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Dies ist keine Bombe Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde in Berlin
vom 9. November 1969
Am Vormittag des 9. November 1969 kamen vor dem in der Berliner Fasanenstraße gelegenen Jüdischen Gemeindehaus rund 250 Menschen zusammen, um der Opfer der nationalsozialistischen Pogromnacht von 1938 zu gedenken. Unter sie hatte sich ein fünfundzwanzigjähriger Mann gemischt, der in einem über die Schulter gehängten Mantel eine Bombe mit sich führte. Er begab sich zu der im ersten Stock des Gebäudes gelegenen Garderobe und steckte den Sprengsatz in einem unbeobachteten Moment in einen hinter der Theke befindlichen Getränkeautomaten. Danach verließ er umgehend das Gebäude. Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung waren ahnungslos. Erst am Morgen des folgenden Tages entdeckte eine Reinemachefrau, die sich durch ein Ticken beunruhigt fühlte, den Sprengsatz. Er wurde bald darauf von der Polizei entschärft. Schon bald wurde bekannt, daß am Abend des 9. November im "Republikanischen Club" ein Bekennerschreiben verbreitet worden war. Unter der Überschrift "Schalom + Napalm" bekannten sich offenbar radikale Linke zu dem Anschlag und zur Beschmierung verschiedener Mahnmale für NS-Opfer. Solche "Aktionen", hieß es in dem Flugblatt, seien "nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse" zu begreifen, sondern als "entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität". Aus den von den Nazis vertriebenen Juden, die in Israel Zuflucht gefunden hätten, seien "selbst Faschisten" geworden. Die Unterstützung des "zionistischen Israel" durch die "faschistische BRD" müsse "zerschlagen" werden. Linke Solidarität müsse nun den Palästinensern gezollt werden - als Beitrag zum Kampf gegen den "Weltimperialismus". Obwohl sich hartnäckig das Gerücht hielt, daß die Bombe von einem Aktivisten der subkulturellen Szene stammte, konnte der Anschlagsversuch trotz aller Bemühungen der Ermittler nicht aufgeklärt werden. Der Täter war der Ex-kommunarde Albert Fichter. Er war im Spätsommer 1969 zusammen mit vier anderen "Haschrebellen" nach Jordanien gefahren. Nach einer Autofahrt über Tausende von Kilometern wurden sie von Arafat persönlich empfangen. Kurz darauf absolvierten sie eine militärische Grundausbildung zur Bedienung von Schußwaffen und zur Herstellung von Sprengsätzen. Die erste, nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr verübte Tat war die vom 9. November. Die Bombe stammte von einem agent provocateur des West-Berliner Amtes für Verfassungsschutz. Die Gruppe der Bombenleger nannte sich nach dem Vorbild einer lateinamerikanischen Guerrilla-Organisation "Tupamaros West-Berlin". Ihr Kopf war nicht nur nach Fichters Aussage der aus Bamberg stammende Dieter Kunzelmann, Begründer der seinerzeit aufsehenerregenden "Kommune I". In seinem Geständnis bittet Fichter, dessen Aussagen durch verschiedene andere Zeugen bestätigt worden sind, die Jüdische Gemeinde um Vergebung für seine "üble Tat". Nicht die RAF war die erste Gruppierung, die seinerzeit in den Untergrund gegangen ist, sondern jene, die sich "Tupamaros West-Berlin" nannten. Sie waren ein Produkt einer linksradikalen Subkultur, die aus einer orientierungslos gewordenen Achtundsechziger-Bewegung hervorgegangen war. Seit dem Herbst 1969 überzogen sie West-Berlin mit einer Serie von Bombenanschlägen. Der Beginn des Kapitels "Stadtguerrilla" unter bundesdeutschen Vorzeichen war identisch mit einem antisemitischen Anschlag. Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus ist nicht explodiert. Ob das Zufall, ein schlichtes Versehen oder aber Absicht gewesen ist, hat vom ersten Moment an Spekulationen sowie eine Reihe von Kontroversen über die möglichen Folgen des damaligen Anschlags ausgelöst. Selbst in den Auskünften von Fichter bleibt die nachträglich geschilderte Einstellung gespalten. Auf der einen Seite betont er, daß die Bombe nicht hätte explodieren können, auf der anderen Seite aber beschreibt er, wie frustriert die Mitglieder der Kunzelmann-Gruppe waren, als sie die Nachricht erreichte, daß sie nicht detoniert sei. Gleichwohl sprachen sie in einem übertragenen Sinne davon, daß "die Bombe gezündet" habe. Gemeint waren damit die heftigen, zum Teil auch überstürzten Reaktionen von Presse, Öffentlichkeit, Behörden und dem Berliner Senat. Manches daran erinnert an einen berühmten Fall aus der Kunstgeschichte. Auf einem Gemälde des surrealistischen Malers Rene Magritte ist eine Pfeife abgebildet. Darunter ist der handgeschriebene Satz zu lesen: "Ceci n'est pas une pipe" - dies ist keine Pfeife. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Denn die abgebildete Pfeife stellt ja nicht das Objekt selbst, sondern lediglich sein Abbild dar. In ähnlicher Weise haben sich Dieter Kunzelmann, Albert Fichter und der Berliner Innensenator über das Factum brutum geäußert. Auch sie hätten eine Bombe als das Bild von einer Bombe ausgeben und mit dem Satz unterschreiben können: "Dies ist keine Bombe." Oder in der zitierten Antwort auf die im Berliner Abgeordnetenhaus aufgeworfene Frage, worum es sich bei den von Urbach unter den Kommunarden verteilten Objekten gehandelt habe: um "bombenähnliche Körper", also um Bomben, die nur so aussahen, als seien sie welche. Eine derartige Camouflage war jedoch im Falle Kunzelmanns keineswegs nur ein Produkt der Not, in einem bestimmten Sinne hatte es durchaus Tradition. Ein bestimmtes Motiv hat seine politische Biographie von Anfang an durchzogen. Ob als Situationist, als Subversiver, Kommunarde oder Haschrebell - es ging ihm immer darum, zu provozieren. Die Anlässe für die Provokationen schienen austauschbar zu sein. Und wenn die Presse unzureichend von den Aktionen berichtete, dann war spätestens die von Anfang an erwartete Gerichtsverhandlung ein geeignetes Forum, um den eigenen Ideen die nötige Aufmerksamkeit zu geben. Mit der Gründung der "Subversiven Aktion" war die Provokation endgültig zum entscheidenden Formprinzip erhoben worden. Der Titel jener Zeitschrift, in der neben Kunzelmann, Frank Böckelmann und anderen auch Rudi Dutschke und Bernd Rabehl - wegen der Furcht, ihre Stipendien zu verlieren, zunächst unter Pseudonym - ihre Gedankenmodelle vorgestellt hatten, wurde nun zur Bezeichnung ihrer sich neu formierenden Gruppierung: der "Anschlag"-Gruppe. War es bis dahin noch um Anschläge auf das gegangen, was in der Kritischen Theorie als "falsches Bewußtsein" bezeichnet worden war, ging es nun mehr und mehr darum, eine Eskalationsstrategie zu verfolgen und illegale Aktionen durchzuführen. Während die von Dutschke initiierten Aktionen, wie die sogenannte Plakataktion "Amis raus aus Vietnam", immer konkreter ausfielen, folgten die Kommunarden der subversiven Tradition und bewegten sich weiter auf dem Gebiet der Zweideutigkeiten. Ihre Aktionen, über die sich die Presse und ein großer Teil der Berliner Bevölkerung ereiferten und die schon bald zum Ausschluß der Kommune I aus dem SDS führten, waren durchweg von einem "Als-ob" gekennzeichnet. Diese Ambiguität, das Oszillieren zwischen einer symbolischen und einer faktischen Tat, war für die Kommune I charakteristisch. Die Unsicherheit, wie eine Aktion zu bewerten sei, hatte es ja bereits beim sogenannten "Pudding-Attentat" der Kommunarden im April 1967 gegeben. Als Hubert H. Humphrey, der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, der "Frontstadt" West-Berlin einen Besuch abstattete, nutzten die medienstrategisch begabten Kommunarden diese Gelegenheit, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie planten einen "Schein-Angriff auf den Konvoi des Vizepräsidenten" (Kunzelmann), um den zweiten Mann der stärksten und in Südostasien gerade in kriegerische