und v. Bredow gebilligt
hatte, jetzt die an der Verschwörung beteiligten Offiziere dem
Freisler´schen Blutgericht preis, indem sie ein "Ehrengericht" bilden
ließ, das die Betreffenden aus der Wehrmacht ausstieß.
Der deutlichste Beweis dafür, dass es sich bei der Terrorwelle
keineswegs nur um einen Rachefeldzug gegen die Verschwörer, sondern um
eine Aktion mit systemsichernder Absicht handelte, gezielt vor allem auf
die Enthauptung der Arbeiterbewegung, war die Verhaftungs- und Mordwelle
vom Juli und August 1944 mit ihrem Höhepunkt am 22. August, der "Aktion
Gewitter"[85]
Dass man sich jetzt nicht damit begnügte, die Führer der Kommunistischen
Partei - allen voran Ernst Thälmann, weiter Bernhard Bästlein, Anton
Saefkow, Franz Jacob, Theodor Neubauer, Ernst Schneller, Albert Kuntz
und viele andere - hinter Zuchthausmauern und Stacheldraht zu bringen,
sondern sie systematisch physisch liquidierte, zeigt am deutlichsten,
dass es sich nicht nur darum handelte, das Naziregime vor seinen
unerbittlichsten Feinden abzusichern, sondern darum, Vorsorge zu treffen
für die Zeit nach Hitler.
Die Kehrseite des gesteigerten Terrors war die Anfachung des
irrationalen Glaubens an den wunderwirkenden Führer.
Die Aufruf-Entwürfe der Goerdeler-Gruppe lassen erkennen, dass
vorgesehen war, im Falle des Gelingens des Staatsstreiches Hitler zum
Alleinschuldigen für den Weg in die Niederlage, für die Verbrechen der
SS, aber auch der Wehrmacht, zu erklären. Es war also nicht vorgesehen,
dem Volke die ganze Wahrheit darüber zu sagen, in wessen Auftrag und
Interesse dieser Krieg vom Zaune gebrochen worden war, es sollte der
Hitlermythos nicht entzaubert, er sollte nur umgestülpt werden, um
weiter die gleiche Wirkung zu tun: die Massen gefügig zu halten im
Vertrauen auf die Führung; das Volk daran zu hindern, sich auf seine
eigenen Interessen und seine eigene Kraft zu besinnen.
Das Scheitern des Putsches verhinderte die Umstülpung des Hitler-Mythos.
Dafür wurde er nun in seiner ursprünglichen Gestalt zur höchsten
Wirksamkeit gebracht. Um den Stoß, den der "Endsieg"-Glaube durch das
Attentat erhalten hatte, aufzufangen, wurde das Misslingen des
Anschlages dazu benutzt, den Hitler-Mythos noch stärker als zuvor für
die Weiterführung des Krieges wirksam zu machen. Hitlers angeblich
"wunderbare" Rettung wurde von der Propaganda als sichtbarer Beweis
dafür ausgegeben, dass die "Vorsehung" Hitler noch für große Dinge
ausersehen habe. Wer auf solch wunderbare Weise dem Tode entgangen sei,
dem müsse man auch zutrauen, eine scheinbar hoffnungslose militärische
Situation zum Besseren zu wenden und dem deutschen Volke noch in letzter
Minute den Sieg zu erringen.
