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... zwei, drei, viele Bedeutungen

Die Karriere des Imperialismusbegriffs

 von Jörg Später

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist es um den Imperialismusbegriff still geworden. Man redet stattdessen von Weltordnung oder Globalisierung  -  Begriffe, die Dominanzverhältnisse nicht unbedingt anzeigen. Das Ende der Rede vom Imperialismus ist aber nicht nur veränderten Kräfteverhältnissen geschuldet, sondern liegt auch daran, dass der Imperialismusbegriff von Anfang an zwischen analytischem Instrument und politischem Kampfbegriff oszillierte. Hinzu kam, dass er einer wichtigen Frage gegenüber weitgehend ignorant blieb: der deutschen Frage. Sie sollte sich im Verlauf seiner Karriere als Störfaktor erweisen, denn heute ist die deutsche Linke gespalten, ob ihr Hauptfeind ein 'Ismus' oder Deutschland ist.

 

'Imperialismus' geht zurück auf den lateinischen Begriff  'Imperium', historisch also auf jene Zeit, als die Römer nicht nur wehrlose Piratenschiffe versenkten, sondern fast ganz Europa sowie Kleinasien und Teile von Afrika beherrschten. 'Imperium' beschrieb einen Macht- und Rechtsbereich. Die Wortschöpfung 'Imperialismus' hingegen fand erst im 19. Jahrhundert Eingang in den Sprachgebrauch, als sie die cäsaristische Säbelherrschaft Napoleons III. und Bismarcks auf dem Kontinent als Verselbständigung der Machtkomponente von der des Rechts geißelte. Anläßlich des Burenkrieges Ende des Jahrhunderts geriet der britische Expansionismus in die Kritik von liberalen und radikalen britischen Dissidenten, und 1902 erschien mit J. A. Hobsons Imperialism der erste Versuch, den Begriff des Imperialismus analytisch nutzbar zu machen.

Hobson betonte, dass der Imperialismus unausweichlichen ökonomischen Gesetzen entspringe: Der Kapitalismus produziere mehr als konsumiert werden könne und müsse sich daher immer neue Absatz- und Reinvestitionsmärkte suchen und schaffen. Der Imperialismus ist nach Hobson eine Art Kanalsystem, durch das die großen Machthaber der Industrie ihren überschüssigen Reichtum gewinnbringend anlegen. Als liberaler Vertreter dieser Unterkonsumtionsthese empfahl er eine ausgeglichenere Einkommensverteilung, die die imperialistischen Auswüchse des Kapitalismus zähmen würde, zumal sich imperialistische Expansion letztendlich nur für bestimmte gesellschaftliche Gruppen, nicht aber für die gesamte Nation lohne.

In der deutschen Sozialdemokratie zur Zeit der Zweiten Internationale wurde sowohl die innenpolitische Diskussion auf der Insel als auch Hobsons Versuch der Begriffsbildung für die gegenwärtige Form des Kapitalismus aufgenommen. Zum einen diente der Imperialismusbegriff der Kritik an der aggressiven und militaristischen Entwicklung des Kapitalismus, zum anderen wurde er an Marx rückgekoppelt, um eine zeitgemäße Krisen- und Revolutionstheorie zu entwickeln. 1906 erschien Rudolf Hilferdings Finanzkapital. Hilferding bezeichnete mit seinem Buchtitel das letzte Stadium des Kapitalismus, in dem Industrie- und Finanzkapital miteinander verschmolzen seien: »Das Kapital erscheint [im Finanzkapital, J.S.] als einheitliche Macht, die den Lebensprozess der Gesellschaft souverän beherrscht.« Auch für den Weltmarkt und die internationale Politik habe diese Entwicklung Folgen: Der Kapitalexport fordere eine imperialistische Politik, weil er sich »am wohlsten fühlt bei völliger Beherrschung der neuen Gebiete.«

