home

zurück

 
 

SDS-Website

 
 

Ein Herz für Dissidenten

Es gibt in der Geschichte der radikalen Linken und des Kommunismus den Typus des Großbürgers oder Bürgers, der es nicht nötig hätte und sich dennoch – in einer Mischung aus Leidenschaft und Generosität – der großen Sache, der proletarischen, verschreibt. Christian Semler war ein Nachzügler dieser Spezies. Schon der familiäre Hintergrund sah besonders aus: Seine Mutter war die Schauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking (Münchner Lach- und Schießgesellschaft), der Vater der CSU-Politiker Johannes Semler ("Hühner-Semler"). Christian Semler, 1938 geboren, studierte Geschichte und Politik, in der Studentenbewegung, an der er schwungvoll teilnahm, gehörte er zu den Älteren, vor allem: zu den Belesenen. Er wusste, wo es langging, und er strahlte eine große Zuversicht aus. Er war gern, was man damals "Avantgarde" nannte. Er spitzte zu, verachtete den Reformismus, schlug sich geistig auf die aufständische Seite der sozialistischen Tradition: nicht Eduard Bernstein, sondern Rosa Luxemburg und Max Hoelz. In einem Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger, an dem auch Rudi Dutschke teilnahm, verkündete er mit überschießendem Selbstbewusstsein heute absurd wirkende Ideen über den linken Griff zur Macht in West-Berlin.

Radikal, wie er war, gründete er, weit links von der DKP, die Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation mit, wurde deren Co-Vorsitzender und schrieb sich in deren Parteiorgan "Rote Fahne" mit furchtbar orthodoxem Kram die Finger wund. Doch war er zu schlau und gebildet, diesen Mummenschanz lange mitzumachen.

Nach der Auflösung der Sekte vollzog er eine bewusste Wende in die Bescheidenheit. Er begann, sich für den Holzweg des Kommunismus zu interessieren, und gehörte zu den nicht eben zahlreichen Linken, deren Herz für die Dissidenten in Ost- und Mitteleuropa schlug und die etwas dafür taten, dass denen ganz praktisch geholfen wird. Traf man ihn in diesen 80er- und noch 90er-Jahren, dann traf man auf einen irgendwie schon altersmilden, aber neugierigen Linken, der die Lektion der Freiheit verstanden hatte. Der in der Geschichte grub, der untergründige Traditionen freilegte. Und der doch, nie mehr um ein Amt oder eine lukrative Stellung bemüht, an seiner sozialistischen Grundidee festhielt. Seit dem Umbruchsjahr 1989 als Redakteur bei der TAZ, fand er dort inmitten dieses zähen WG-Provisoriums eine späte Heimat und wurde zu so etwas wie dem geistigen Pater familias der Zeitung und ihrer Idee.

Mit Menschen, die nicht oder nicht mehr links sind, konnte er ruppig und auf rätselhafte Weise anmaßend umgehen, ich durfte das erleben. Und doch: ich kenne kaum jemanden, bei dem Linkssein so fröhlich und gelassen ausschaute wie bei ihm. Zuletzt sah ich ihn ab und an in großen und kleinen Ausstellungen, auf denen der extrem Weitsichtige, die Brille hochgeschoben, hingebungsvoll und versunken Gemälde in ihren Details studierte. In der Nacht auf den 13. Februar ist der Kettenraucher in Berlin gestorben.

Welt, 14.2.2013

Christian Semler, Sprachrohr der APO, ist tot

Er war APO-Mitglied und KPD-Gründer: Mit Christian Semler ist einer der Vordenker der Achtundsechziger gestorben. Eine persönliche Erinnerung an einen ehemaligen Maoisten und anständigen Kollegen.Von 

Christian Semler ist tot. Als junger Mann war er fast so bekannt wie Rudi Dutschke. Semler war während der 68er Revolte ein führendes Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes. Wenn er sprach, sprach die Außerparlamentarische Opposition, deren Anhänger sich seinerzeit nicht nur für klüger, sondern auch für edler hielten als alle Parlamentarier zusammen. Und es sprach die APO, vor der viele so viel Angst hatten – auch und gerade in dem Hochhaus, in dem ich heute tätig bin. Kerle wie Semler kamen hier viel zu lange nur als schiefe Karikaturen vor.

Als ich vor drei Jahren zur "Welt"-Redaktion stieß, hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, Christian Semler in den Journalistenclub in den 19. Stock einzuladen. Von dort oben hat man eine fantastische Aussicht – und jene Übersicht, die man im gemessenen historischen Abstand auf bestimmte Fragen der deutschen Geschichte manchmal braucht, um sie vernünftig zu beurteilen.

