zurück

 
 

SDS-Website

 
  Klaus Meschkat

Das Stasi-Weltbild des Doktor Knabe

Der "Mythos" von 1968 muß endlich entzaubert werden, so fordern es diejenigen, denen die Emanzipationshoffnungen dieses Schlüsseljahrs der deutschen Nachkriegsgeschichte unheimlich geblieben sind. Solche Entzauberung kann subtil versucht werden - oder auch mit sensationalistischem Enthüllungsgestus: Bisher geheime Akten sollen beweisen, daß das Handeln der Protagonisten der Protestbewegung ein Ergebnis östlicher Unterwanderung war, ganz wie es die Springer-Presse einst behauptet hat. Besonders grobschlächtig findet sich diese Umdeutung der Zeitgeschichte in einem Artikel über die Anti-Springer-Kampagne von 1967/68 mit dem Untertitel "Wie SED und MfS die West-Berliner Studentenbewegung manipulierten", ganzseitig abgedruckt in der FAZ vom 22.März des Jahres und gegen alle Usancen des Zeitungsgewerbes sogleich im Wortlaut nachgedruckt in der eigentlich ja konkurrierenden "Welt", zustimmend kommentiert in der folgende "Welt am Sonntag", als Auftakt einer Artikelkampagne, die auch den Verleger Axel Springer als armes Opfer DDR-gesteuerter Umtriebe porträtiert.

Die simple Botschaft des Artikels von Hubertus Knabe über die Anti-Springer-Kampagne von 1967/68 ist schon aus seinem Buch "Die unterwanderte Republik" bekannt: eine "Außerparlamentarische Opposition" in Westberlin hat es als eigenständige politische Kraft nie gegeben, sie ist in Wahrheit von den Ostberliner Sicherheits- und Propagandaapparaten ersonnen, geplant und mit Hilfe von inzwischen entlarvten oder noch zu entlarvenden Agenten (und deren naiven oder verbohrten Helfern) in Bewegung gesetzt und fortlaufend gesteuert worden.

Die APO von 1967/68 - im wesentlichen ein Produkt der Stasi. Wie kann ein promovierter Wissenschaftler, der als Zeithistoriker ernst genommen werden möchte, zu einem derart absurden Verschwörungsdenken gelangen? Selbstverständlich ist ihm nicht vorzuwerfen, daß er neue Quellen zugänglich macht - die Enttarnung von Agenten und die Mitteilung ihrer Berichte ist ein legitimer Bestandteil zeitgeschichtlicher Forschung, wie sie von Knabe in einer 1999 veröffentlichten seriösen Auftrags-Dokumentation zur Westarbeit des MfS geleistet wurde. Fragwürdig bis anrüchig ist allerdings die weitere Verwendung des Materials: Hubertus Knabe hat bekanntermaßen seine privilegierte Stellung als Mitarbeiter der Gauck-Behörde dazu benutzt, in einem Verlag des Springer-Imperiums in größter Eile Auszüge aus Spitzelberichten bekanntzumachen, die anderen Interessierten nicht einmal zur ungekürzten Einsicht zugänglich sind. Wer so ungeniert seinen unverdienten Vorsprung vor anderen Forschern ausbeutet, der sollte sich wenigstens im Umgang mit "seinen" Quellen besondere Sorgfalt auferlegen, und er sollte jedenfalls peinlich darauf bedacht sein, nicht einmal in die Nähe politisch motivierter Kampagnen zur Umdeutung der Zeitgeschichte zu geraten.