Berechenbarer Zusammenbruch

Während Hilferding an der Geld- und Zirkulationssphäre anknüpfte, konzentrierte sich Rosa Luxemburg in ihrer Imperialismustheorie auf die Reproduktionsbedingungen des Kapitals. Sie fragte sich in ihrem Buch Die Akkumulation des Kapitals (1913), wie die beobachtbare erweiterte Reproduktion des Kapitals, eben jene ungeheure Akkumulation, möglich sei. Diese lasse sich nicht mit der Mehrwerterzeugung im Kapital-Lohnarbeitsverhältnis erklären, die nur eine einfache Reproduktion des Kapitals realisieren könne. Sb stieß sie auf die »nichtkapitalistischen Milieus« der Kleinproduzenten und Bauern vor allem in den Kolonien, deren Ausbeutung die Dauerakkumulation garantiere. Erschließe der Kapitalismus aber diese Milieus, könne er, wenn dieser Prozess abgeschlossen sei, nur noch seine einfache Reproduktion gewährleisten. Gegen Marx vertrat Luxemburg also die Auffassung, dass der ökonomische Zusammenbruch des kapitalistischen Systems berechenbar sei. Den Imperialismus definierte sie in diesem Prozess als den politischen Ausdruck »der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus«. Und: »Der Imperialismus ist ebenso sehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals, wie das sichere Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen.«

Während Hobsons Schrift also auf eine Reform der Sozialstruktur zielte, waren Hilferdings und Luxemburgs Imperialismusanalysen Beschreibungen der strukturellen Krise des Kapitalismus und der Versuch, eine marxistisch begründete Revolutionstheorie zu formulieren. Nach Rudolf Hilferding hätte das revolutionäre Subjekt, die Arbeiterbewegung, nur noch das reife Früchtchen pflücken müssen, denn das Finanzkapital bedeute durch die Verallgemeinerung der kapitalistischen Politik im Imperialismus seiner Tendenz nach die Herstellung der gesellschaftlichen Kontrolle über die Produktion. Nach Rosa Luxemburg wäre der Imperialismus an . sich selber zugrunde gegangen, dennoch rät sie, ihn dringend abzuschaffen. Allen dreien ist gemeinsam, dass die Theorie des Imperialismus an ein politisches Anliegen gekoppelt ist. Der Imperialismus wird in »antiimperialistischer« Absicht beschrieben, er wird vorgefunden, nicht erfunden, und er wird gedeutet, damit er überwunden wird. Die Praxis ist von Anfang an nicht von der Theorie zu trennen, aber erst bei Lenin wurde die Theorie völlig der Praxis - oder besser der politischen Strategie -  unterworfen.

Hohe Zölle und Hohenzollern

Zwischen Luxemburg und Lenin lagen Erster Weltkrieg und Oktoberrevolution. Den meisten Linken war der Weltkrieg die Bestätigung der These vom imperialistischen Krieg der Krieg als eine Naturerscheinung des Kapitalismus im imperialistischen Zeitalter.

Karl Kautsky war der erste, dem Zweifel an dieser Sichtweise kamen. Nicht nur glaubte er den Kapitalismus grundsätzlich befähigt, eine Art »Ultraimperialismus« herauszubilden, d.h. ein Arrangement der imperialistischen Staaten, ihre Konkurrenz nicht mir kriegerischen Mitteln auszutragen. Außerdem bemerkte er, dass der Imperialismus zwar ein Pulverfass sein möge, dass es jedoch jemandes bedürfe, der ein brennendes Streichholz hineinwirft. In der Tat: Der deutsche war nicht wie der britische Imperialismus. Er war nicht zuerst ein Händlerimperialismus, sondern ein Heldenimperialismus;, ihm ging es zwar um Export, mehr aber noch um Prestige; hohe Zölle mögen zur Spannung beigetragen haben, den Krieg gewollt haben die Hohenzollern; kurzum: es war eine auf Krieg eingerichtete Geistesverfassung einer in der Aufteilung der Welt zu spät gekommenen Nation, die schon im Ersten Weltkrieg eine Ahnung davon vermittelte, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als »deutsches Problem« galt.