Handlungen verstrickten Macht lächerlich zu machen. Als sie einen Tag zuvor im Grunewald "Wurfübungen" durchführten, wurden sie verhaftet, weil der Verfassungsschutz Wind von dem geplanten "Anschlag" bekommen hatte. Die Zeitungen überschlugen sich mit Meldungen über das angeblich bevorstehende "Attentat". Kurz darauf begaben sich die Kommunarden noch einmal in den Grunewald und demonstrierten vor der laufenden Kamera eines Politmagazins, welche Effekte die mit einer Mischung aus Pudding und Mehl gefüllten Wurfkörper erzeugen konnten. Als die Fernsehzuschauer den Hokuspokus zu sehen bekamen, war der Spott groß. Der Ausdruck "Pudding-Attentat", der künftig wie ein geheimes Erkennungszeichen für die im Kern angeblich bloß spaßigen Aktionen der Kommunarden fungierte, bürgerte sich damit jedenfalls ein - gemeint war ein Attentat, das keines war, ein Pseudoattentat. Als im Mai 1967 bei einem Brand in dem Brüsseler Kaufhaus "A l'Innovation" mehr als 300 Menschen umkamen, griffen die Kommunarden die Schreckensmeldung auf und verteilten zwei Tage darauf vor der Freien Universität Flugblätter, mit denen sie suggerierten, daß es sich bei dem Unglück um eine gezielte Brandstiftung belgischer Anarchisten gehandelt habe. Unter der Überschrift "Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?" schrieben die Kommunarden: "Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genausowenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: burn, warehouse, burn!" Der Generalstaatsanwalt erhob beim Moabiter Landgericht kurz darauf Anklage wegen Aufforderung "zum vorsätzlichen Inbrandsetzen" von Kaufhäusern. Da in der Anklageschrift nur Rainer Langhans und Fritz Teufel genannt wurden, reagierten Kunzelmann und drei andere Kommunarden mit einer Selbstanzeige. Der Verteidiger der Kommunarden, Rechtsanwalt Horst Mahler, holte schließlich unter Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern Stellungnahmen zu den inkriminierten Flugblättern ein. Die gutachterlichen Äußerungen hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können. Während Alexander Kluge den Verfassern bescheinigte, daß sie sich in ihren Schriften einer in der modernen Literatur gebräuchlichen Methode bedienten, indem sie Unrecht durch Vergleiche radikalisierten, lehnte es Günter Grass kategorisch ab, die Flugblätter als "schwarzen Humor" zu verharmlosen; den Kommunarden attestierte er schlicht "Unzurechnungsfähigkeit". Eine Mittelposition nahm Walter Jens ein. Der Ordinarius an der Universität Tübingen glaubte in den Texten zwar auch einige Elemente der modernen Literatur wiedererkennen zu können, jedoch nur in dilettantischer Form. Die Flugblätter dokumentierten "abgesunkenes Kultur-Gut", "Gammler-Theorie in der Wohlfahrtsgesellschaft", "pubertären Anarchismus" - jedoch nichts, wofür Gerichte zuständig seien. Als Gutachter traten schließlich die Literaturwissenschaftler Peter Szondi, Fritz Eberhard und Peter Wapnewski sowie der Philosoph und Religionswissenschaftler Jacob Taubes auf. Sie waren sich darin einig, daß die Anklage auf einem Mißverständnis beruhe. Szondi vertrat die Ansicht, daß es sich um Übertreibungen handle, die mit den Mitteln der "satirischen Parodie" den Sprachduktus von Zeitungsmeldungen und Reklamespots hätten ad absurdum führen wollen. Der Generalstaatsanwalt verkenne offenbar die "ironische Struktur" der Texte. Als einziger stellte Taubes die Kommunarden in die Tradition der europäischen Avantgarde. Bei den Flugblättern handle es sich um "surrealistische Dokumente". Das Gericht sprach die Angeklagten schließlich frei. In das gleiche Horn wie Taubes stieß Karl Heinz Bohrer. Im "Merkur" hob er zu einer Eloge auf den in den inkriminierten Flugblättern gepflegten Stil an. Was dort zu lesen sei, hielt er für eine bis dahin in der deutschen Literatur "unerhörte Sprache". Dergleichen habe es seit den zwanziger Jahren