Kein anderer als Goerdeler bestätigte durch seine Haltung, dass eine
derartige Deutung des Ausganges des Attentats nicht nur den Interessen
der Hitlerclique entsprach, sondern denen der imperialistischen
Bourgeoisie, deren klassenbewusster Repräsentant er war. In einer
Eingabe an Hitler, geschrieben kurz nach seiner Einlieferung ins
Gefängnis, im August 1944, schrieb er: "Wenn wir das Vaterland über
alles stellen, was doch unser Glaube ist, so haben wir den 20. Juli als
ein endgültiges Gottesurteil zu achten. Der Führer ist vor fast sicherem
Tode bewahrt. Gott hat nicht gewollt, dass Deutschlands Bestand, um
dessen willen ich mich beteiligen wollte und beteiligt habe, mit einer
Bluttat erkauft wird; er hat auch dem Führer diese Aufgabe neu
anvertraut. Das ist alte deutsche Auffassung. Jeder Deutsche in der
Reihe der Umsturzbewegung ist nunmehr verpflichtet, hinter den von Gott
geretteten Führer zu treten, auch die Mittel, die einer neuen Regierung
zur Verfügung gestellt werden sollten, rückhaltlos ihm zu geben; ob er
sie nützen will, für brauchbar hält, entscheidet er."[86]
Mit dieser Begründung bot Goerdeler Hitler an, nunmehr nicht mehr für
die Opposition, sondern für Hitler mit der westlichen Diplomatie zu
verhandeln. An diesem Angebot hielt Goerdeler auch nach seiner
Verurteilung zum Tode fest. Er erklärte sich einem Abgesandten Walter
Schellenbergs (Leiter des Amtes VI - Auslandsnachrichtendienst - des
Reichssicherheitshauptamtes) gegenüber bereit, über seinen schwedischen
Freund Wallenberg mit dem "größten Feind der Kommunisten", Churchill,
Verbindung aufzunehmen.
Goerdelers Auffassungen mochten sich - wie Kurt Finker in seinem Referat
bemerkte[87]
- in mancherlei Hinsicht unter dem Druck der Ereignisse weiterentwickelt
haben; unverändert blieb jedoch - wie die genannten und andere
ungenannte Zeugnisse belegen - auch in seiner Gefängniszelle, den Tod
täglich vor Augen, der Antikommunismus die Grundlage seiner Anschauungen
und Handlungen.
IV
Wenn wir den 20. Juli 1944 unter faschismustheoretischem Aspekt
untersuchen, dann müssen wir davon ausgehen, dass wir es mit einem
Ereignis der Endphase des deutschen Faschismus unter extremen
Bedingungen, dass wir es mit der Suche des deutschen Imperialismus nach
einem Wege aus der Niederlage zum Überleben zu tun haben.[88]88
Worin diese Extrembedingungen genau bestanden, das wird vielleicht am
deutlichsten, wenn wir diese Endphase des deutschen Faschismus mit der
des italienischen Faschismus, die Bedingungen des Ausweges für den
deutschen mit denen des italienischen Imperialismus vergleichen.
Gewöhnlich wird die verblüffende Leichtigkeit, mit der der italienische
"Führer", Mussolini, entmachtet werden konnte, damit erklärt, dass er
über sich noch den König hatte, dem das Recht zustand, den
Ministerpräsidenten zu berufen und abzusetzen. Doch Verfassungsfragen
sind bekanntlich Machtfragen. Hätte der König nicht den Machtfaktor
Armee hinter sich gehabt, so hätte ihm sein verfassungsmäßiges Recht
sehr wenig genützt. Und umgekehrt: Wären die deutschen militärischen
Führer im gleichen Maße wie ihre italienischen Kollegen davon überzeugt
gewesen, dass der Diktator weg musste, dann hätten sie mit dem "Führer"
genau so verfahren können wie jene mit dem "Duce".
Man muss also schon tiefer loten, will man den Ursachen für den
unterschiedlichen Verlauf der Endphase des deutschen und des
italienischen Faschismus auf den Grund kommen.
An erster Stelle sind hier die Unterschiede in der ökonomischen,
politischen und militärischen Stärke des deutschen und des italienischen
Imperialismus zu nennen, sowie die unterschiedliche Situation, aus der
heraus jeder von ihnen den Faschismus an die Macht brachte.
Der italienische Imperialismus - der Imperialismus einer Mittelmacht,
deren Expansionsbestrebungen nur regionale Ausmaße annehmen konnten -
brachte den Faschismus im Oktober 1922 an die Macht, um aus seiner
krisenhaften Nachkriegsschwäche herauszukommen.