 Der Erste Weltkrieg erwies sich als Knackpunkt für den Imperialismusbegriff. Zunächst durften sich alle bestätigt fühlen; dass Kapitalismus Krieg bedeute und die Alternative daher heiße: Sozialismus oder Barbarei. Er deutete aber bereits an, was in den folgenden Jahrzehnten offensichtlich werden musste - dass aus Deutschland noch  schlimmeres als jene Barbarei kommen sollte. Und schließlich war der Erste Weltkrieg für den Imperialismusbegriff entscheidend, weil hier die eindeutige Gewichtsverschiebung von der analytischen Beschreibung der kapitalistischen Gesellschaft zum politischen Kampfbegriff stattfand. 1917 war das Jahr, in dem die USA in den Krieg (und damit in die Weltpolitik) eintraten und in dem die Oktoberrevolution stattfand. 1917 war also das Jahr, in dem die beiden Mächte die Bühne betraten, die fürderhin den ideellen Gesamtimperialisten und  -antiimperialisten abgeben sollten und die dreißig Jahre später gemeinsam die Menschheit vom Nationalsozialismus befreien sollten. Damit wenden wir uns Lenin zu.

Lenins Laden

Der Titel Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss versprach schon, dass der Antiimperialismus das populärste Stadium des Antikapitalismus werden sollte. Lenin schuf keine eigenständige Imperialismustheorie, sondern formte das vorhandene Material von Hobson bis Hilferding zu einem Idealtypus des ,Imperialismus', der nur in der Abstraktion der Theorie bestand, zu dem aber die Diktatur des Proletariats das praktische Gegenprinzip abgeben sollte. Historisch-materialistisch definierte Lenin den Imperialismus als »Epoche des Finanzkapitals und der Monopole« oder als Epoche des »reifen und überreifen Kapitalismus, der vor dem Zusammenbruch steht, der reif ist, dem Sozialismus Platz zu machen«. Lenin hielt Kautskys These vom Ultraimperialismus für Ultra-Unsinn: Interimperialistische Bündnisse sind in der kapitalistischen Wirklichkeit notwendigerweise nur ,Atempausen' zwischen Kriegen.«

Moralisch kritisierte Lenin den Imperialismus als »Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus«, eine Tendenz, die er mit dem Begriff» Rentnerstaat« festhielt: »Der Imperialismus bedeutet eine ungeheure Anhäufung von Geldkapital in wenigen Ländern (...) Daraus ergibt sich das außerordentliche Anwachsen der Klasse oder, richtiger, der Schicht der Rentner, d.h. Personen, die vom ,Kuponschneiden' leben, (...) deren Beruf der Müßiggang ist.« Lenin amalgamierte alle verfügbaren Argumente gegen den Imperialismus und stellte einen Selbstbedienungsladen der Schlagworte für Revolutionäre jeglicher Couleur bereit. Mit seinem Plädoyer für die geschichtslosen Nationen und gegen nationale Unterdrückung und Verletzung der Selbstbestimmung der Nationen baute er darüber hinaus eine Brücke zwischen Sozialismus und dem erwachenden Nationalbewusstsein der unterdrückten Völker. Bis auf die Finanzoligarchie in New York, London und Paris konnte sich nun jeder im antiimperialistischen Kampf wähnen.