Hubertus Knabe ist so auf seine akademische Reputation bedacht daß er in der Überschrift eines Zeitungsartikels mit seinem Doktortitel firmiert, es ist deshalb nicht unbillig, von ihm wenigstens die Beachtung elementarer Regeln historischer Forschung zu erwarten. Jeder Geschichtsstudent lernt in seinen ersten Semestern, daß man sich möglichst nicht nur auf eine Quellenart verlassen sollte, daß keine Quelle für sich selbst spricht, daß ohne vorherige Quellenkritik keine Interpretationen gewagt werden können, daß schließlich die Deutung der Quelle den historischen Kontext und die (damalige) Selbstinterpretation der Protagonisten zu berücksichtigen hat. Knabe verstößt gegen alle dieser Elementarregeln: er stützt seine Darstellung nahezu ausschließlich auf eine bestimmte Quellenart, nämlich auf die Spitzelberichte in den Stasi-Unterlagen, und er verzichtet fast vollständig auf quellenkritische Fragen: Was kann einen Stasi-Zuträger dazu veranlaßt haben, Informationen zu verzerren, zu verschweigen, zu erfinden? Wie weit spiegeln die Mitteilungen über Einfluß und Kontakte vor allem das Bestreben wider, sich als Informanten aufzuwerten? Welchen Realitätsgehalt haben großangelegte Infiltrationspläne von DDR-Funktionären: könnten sie etwas mit Allmachtsphantasien selbstherrlicher Bürokraten zu tun haben, ähnlich wie auf fiktiven Daten basierende Wirtschaftspläne? Statt auf diese Weise die Berichte der Spitzel und ihrer Auftraggeber zu prüfen und einzuordnen, nimmt Knabe immer wieder das Mitgeteilte für die endlich aufgedeckte Wahrheit. Der Aktenzugang bestimmt das Weltbild: was die Stasi-Zuträger mitteilen und was die Stasizentrale sich wünscht, wird zur Realität des Doktor Knabe.

Wie jede Quellenkritik fehlt bei Knabe auch eine von jedem Historiker zu fordernde Berücksichtigung der konkreten Zeitumstände. Deshalb gerät die Schilderung der Anti-Springer-Kampagne zur Groteske. An keiner Stelle des Textes wird auch nur die Vermutung geäußert, es könne für die Gegnerschaft großer Teile der Studentenschaft und der kritischen Intelligenz Westberlins zum Springer-Konzern irgendeinen anderen Grund gegeben haben als die naive Bereitschaft, sich in den Dienst einer in Ostberlin geplanten Propagandaoffensive gegen dieses Pressehaus zu stellen. Kein Wort über die leider nicht folgenlosen Hetzkampagnen der Springer-Presse gegen die oppositionellen Studenten: die Reproduktion einer beliebigen Karikatur aus BZ oder Bildzeitung jener Zeit könnte zeigen, wie damals in Stürmer-Manier Studenten als ungewaschene Parasiten dargestellt wurden, Figuren mit verfilzten Haaren und stechendem Blick. Solche Hetze gegen Minderheiten zeitigte Früchte: Sprecher der außerparlamentarischen Opposition erhielten in jener Zeit fast täglich anonyme Drohbriefe. Es blieb nicht bei Drohungen: am Rande der offiziellen Gegenkundgebung nach dem Vietnam-Kongreß wurde ein junger Mann um ein Haar gelyncht, weil ihn aufgebrachte Westberliner irrtümlich für Rudi Dutschke hielten. Daß das von den Meinungsmachern des Springer-Konzerns erzeugte Klima für solche Gewaltbereitschaft mitverantwortlich war, kann kaum bezweifelt werden - und die Forderung "Enteignet Springer" kann vor diesem Hintergrund als eine durchaus angemessene und zudem verfassungskonforme Reaktion der damaligen außerparlamentarischen Opposition verstanden werden.

Wer sich in Zusammenhang mit der Anti-Springer-Kampagne ernsthaft dafür interessiert, welche Außenbeziehungen für die politische Orientierung der außerparlamentarischen Opposition tatsächlich eine Rolle spielten, sollte nicht nach Ostberlin starren - auf die "Argumentationshilfen" eines mediokren und unglaubwürdigen Propagandaapparats war die kritische westberliner Intelligenz wahrhaftig nicht angewiesen. Dagegen war die amerikanische Antikriegsbewegung ein wichtiger Bezugspunkt. An ihrer Seite wollte die außerparlamentarische Opposition dazu beitragen, daß der Krieg gegen Vietnam ein Ende findet. Hier liegt ein entscheidender Grund für die Gegnerschaft zum Springer-Konzern, der mit der Behauptung, die Freiheit Westberlins werde auch in Vietnam verteidigt, die amerikanische Kriegsführung vorbehaltlos unterstützte - und sogar mit der geschmacklosen Kampagne, den Angehörigen der in Vietnam gefallenen amerikanischen Soldaten Nachbildungen der Freiheitsglocke zu schicken, den Kriegsbefürworter in den USA den Rücken stärken wollte.