Der deutsche Imperialismus brachte den Faschismus an die Macht, nachdem
er seine Nachkriegsschwäche in der Weimarer Republik überwunden,
ökonomisch wieder die Nummer Zwei in der Welt des Kapitals geworden war
und nun danach strebte, durch einen neuerlichen, besser vorbereiteten
Waffengang in jeder Hinsicht die Nummer Eins zu werden. Sein
Expansionsdrang war also global, was bedeutet, dass die Diskrepanz
zwischen Ziel und Möglichkeiten bei ihm viel größer war als beim
italienischen. In Deutschland hatte der Faschismus deshalb in viel
größerem Maße als in Italien die Aufgabe, diese Kluft zwischen Können
und Wollen zu überbrücken durch brutale Ausschaltung aller Widerstände
gegen Kriegsvorbereitung und Krieg sowie durch die rücksichtslose
Konzentration aller Kraftquellen der Nation auf dieses eine Ziel:
rascheste Vorbereitung auf den Krieg, maximaler Einsatz aller nationalen
Potenzen für den Krieg. Dies war der entscheidende Grund dafür, dass in
keinem Land des Faschismus der Terror so extrem, grausam und effektiv
praktiziert und der Führerkult als Massenmanipulierungs- und
Mobilisierungsmittel so maßlos bis zur Vergottung des Mannes an der
Spitze getrieben wurde wie in Deutschland.
Die italienische Monopolbourgeoisie hatte es aber nicht nur nicht nötig,
Mussolini zur übermenschlichen Messiasfigur aufzubauen; es wäre ihr dies
auch gar nicht möglich gewesen, falls sie es gewollte hätte. Dafür war
Mussolini zu früh an die Macht gekommen. Als die Weltwirtschaftskrise
auch über Italien hereinbrach, wälzten die Faschisten nicht anders als
die bürgerlichen Regierungen in allen anderen Ländern die Krisenlasten
im Interesse des Kapitals rücksichtslos auf die Werktätigen ab. Dieselbe
Weltwirtschaftskrise, die Hitlers Aufstieg zum Hoffnungsträger von
vielen Millionen Deutschen ermöglichte, zerstörte bei Millionen
Italienern die Illusionen über Mussolini und seine Partei als Schöpfer
einer neuen, gerechten Ordnung. Mussolini konnte deshalb auch im Krieg
für die italienische Monopolbourgeoisie nicht die gleiche Rolle spielen
wie Hitler für die deutsche.
Als sich - spätestens nach Stalingrad - für sie herausgestellt hatte,
dass sie wieder einmal den falschen Verbündeten gewählt hatte, gab es
für sie bei weitem weniger Grund für Hemmungen vor einer Kapitulation
als für die deutschen Imperialisten. Italien war in diesem Krieg nicht
der Hauptgegner, sondern nur Juniorpartner des Hauptgegners der
Antihitlermächte, ein Juniorpartner, der, je länger desto mehr auf die
Stufe des bloßen Vasallen herabgesunken war. Obwohl natürlich auch ihm
gegenüber die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation erhoben wurde,
konnte er doch auf Belohnung rechnen, falls er noch rechtzeitig mit
Hitlerdeutschland brach und die Front wechselte.
Aber dazu war nötig, Mussolini und seine Schwarzhemden zu entmachten.
Anders als in Deutschland standen dem in Italien keine gewichtigen
Bedenken im Wege. Im Gegensatz zu Hitler war Mussolini für die
italienische Monopolbourgeoisie in jeder Hinsicht - nicht nur außen-,
sondern auch innenpolitisch - eine Belastung geworden. Er war kein
Faktor der Verminderung der Revolutionsgefahr mehr, sondern das
Gegenteil davon: solange er an der Spitze stand, würden die Forderungen
der Massen nach Umsturz der Machtverhältnisse nur immer dringender und
drohender erhoben werden.