Auch innerhalb der Komintern entstand nun eine Öffnung zum deutschen Nationalismus: 1920 sah sie Deutschland »zur Kolonie des Weltkapitalismus« geworden, sein nationaler Aufstand sei ebenso antikolonialistisch wie der Aufstand der Marokkaner; und zehn Jahre später erklärte das ZK der KPD: »Wir werden den räuberischen Versailler ,Friedensvertrag', der Deutschland knechtet, zerreißen, werden alle internationalen Schulden und Reparationszahlungen, die den Werktätigen Deutschlands durch die Kapitalisten auferlegt sind, annullieren.« Wieder neun Jahre später wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt der Krieg zwischen Deutschland auf der einen und Großbritannien und Frankreich auf der anderen Seite als imperialistischer Krieg bezeichnet, in dem die Westmächte die eigentlichen Aggressoren seien. Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde aus dem imperialistischen Krieg der anderen über Nacht ein antifaschistischer vaterländischer Volkskrieg. Es darf natürlich nicht vergessen werden, dass die deutschlandfreundliche und antiwestliche Haltung der Komintern auch eine Reaktion auf die antisowjetische Politik des Westens und in der Weimarer Zeit von der Hoffnung genährt war, im Land der vermeintlich stärksten Arbeiterbewegung könne es zu einer kommunistischen Revolution kommen. Dennoch war Lenins Imperialismustheorie - man denke nur an Lenins Dämonisierung des parasitären Finanzkapitals und die Nazirede vom schaffenden und raffendem Kapital -  bestens geeignet, nationalistischen  Kreisen. antiimperialistische Schlagworte zu liefern.

Die feinen Unterschiede

In der Zwischenkriegszeit erstarrte die Imperialismustheorie völlig. Der Begriff wurde zu einem des politischen Handgemenges im Dreiecksspiel der Außenpolitik zwischen den Westmächten, Deutschland und der Sowjetunion. Mit dem Zweiten Weltkrieg war er im Diskurs westlicher linker Intellektueller diskreditiert. Den Krieg zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten als Krieg zweier imperialistischer Lager zu beschreiben, dessen Ausgang gleichgültig wäre, oder den Nationalsozialismus als politischen Arm des Monopolkapitalismus zu beschreiben, konnte nur verbohrten Dogmatikern einfallen. Um so ungewöhnlicher waren die Versuche deutscher Emigranten während und kurz nach dem Krieg, den Imperialismusbegriff für die Analyse des Nationalsozialismus und des »deutschen Problems« selbst fruchtbar zu machen.

Schon Franz L. Neumann benutzte in seinem Behemoth den Begriff  'Rassenimperialismus' zur Beschreibung der politischen Struktur des Nationalsozialismus. Als marxistischer Theoretiker bestimmte er damit die Differenz zwischen dem deutschen und dem westlichen Imperialismus.

Hannah Arendt bezeichnete in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft den europäischen Imperialismus neben dem Antisemitismus als zwar nicht ausreichende, aber notwendige Voraussetzung totaler Herrschaft - nicht als Ursache, aber als Ursprung. Eine Kombination von unbegrenzter Machtpolitik, Rassenwahn und bürokratischer Herrschaft hätten den territorialen und legalen Nationalstaat unterminiert. Der Imperialismus habe Expansion als die zentrale politische Idee gesetzt, die Macht von einem Element des Politischen ins Zentrum politischer Theorie gehievt; er habe den Rassebegriff von einer Meinung unter vielen zur eigentlichen Ideologie seines Zeitalters werden lassen; und er habe mit der Bürokratie die geregelte Unterdrückung auf dem Verordnungswege durchgesetzt.

Auch Arendt interessierte sich für die feinen Unterschiede zwischen dem britischen und dem kontinentalen Imperialismus. Die Rede von der »White man's burden« sei zwar eine Legende, hinter der Heuchelei und Rassedünkel stecke, aber sie sei eine Legende, in den fünfziger Jahren schon gar keine kommunistischen Implikationen mehr. Perons Neutralismus etwa wandte sich gegen die USA und die Sowjetunion und war rein nationalistisch motiviert. Auch die Führer der afrikanischen Befreiungsbewegungen interessierten sich wenig für ökonomische und politische Theorien des Imperialismus. Die Erfahrungen von Fremdherrschaft und rassistischer Diskriminierung benötigten keine elaborierten Analysen, um verstanden zu werden. Sie wurden als Kontinuität des Kolonialismus wahrgenommen und die antiimperialistische Rhetorik war willkommenes Hilfswerk, diese zu beschreiben und zu verurteilen. Die Annahme, dass die Bewegungen des Südens und die sozialistische Welt einen gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus führten, existierte nur in den Köpfen der vom Leninismus geschulten Theoretiker. Die Antithese zu Imperialismus und Kolonialismus war nicht Kommunismus, sondern nationale Unabhängigkeit.