Es wäre ein aufregendes Gespräch geworden, Semler hätte sicher seinen Spaß gehabt. Außerdem darf man im Springer-Journalistenclub noch rauchen. Das hätte ihm gefallen, obwohl es ihn am Ende umbrachte. Aber wie das so geht im Leben: Aus dem Termin wurde nichts mehr. Gute Ideen und Vorsätze, zumal, wenn sie alte Bekannte betreffen, soll man eben sofort umsetzen.

Beerdigung von Rudi Dutschke
Mit erhobener Faust nahm der frühere Studentenführer Christian Semler 1980 am offenen Grab Abschied von seinem ehemaligen Kommilitionen Rudi Dutschke. Semler starb 33 Jahre später in Berlin

Der lange Marsch hatte ihn nicht reich gemacht

Offenbar versprach sie sich einen gewissen Effekt aus dieser Begegnung. Ich war Jahrgang 1963, Semler ein 68er. Das Jahr des Aufruhrs hatte ich als Fünfjähriger behütet in einem katholischen Kindergarten verbracht, Semler auf der Barrikade in Berlin. Ich fragte ihm ein Loch in den Bauch. Er drehte sich lächelnd eine Zigarette nach der andern, qualmte wie ein Schlot – damals ging das noch in Restaurants – und zählte am Ende im Portemonnaie nach, ob er sich noch einen Sambucca leisten konnte. Die Revolution und der lange Marsch hatten ihn nicht reich gemacht.

Semler war einer der wenigen, die die Zeitenwende von 1968 und die aufregenden Ereignisse von 1989, die sich ja auch einen Steinwurf von der Redaktion entfernt am Checkpoint Charlie abspielten, in seiner Erinnerung zusammen bringen und nach vorn denken konnten. Über die Jahre, die er im maoistischen Getto verbracht hatte, sprach er hingegen nicht gern. Zu Beginn des "roten Jahrzehnts", wie der Schriftsteller Gerd Koenen die Siebziger nannte, hatte Semler die KPD/AO gegründet. Hinter den sperrigen Versalien verbarg sich die Kommunistische Partei Deutschlands/ Aufbauorganisation, eine jener ideologischen Sekten, deren Hauptbeschäftigung es war, sich mit anderen linksextremen Vereinen wie dem KBW, der DKP oder dem KB herumzuprügeln und der Konkurrenz die "Existenzberechtigung" abzusprechen. "Existenzberechtigung" war eine zentrale Vokabel im Klassenkampf.

 

Ich lernte Semler kennen, als sich die Rauchschwaden des 68er-Krawalls aus der Kochstraße schon lange verzogen hatten. Christian Semler stieß 1989 zur "Taz", die damals nicht mehr in der zugigen Wattstraße im Wedding sondern der Kreuzberger Kochstraße residierte. An seinen ersten Tag kann ich mit gut erinnern. Die damalige Chefredakteurin Georgia Tornow schleppte ihn und mich abends in eines dieser billigen italienischen Restaurants am nördlichen Ende der Friedrichstraße.

 

 

Das maoistische Elend lag hinter ihm

 

Irgendwann wurde Semler gegen Ende der Siebziger Jahre klar, dass er seine persönliche Existenz möglicherweise gefährden würde, wenn er so weitermachte wie bisher. Er löste die KPD/AO, die er gegründet hatte, wieder auf – und dachte ein paar Jahre nach. Dann kam er zur "Taz". Noch an diesem Abend seines ersten Arbeitstages merkte ich, wie froh er war, dass dieses maoistische Elend hinter ihm lag. Es hatte ihn ein Jahrzehnt gekostet. Die "Taz" mit all ihren Unzulänglichkeiten, ihren ungespülten Kaffeetassen, ihren angebrochenen Ideen und schimmelnden Utopismen machte ihm einen Heidenspaß.

Nach der stalinistischen Hölle war das Zentralorgan der Spaßguerilla sein persönliches Paradies. Auf weitere jähe ideologische Tendenzwechsel hatte er keine Lust. Er blieb dabei, schrieb, rauchte, grüße freundlich die jüngeren Kolleginnen und Kollegen und er blieb für den Rest seines Lebens in der Kochstraße 18 dabei, die ja später allen Ernstes in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt wurde. Wie Dutschke das denn gefunden hätte, habe ich ihn einmal gefragt, als wir uns an der Bushaltestelle trafen. Und da lachte Semler wieder diese befreiende, laute, nach dem dritten "Hahaha" aber sehr ironisch klingende Lachen, bei dem man sich seinen Teil denken konnte.

Christian Semler war ein sehr angenehmer, anständiger Kollege. Ich hoffe, dass er vor dem Tod seinen Frieden machen konnte, auch mit sich selbst.

Welt, 13.2.2013