Andererseits brauchte die italienische Bourgeoisie eine Ausbreitung der
Widerstandsbewegung weit weniger zu fürchten als die deutsche: hier gab
es keine Möglichkeit, dass sie von der Roten Armee Unterstützung
erhalten würde, sondern sie würde es nur mit den Westmächten als
siegreicher Besatzungsmacht zu tun haben, und die würden mit Sicherheit
dafür sorgen, dass es zu keiner kommunistischen Machtübernahme kommen
würde - selbst wenn die Italienische Kommunistische Partei die
überwältigende Mehrheit aller Italiener hinter sich hätte.
Diese vergleichende Betrachtung erhärtet die bisherigen Ergebnisse der
Untersuchung:
Erstens:
Hitler und seine Partei waren und blieben auch in der Endphase der
faschistischen Diktatur ein Instrument der deutschen Imperialisten und
nicht etwa deren Beherrscher.
Zweitens: Dieses
Instrument war - im Unterschied zu Italien - nur in einer, in
außenpolitischer Hinsicht, stumpf und sogar hinderlich geworden; es
erfüllte dagegen noch immer in unersetzlicher Weise seine wichtigste,
die innenpolitische Funktion des Hintanhaltens der Gefahr eines
revolutionären Durchbruches.
Drittens: Da
die deutsche imperialistische Bourgeoisie mit gutem Grund die Revolution
mehr als die Niederlage fürchtete, blieb sie in der Frage der
Beseitigung Hitlers unentschlossen, schwankte zwischen verschiedenen
Möglichkeiten, so dass die wirkliche Entschlossenheit zum Vorgehen gegen
Hitler auf den relativ kleinen Kreis der Verschwörer beschränkt blieb,
die ihrerseits allein gelassen wurden von ihrer Klasse und isoliert
waren und blieben von den antifaschistischen Kräften im Volk.
Hierin - und nicht in der von der bürgerlichen Geschichtsschreibung
behaupteten "Allmacht Hitlers" lag die wirkliche Ursache für das
Scheitern der Verschwörung des 20. Juli.
Erschienen in "Streitbarer Materialismus", Nr. 19 (Dezember 1994), S.
25-82
Online:
http://www.kurt-gossweiler.de/artikel/200744.htm
[1]
Die Referate und Diskussionsbeiträge dieses Kolloquiums sind
publiziert in "Wissenschaftliche Mitteilungen" der
Historiker-Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik.
1985/I-II [4] Kurt Gossweiler, Der 20. Juli und die Faschismustheorie, in: Demokratie, Antifaschismus und Sozialismus in der deutschen Geschichte, Berlin 1988 [5] Spiegelbild einer Verschwörung. Die Kaltenbrunner-Berichte an Bormann und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt. Hg. vom Archiv Peter für historische und zeitgeschichtliche Dokumentation, Stuttgart 1961 (künftig: Kaltenbrunner-Berichte), S. 232 [6] Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1956. S. 417 [12] Aus der Anweisung des Gestapochefs Müller v. 12.6.1942, zit. nach: 20. Juli 1944, hg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst. 4. Aufl., Bonn 1961, S. 197 [13] Siehe Olaf Groehler, 1944: Die Krise des deutschen Faschismus. Faschistische Agonie und Nachkriegsplanung, in: ZfG 7/1984, S. 588 [14] ebenda. Dort auch Angaben über weitere Literatur zur Nachkriegsplanung. [15] Joachim Petzold, Die Absetzung Wilhelm II., in: Zeitschrift für