Neuen Wind entfachte erst die kubanische Revolution. Nicht nur hatte der »Yankee-Imperialismus« vor der eigenen Haustüre das Nachsehen, auf einmal war zumindest unter den Intellektuellen die soziale Revolution wieder auf der Agenda. In den sechziger Jahren entstand in Südamerika um Theoretiker wie Andre Gunder Frank oder Oswaldo Sunkel eine neue Denkschule, die Dependencia Theorie. Hier wurden Entwicklung und Unterentwicklung zum ersten Mal als soziales Verhältnis beschrieben. Zunächst akademisch und undialektisch, erfolgte im Laufe des Jahrzehnts eine Politisierung. »Die Geschichte der Unterentwicklung Lateinamerikas ist die Geschichte der weltweiten Entfaltung des kapitalistischen Systems« ist beispielsweise in der 1969 ins Deutsche übersetzten Schrift Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika zu lesen: »Die unterentwickelten Länder sind Bestandteil und Opfer eines gigantischen .imperialistischen Weltsystems, eines Systems, das das dialektische Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital auf den je verschiedenen Stufen der Entwicklung der Unterentwicklung, mit unterschiedlichen Mehrwertraten, widerspiegelt.« Der Marxsche Begriff der Ausbeutung wurde in den globalen Zusammenhang übersetzt: »Innerhalb der Totalität des imperialistischen Weltsystems, der ,letzten Stufe des Kapitalismus', vollzieht sich, unter der Herrschaft des Wertgesetzes, die Entwicklung der Unterentwicklung, die Zerstörung der Produktivkraft, der konkreten Lebensmittel der Völker, zugunsten des abstrakten Reichtums der Metropolen.«

Die Befreiung der Völker

Doch erst der Vietnam-Krieg verschaffte dem Imperialismusbegriff die größtmögliche Anschaulichkeit und katapultierte ihn zurück in die Metropolen. Che Guevaras Schafft eins, zwei, viele Vietnam propagierte »eine Kriegsansage gegen den Imperialismus und einen Ruf nach der Einheit der Völker gegen den großen Feind des Menschengeschlechts, die Vereinigten Staaten von Nordamerika«. Rudi Dutschke und Gaston Salvatore führten in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe aus, die vietnamesische Revolution habe die historische Funktion, als Beispiel und Vorbild den Kampf der anderen Völker um ihre Befreiung voranzutreiben. Der Kampf der Vietnamesen symbolisiere Tag für Tag die historische Alternative: »Beginn des Prozesses der totalen Befreiung von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation oder Wiedererstarken des in Gefahr geratenen Systems der Herrschaft von Menschen über Menschen in der ganzen Welt.« Die Weltrevolution könne unübersehbare Realität werden: »Das Ziel dieses Kampfes kann nur die radikale Beseitigung des Weltsystems des Imperialismus, die soziale und ökonomische Befreiung sein.«