Hubertus Knabe verzichtet darauf, solche zeitgeschichtlichen Zusammenhänge zu erörtern - er will nicht verstehen, sondern entlarven. Wenn er wegen seiner eklatanten methodischen Fehler und Unterlassungen nicht als Historiker gelten darf- ist er wenigstens ein guter Enthüllungsjournalist, der den Leser mit harten Fakten bedient?

Um es vorweg zu nehmen: Knabe zieht einen manipulativen Verdächtigungsjournalismus vor, der durch Weglassen und Andeutungen bestimmte Effekte zu erreichen sucht, immer haarscharf am Rand von Formulierungen, die Verleumdungsklagen nach sich ziehen könnten. Ein Beispiel ist die Bewertung einer Arbeit von Manfred Bissinger über Axel Springer. "Daß die DDR auch bei diesem mit vielen Interna gespickten Artikel ihre Finger im Spiel hatte, ist nicht auszuschließen". Zitat Knabe. Hier wird nichts behauptet, nur nichts ausgeschlossen. Der Leser soll vermuten: Wer viele Interna mitteilen kann, muß sie doch vom allmächtigen Propagandaapparat der DDR bezogen haben, ohne die Stasi läuft doch nichts in den Köpfen dieser Springer-Kritiker. Und hat es da nicht vielleicht Gegenleistungen für die Interna gegeben, die sich nur leider (noch) nicht aus den Akten nachweisen lassen? Ein angesehener Journalist gerät auf diese Weise in den Bereich von Verdächtigungen, die aber niemals so eindeutig geäußert werden, daß er gerichtlich dagegen angehen könnte. Irgendwas bleibt schon hängen.

Ähnlich die Darstellung des Republikanischen Clubs, eine Anhäufung von vielen Unwahrheiten - und einigen Halbwahrheiten. Vor allem aber Weglassungen: Daß dieser Club vor allem gegründet wurde, um in einer vom Meinungsmonopol der Springer-Presse geprägten Stadt eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, bleibt ausgerechnet in einem Artikel zur Anti-Springer-Kampagne einfach unerwähnt - die Namen der angesehenen Schriftsteller, Hochschullehrer, Journalisten und Gewerkschafter der Stadt, von Hans Magnus Enzensberger bis zu Ossip K. Flechtheim, von Marianne Regensburger bis Lothar Pinkall, die diese Initiative getragen haben, werden nicht genannt. Knabe erfindet als eigentliche Club-Gründer eine Gruppe von "Linkstraditionalisten", offenbar Menschen mit besonderer Affinität zur SED, und ordnet meine Person wahrheitswidrig und verleumderisch dieser Tendenz zu - obwohl zahlreiche öffentliche Äußerungen von mir das Gegenteil belegen und mich als scharfen Kritiker des "realen Sozialismus" ausweisen, übrigens in voller Übereinstimmung mit Rudi Dutschke, dem ich persönlich und politisch sehr nahe stand. Aber Herrn Knabe geht es ganz offenkundig nicht um die zutreffende Charakterisierung politischer Positionen, sondern wieder um Verdächtigungen: mein Name wird in einer Reihe mit Walter Barthel genannt, der tatsächlich Stasi-Informant war, und mit Horst Mahler, dessen weiteren politische Wege beim Leser unangenehme Empfindungen auslösen. Wenn schon die von Knabe gesichteten Akten ausweisen, daß ich als gegen Stasi-Anwerbungsversuche immun eingeschätzt wurde - vielleicht läßt sich der zeitweilige Sprecher der Außerparlamentarischen Opposition noch anders beschädigen, zum Beispiel durch die wiederholte Nennung seines Namens neben einem Stasispitzel und einem späteren Neonazi? Noch einmal, wie bei Manfred Bissinger, die Methode Dr. Knabe: Etwas wird schon hängen bleiben.