Militärgeschichte, 3/1967, S. 298ff. [16] zit. nach Eugen Schiffer, Ein Leben für den Liberalismus, Berlin-Grunewald, 1951, S. 136f [17] Am Beginn der letzten Phase des Krieges. Ein neues, bedeutsames Dokument aus dem illegalen Kampf in Deutschland, in: BzG 3/1979. S. 410. Siehe auch: Deutschland im Zweiten Weltkrieg, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Schumann. Bd. 6, Berlin 1985. S. 290 [18] Ritter, Goerdeler, S. 428 [19] ebenda, S. 615 [20] So behauptete Goerdeler in dem gleichen Brief: "Heute noch kann ich erklären, dass ich Ihnen, Herr Generalfeldmarschall, und jedem anderen zum notwendigen Handeln entschlossenen General die erdrückende Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft, der deutschen Beamten und der deutschen Wehrmacht zuführen kann." (ebenda) [21] zit. nach: Dokumente zur deutschen Geschichte 1929-1933, hg. von Wolfgang Ruge und Wolfgang Schumann, Berlin 1975, S. 83f. [22] Dazu ausführlich bei: Wolfgang Ruge, Das Ende von Weimar. Monopolkapital und Hitler, Berlin 1983, und Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP, Berlin 1982 [23] Hermann Rauschning (Gespräche mit Hitler, Zürich/Wien/New York 1940, S. 198) führt Hitlers Äußerung an: "In der Kunst der Massenbeeinflussung ist mir keiner gewachsen, auch Goebbels nicht." Und vor den Wehrmachtbefehlshabern begründete Hitler am 22.8.1939 die Notwendigkeit, jetzt loszuschlagen, u.a. mit folgenden Erwägungen: "Wesentlich hängt es von mir ab, von meinem Dasein, wegen meiner politischen Fähigkeiten. Dann die Tatsache, dass wohl niemand wieder so wie ich das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes hat. In der Zukunft wird es wohl niemals wieder einen Mann geben, der mehr Autorität hat als ich. Mein Dasein ist also ein großer Wert-Faktor." (Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg, 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946 (amtlicher Text in deutscher Sprache (künftig IMT), Bd. XXVI, S. 338 ff., Dok. 798-PS.) [24] Karl Dietrich Bracher/Wolfgang Sauer/Gerhard Schulz, Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaltssystems in Deutschland 1933/34, Köln und Opladen 1960, S. 914ff.; Kurt Gossweiler, Die Röhm-Affäre. Hintergründe - Zusammenhänge - Auswirkungen, Köln 1983, S. 512f. [25] Gossweiler, Röhm-Affäre, S. 470, 513; Hermann Foertsch, Schuld und Verhängnis. Die Fritsch-Krise im Frühjahr 1938 als Wendepunkt in der Geschichte der nationalsozialistischen Zeit, Stuttgart 1951, S. 64 [26] ebenda [27] Ausgewählte Briefe von Generalmajor Helmuth Stieff, in: VfZ 3/1954, S. 298 [28] Ausführlich dazu: Hans Bern Gisevius, Bis zum bittern Ende, Stauffenberg und der 20. Juli 1944, Berlin, 6. überarb. Auflage, 1984. S. 60f. [29] Friedrich Hossbach, Zwischen Wehrmacht und Hitler, Hamburg 1949, S. 9; Hossbach, S. 44, 74 [30] Siehe Hjalmar Schacht, Abrechnung mit Hitler. Hamburg 1949, S. 9; Hossbach, S. 44, 74 [31] Gossweiler, Röhm-Affäre, S.44 [32] Wortlaut in: VfZ 2/1955; auszugsweise in: Anatomie des Krieges. Neue Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Weltkrieges, hg. und