Die Weltrevolution vor Augen, den Feind erkannt - ein System mit einem Kopf: mit diesem Bild der greifbar möglichen Befreiung vor Augen begann nun auch in Westeuropa der bewaffnete antiimperialistische Kampf. Die von der RAF 1972 entwickelte Strategie des antiimperialistischen Kampfes skizzierte den zu bekämpfenden Feind als »das historisch letzte System von Klassenherrschaft, gleichzeitig das blutrünstigste und abgefeimteste, das es je gab«. Es sei der »seinem Wesen und seiner Tendenz nach durch und durch faschistische Imperialismus ‑in welcher Charaktermaske auch immer er sich am besten repräsentiert findet«. Hier stand Lenin Pate: Imperialismus hieß das System, seine Attribute waren, demokratisch' oder ,faschistisch', die BRD war »kriegführende Partei gegenüber den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt«. Kurzerhand wurden die Israelis zu Nationalsozialisten erklärt und der Kampf gegen sie zu einem antifaschistischen. Und, auch hier ganz Lenin, es waren alle eingeladen mitzumachen: Das revolutionäre Subjekt sei jeder, der sich aus den Zwängen von Bausparvertrag, gekacheltem Bad und Ferienreise nach Mallorca befreie und natürlich »jeder, der im Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt seine politische Identität findet, jeder, der sich verweigert, jeder, der nicht mehr mitmacht«.

Nicht nur im Untergrund, auch unter Kulturlinken, die mit dem Griffel kämpften, sprach man wieder über den ,Imperialismus'. So wollte Hans Magnus Enzensberger im Kursbuch 21 über Kapitalismus in der Bundesrepublik mit einer Grafik über Firmenbeteiligungen demonstrieren, dass der BRD-Kapitalismus nicht einfach eine Ansammlung von Firmen war, sondern ein System im Stadium des Monopolkapitalismus, ein tragender Teil im imperialistischen Weltsystem, dessen Schaltstellen nur zu enteignen seien.

The End of the World

Auf weltpolitischer Ebene hatte der Kalte Krieg längst der friedlichen Koexistenz Platz gemacht. Die nachstalinsche Sowjetunion war weder ausgesprochen expansionistisch, noch hatte man auf eine Ausweitung des kommunistischen Machtbereichs gebaut, die, über jene hinausging, die während des Zweiten Weltkrieges vereinbart worden war. Der apokalyptische Ton, der die Konfrontation aus den Höhen der Staatsräson in die Ebenen der Emotionen verlagerte, kam vor allem aus den USA. Aber auch hier setzten sich - mit Ausnahme des Reaganschen Zwischenspiels - die Kräfte durch, die sahen, dass erst die Verknüpfung der Wirtschaftssysteme sowjetischen Typs mit der kapitalistischen Weltwirtschaft, die sich seit den sechziger Jahren anbahnte, den Schutzwall des Sozialismus zerstörte. Die Paradoxie des Kalten Krieges war, dass nicht allein die Konfrontation schließlich die Sowjetunion besiegen und zugrunde richten sollte, sondern die Entspannungspolitik. Nicht imperialistische Politik, sondern eine strukturell expandierende kapitalistische Ökonomie hat die Sowjetunion besiegt. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln implodierte sie. Das war für die Antikommunisten eine ebenso große Blamage wie für die Antiimperialisten.

1989/90 hatte die Linke ihren weltgeschichtlichen Rahmen verloren. Der Kapitalismus stand ohne Feind da, ohne eine der Erwähnung werte Opposition, die ein irgendwie gearteter antikapitalistischer Konsens einte. Man musste die Sowjetunion nicht lieben, man brauchte keine Bewegungen aus dem Süden verklären, und doch konnte man hoffen, dass wenigstens in einem geschichtsphiIosophisch »objektiven« Sinne jene mit dem Etikett »sozialistisch« versehenen Gegenbewegungen - so gescheitert, nicht zu Ende gebracht oder verraten sie auch waren - etwas den Kapitalismus Transzendierendes mit sich führten. Nun aber war das Gegensystem zusammengebrochen, ohne dass in ihm selbst eine linke Perspektive entstand.