Ja, es hat in der Außerparlamentarischen Opposition wie in allen Parteien und politischen Gruppierungen Westberlins Spitzel gegeben - und nicht nur Stasi-Spitzel, wie wir vermuten oder in einigen Fällen auch wissen. Die beiden Hauptzeugen, auf deren Berichte sich Knabe vorwiegend stützt, hatten übrigens gleichzeitig mit der Stasi und dem Verfassungsschutz Verbindung - wir erfahren leider nichts von Knabes Bemühungen, Berichte an westliche Geheimdienste als zeitgeschichtliche Quellen zu erschließen. Das Bild der umfassenden Unterwanderung und der Allmacht der Stasi ist schon in dieser Hinsicht Ergebnis einer optischen Täuschung: es gibt eben keine Gauck-Behörde, die den Betroffenen die Spitzelberichte an westliche Geheimdienste zugänglich macht.

Wer sich in Westberlin politisch einmischen wollte, mußte zwangsläufig damit rechnen, Objekt nachrichtendienstlicher Bemühungen zu werden. Statt den aufwendigen und sicher auch fruchtlosen Versuch zu unternehmen, Informanten durch Aufbau eines eigenen Gegen-Geheimdienstes zu enttarnen, haben wir uns damals entschieden, die mögliche Spitzelei einfach zu ignorieren und das einzige Gegenmittel zu benutzen, das mit unseren Grundsätzen übereinstimmte: uneingeschränkte Öffentlichkeit, die sich übrigens auch als das beste Gegenmittel gegen jede Art von Anwerbungsversuchen erwies.

Die persönliche Enttäuschung darüber, von Menschen hintergangen worden zu sein, die sich als Mitstreiter oder sogar als Freunde ausgaben, teilen die einstigen APO-Aktivisten sicher mit vielen Menschen, die ihre Stasi-Unterlagen eingesehen haben. Der Schock über den Verrat kann indes leicht dazu führen, seine objektiven Auswirkungen zu überschätzen und dem "Verräter" nachträglich einen politischen Einfluß zuzuschreiben, den er sich in vielen Fällen heiß gewünscht haben mag, aber in Wirklichkeit gar nicht besaß. Zur zeitgeschichtlichen Einordung der Bedeutung von Agenten-Aktivitäten sollte immer die Frage gestellt werden: Sind politische Entwicklungen wesentlich anders verlaufen und große Konflikte anders ausgetragen worden, weil bestimmte Individuen Berichte geschrieben und/oder nach Instruktionen von außen gehandelt haben? Im Falle der Entstehung und des Agierens der Außerparlamentarischen Opposition in Westberlin ist diese Frage auch nach Kenntnis der von Knabe mitgeteilten Dokumente rundweg zu verneinen.

Es ist hier nicht der Ort, mit Knabe über die wahre Geschichte der Anti-Springer-Kampagne zu streiten: das werden hoffentlich kompetente Zeithistoriker tun, die im Gegensatz zu ihm die durchaus zugänglichen APO- und SDS-Archive kennen und konsultieren. Bei seiner These, der Republikanische Club sei ein Instrument Ostberliner Infiltration gewesen, wird Knabe mit einem Faktum besondere Schwierigkeiten haben: Wie will er erklären, daß der Vorstand des Republikanischen Clubs als erster gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag protestiert hat? Als ich als Sprecher der Westberliner Linken vor der tschechoslowakischen Militärmission im August 1968 meine Protestrede hielt, konnte ich jedenfalls noch nicht ahnen, daß eines Tages jemand enthüllen würde, daß ich und meine Mitstreiter in Wirklichkeit als Marionetten an den Strippen der Stasi gezappelt haben.

20.6.2001

Biografische Notiz zu Klaus Meschkat