eingel. von Dietrich Eichholtz und Wolfgang Schumann, Berlin 1969, S. 144ff. [33] Dietrich Eichholtz/Kurt Gossweiler, Noch einmal: Politik und Wirtschaft 1933-1945, in: Das Argument. Berliner Hefte für Probleme der Gesellschaft, Nr. 47 (3/1968), S. 221f. [34] Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, Bd. I, Berlin 1969, S. 16, 36ff. [35] IMT, Bd. XXXVI, S. 522ff., Dok. 450 EC. - dieses Gespräch, das wie kaum ein anderes Dokument Schacht als Einpeitscher der Hitlerpolitik kennzeichnet, hat erstaunlicherweise bisher in der Literatur kaum Beachtung gefunden: (vgl. aber George F.W. Hallgarten/Joachim Radkau, Deutsche Industrie und Politik von Bismarck bis heute, Frankfurt/M.-Köln 1974. S. 304) [36] IMT, Bd. XII, S. 598 [37] Im Rechenschaftsbericht an den 18. Parteitag der KPdSU führte Stalin am 10. März 1938 aus: "In der Politik der Nichteinmischung macht sich das Bestreben geltend, die Aggressoren bei der Ausführung ihres dunklen Werkes nicht zu hindern, ...zum Beispiel Deutschland nicht zu hindern, ...sich in einen Krieg gegen die Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in den Morast des Krieges versinken zu lassen, sie im stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen, dass sie einander schwächen und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und, natürlich ´im Interesse des Friedens´ aufzutreten, um den geschwächten Kriegsteilnehmern ihre Bedingungen zu diktieren." (J. Stalin, Fragen des Leninismus. Moskau 1947, S. 687f.) [38] Reinhard Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, S. 296 [39] Generalmajor Georg Thomas, Chef des Wehrwirtschaftsstabes des OKW [40] Ullrich v. Hassell, bis 1937 Botschafter in Rom, Mitverschworener Goerdelers und dessen Kandidat als Außenminister [41] Finker/Busse. Stauffenberg, S. 61ff. [42] Eichholtz/Gossweiler, Argument Nr. 47, S. 222; Eichholtz, Geschichte der Kriegswirtschaft, S. 50,61
[43]
Der deutsche Geschäftsträger in London, der zur Goerdeler-Gruppe
gehörte, gab dem englischen Außenminister Halifax am 7.
September 1938 eine mündliche Erklärung ab, in der es hieß:
"Nach unserer genauen Kenntnis plant Hitler einen Angriff auf
die Tschechoslowakei und nimmt an, dass der daraus entstehende
Krieg lokalisiert werden könnte... Hitler und Ribbentrop werden
wahrscheinlich gar nicht wagen, einen Krieg zu beginnen, wenn
eine offene britische Erklärung dem deutschen Volk klar vor
Augen führt, dass ein Krieg mit Großbritannien im Falle eines
Angriffs auf die Tschechoslowakei unvermeidlich ist. ...Wenn die
erbetene Erklärung gegeben wird, sind die Führer der Armee
bereit, gegen Hitlers Politik mit Waffengewalt aufzutreten. Eine
diplomatische Niederlage würde einen sehr ernst zu nehmenden
politischen Rückschlag für Hitler in Deutschland nach sich
ziehen und würde praktisch das Ende des nationalsozialistischen
Regimes bedeuten." (Erich Kordt, Nicht aus den Akten... Die
Wilhelmstraße in Frieden und Krieg. Erlebnisse, Begegnungen und
Eindrücke 1928-1945, Stuttgart (1950), S. 279ff.)