Dann kam der Golfkrieg. Die Frage, wer ist der Gute?, war spätestens hier nicht mehr zu beantworten. Jan Philipp Reemtsma schrieb seinerzeit: »Die Wirklichkeit macht uns kein überzeugendes Angebot, Bush oder Saddam Hussein zum ,Guten' zu erklären, und die Geschichtsphilosophie, mit deren Hilfe wir uns hätten überreden können, es doch zu tun, ist abhanden gekommen. Wer ist im Libanon ,der Gute'? Wer in Peru? Wer in Serbien? Es mag der Blick auf die Weltgeschichte dem ähnlich werden, den man durch die Seiten eines Geschichtsbuches auf die Kriegs- und Verwüstungszüge des Dreißigjährigen Krieges tut: Man möchte schreien, dass sie nur ein Ende mit dem machen sollen, was sie da tun, egal, wer gewinnt.« (konkret 5/91)

Wäre noch die Partei der Aufklärung geblieben. Doch auch über den Charakter des Krieges war sich die Linke nun uneinig, und am Ende der Debatte stand sie wie nie zuvor vor dem »deutschen« Problem. Zum Gegenstand der Kritik wurde nun die postfaschistische Gesellschaft der Bundesrepublik. Die binäre Nord-Süd-Unterscheidung der Welt machte tendenziell einer Unterscheidung Platz, die Deutschland gegen den Rest der Welt setzte. Gleichzeitig aber bestanden die Dominanzverhältnisse zwischen Metropolen und Peripherien weiter, wenn sie auch im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus neue Formen annahmen. An die Stelle des einstigen Schlüsselbegriffs 'Imperialismus' trat bei vielen nun die euphemistische Rede von der 'Globalisierung'. Seit dem Golfkrieg ist die Linke durch einen Graben der Perspektiven oder vielmehr der Prioritäten gespalten, was im Jugoslawien-Krieg und in den jüngsten Auseinandersetzungen um Israel und Palästina erneut deutlich wurde. Auf der politischen Ebene hat sich die Geschäftsgrundlage im westlichen Lager nach Ende des Kalten Krieges und der immer weiter fortschreitenden Führungsrolle Deutschlands in Europa aufgelöst. So verwundert es nicht, dass in den linken Analysen des Krieges gegen Jugoslawien der Imperialismusbegriff bei den Kriegsgegnern wieder Verwendung fand, selbst bei den »Antideutschen«. Die einen sahen im Krieg die Antwort der USA auf den Euro und die europäischen Forderungen auf Machtumverteilung innerhalb der NATO, die anderen bezeichneten ihn als deutschen Krieg, als Fortsetzung der alten völkisch-imperialistisch motivierten Balkanpolitik Deutschlands. Nun galt es nur noch zu klären, wer von den Bösen der Hässlichere sei.

Der Imperialismusbegriff sollte, in beiden Fällen die wachsenden Spannungen zwischen Euro-Deutschland und den USA über die Hausmeisterrolle auf dem Balkan beschreiben. Er ist damit wieder zu einer machtpolitischen Kategorie geworden. Irgendein Stadium des Kapitalismus beschreibt er nicht mehr. Der Imperialismusbegriff erklärt heute nicht viel mehr, als dass es Starke und Schwache gibt und dass die Starken bestimmen, und zugleich, dass das Verhältnis der Starken untereinander auch nicht konfliktfrei ist. Er dient bestenfalls dazu, naive Vorstellungen wie die, dass die NATO der bewaffnete Arm von amnesty international sei, als Menschenrechts-Imperialismus anzugreifen. Aber das ist politisches Handgemenge, eine Ursache für die unglückliche Karriere eines Begriffes, der einst die Entwicklung des Kapitalismus und sein Ende zu beschreiben schien. Solange aber Kapitalismus und Kanonen zusammengehören wie das römische Imperium und seine Flotte, und solange kein Begriff die Schichtung der Welt adäquat beschreiben kann, erstaunt es kaum, dass sich das Unbehagen an und der Widerstand gegen den vom Westen durchgesetzten und politisch wie kulturell kontaminierten Kapitalismus in den binären und die Verhältnisse personalisierenden antiimperialistischen Denkmustern äußert.

 

Jörg Später ist Mitarbeiter im iz3w. Der Artikel entstand auf Grund von Diskussionen mit Christoph Seidler und Heiko Wegmann.

iz3w nr.251, februar/märz 2001