[44]
Fritz Thyssen, I paid Hitler, London 1941,
S. 47 [45] Ullrich von Hassell, Vom andern Deutschland, 3. Aufl., Zürich 1947, S. 86ff.; s.a. Ritter, Goerdeler, S. 239 [46] Vgl. dazu auch die Einschätzung der Landesleitung der KPD in ihrem bereits erwähnten Aufruf (Anm. 17); s.a. Finker/Busse, Stauffenberg, S. 171f. [47] siehe Olaf Groehler, 1944 [48] Finker/Busse, Stauffenberg, S. 68 [49] ebenda, S. 69 [50] Ritter, Goerdeler, S. 585ff. [51] Über solche Versicherungen der Regierung Chamberlain berichtet Ritter (S. 258ff. seines Goerdeler-Buches) [52] Ritter, Goerdeler, S. 586ff. [53] zit. nach: Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917-1919, Berlin 1975, S. 43 [54] Von Wilhelm II. ist überliefert, dass er noch am 3. November 1918 erklärte: "Das Kriegsende habe (durch den Ausbruch der Revolution) ein ganz anderes Aussehen erhalten. Es gehe jetzt um den Kampf gegen den Bolschewismus. Es sei nicht ausgeschlossen, "dass die Engländer mir Truppen gegen Russland anbieten." (Sigurd von Ilsemann, Der Kaiser in Holland. Aufzeichnungen des letzten Flügeladjutanten Kaiser Wilhelm II., hg. von Harald v. Koenigswald, Bd. l: Amerongen und Doorn 1918-1923, München 1967, S. 35) [55] Ritter, Goerdeler, S. 593 [56] ebenda, S. 593f. [57] ebenda [58] Ebenda, S. 595 [59] Ebenda, S. 596 [60] Ebenda, S. 602f. [61] ebenda, S. 603f. [62] ebenda, S. 604ff., Hervorhebung von mir, K.G. [63] ebenda, S. 606 [64] ebenda, S. 609f [65] ebenda, S. 392f [66] ebenda, S. 257ff. [67] ebenda, S. 393f. [68] Hans Bernd Gisevius, Bis zum bittern Ende, Bd. 2, Hamburg 1947, S. 234ff.; Allan Welsh Dulles, Verschwörung in Deutschland, Zürich 1948 [69] Ritter, Goerdeler, S. 394; s.a. ebenda, S. 407 [70] Ritter versucht diese Seite der Goerdeler-Konzeption vergeblich zu verwischen und dessen Einschwenken auf die auch vom bürgerlich-patriotischen Standpunkt aus verwerfliche "Westlösung" moralisch zu rechtfertigen, indem er auf der gleichen Seite (S. 394) behauptet, Goerdeler habe es als Verbrechen empfunden, nachdem der Krieg aussichtslos geworden sei, "auch nur noch das Leben eines einzigen deutschen Soldaten zu opfern." [71] Hier seien nur genannt: Finker/Busse, Stauffenberg; Kurt Finker, Graf Moltke und der Kreisauer Kreis, Berlin 1978 [72] Ritter, Goerdeler, S. 551 [73] ebenda, S. 396; Finker/Busse, Stauffenberg, S. 213 [74] Ritter, Goerdeler, S. 388 [75] Finker/Busse, Stauffenberg; S. 187f. [76] Ritter, Goerdeler, S. 408 [77] Ritter, Goerdeler, S. 407 [78] 20. Juli 1944, (s. Anweisung des Gestapochefs Müller vom 12.6.1942, a.a.O.), S. 174ff. [79] ebenda, S. 179 [80] Zur Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung 1933 bis 1945. Eine Auswahl von Materialien, Berichten und Dokumenten, Berlin 1957, S. 233ff. [81] 20. Juli 1944, S. 174 [82] ebenda, S. 1 75 [83] Kurt Finker, Der Platz des 20. Juli 1944 in der Geschichte des deutschen antifaschistischen Widerstandskampfes, in: Wissenschaftliche Mitteilungen der Historiker-Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik 1985/I-II, S. 6 [84] Deutschland im zweiten Weltkrieg, Bd. 6, Berlin 1985. S. 284f. [85] ebenda, S. 295 [86] Olaf Groehler/Wolfgang Schuhmann, Vom Krieg zum Nachkrieg. Probleme der Militärstrategie und Politik des faschistischen deutschen Imperialismus in der Endphase des zweiten Weltkrieges, in: Jahrbuch für Geschichte 26, Studien zur Geschichte des Faschismus und des antifaschistischen Widerstandes (l), hg. Dietrich Eichholtz/Klaus Mammach, Berlin 1982, S. 276 [87] Finker, Der Platz des 20. Juli 1944, S. 13 [88] Groehler/Schuhmann, Berlin 1982, S. 276, a.a.O.
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