in Deutschland nicht mehr gegeben. Das Flugblatt vom 22. Mai 1967 - Bohrer betonte ausdrücklich das Datum, weil er darin offenbar so etwas wie den Beginn einer neuen Epoche eingeläutet sah - habe den Widerspruch von Literatur und Leben in sich aufgenommen, wie er schon "das wesentliche Merkmal des surrealistischen Traktats" gewesen sei. Bohrer bezeichnete den surrealistischen Amoklauf einerseits als einen "literarisierten Gemeinplatz der Anarchisten", andererseits aber auch als "Inbegriff aller provokativen Handlungen", die die Surrealisten begangen hätten. Spätestens in dem Moment, als einer aus der postsurrealistischen Strömung nach Palästina reiste und sich von Angehörigen von al Fatah an Sprengstoff und Waffen ausbilden ließ, war das Projekt der europäischen Avantgarde, das Bohrer von den Kommunarden auf ingeniöse Weise fortgesetzt sehen wollte, in der Wirklichkeit angekommen oder aber zerstört; ganz nach Sichtweise war es realisiert oder destruiert. Aus dem Kopf einer postavantgardistischen Strömung war der Kopf einer terroristischen Gruppierung geworden, und dieser Kopf war mutmaßlich niemand anders als Dieter Kunzelmann. Auch wenn er versuchte, aus dem verborgenen heraus zu agieren, wurde seine für die Anschlagsserie im Winter 1969/70 maßgebliche Rolle in der Szene - und nicht nur dort - von Anfang an wahrgenommen. Spätestens mit seiner Verhaftung im Juli 1970 und den dabei ans Tageslicht gebrachten Verkleidungs- und Täuschungsutensilien fügten sich Assoziationen zu einem ganz bestimmten Bild, zu dem des anarchistischen Bombenlegers. Wie kaum ein anderer bot sich Kunzelmann schon physiognomisch für diese Rolle an. Die Abbildungen, die von ihm in der Presse zu sehen waren, wirkten wie Zitate aus dem Klischeerepertoire der Boulevardzeitungen - mit rötlichem Vollbart, wirrem Haarschopf und stechendem Blick sah er aus wie die Reinkarnation des bombenlegenden Anarchisten aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Karikatur eines Solidarisierungsaufrufs mit dem Moabiter Häftling brachte es auf einen Nenner: Kunzelmanns Kopf hat die Form einer Bombe angenommen, an dem eine Lunte glimmt. Wie kein zweiter erschien er in dieser Zeit als die pure Verkörperung des Bombenlegers. Und es ist nicht auszuschließen, daß er das selbst beabsichtigt und daran sogar Gefallen gefunden haben könnte. Im Falle der im Jüdischen Gemeindehaus deponierten Bombe war Kunzelmann jedoch nicht der Bombenleger. Er war an diesem Tag - falls er jemals zuvor oder danach dort gewesen sein sollte - überhaupt nicht am Tatort. Kunzelmann war aber mutmaßlich der Auftraggeber. Vielleicht nicht der alleinige, aber - nach allem, was darüber bekannt ist - wohl der entscheidende. Mit Geschick zog er aus dem Untergrund die Fäden. Er hatte seine Leute, die bereit waren, für ihn durchs Feuer zu gehen. Sein eigenes Risiko war dabei denkbar gering. Er konnte in seinem Unterschlupf die Vollzugsmeldung abwarten. Und im Zweifelsfall - wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellend war - auch mit dem Ausführenden hart ins Gericht gehen. Die Spitze der Infamie bestand dabei darin, daß er für diesen menschengefährdenden Akt jemanden gewinnen konnte, mit dem er einem anderen zugleich eins auswischen konnte: den jüngeren Bruder seines politischen Gegenspielers Tilman Fichter. Kunzelmann war - von der bereits aufgeworfenen Frage nach möglichen, wenn nicht gar wahrscheinlichen palästinensischen Hintermännern einmal abgesehen - jedenfalls vor Ort der Kopf der Aktion, der Planer, der Auftraggeber, Spurenverwischer und Falsche Spuren-Leger in einem. Spätestens als Kunzelmann am 18. Dezember 1969 seine damalige Gefährtin Annekatrin Bruhn in das KaDeWe schickte, um dort eine Bombe zu deponieren, hatte die Realität die "satirische Parodie" eingeholt. Auch wenn die Explosion in der Reklamationsabteilung des KaDeWe, wohin die Bombe von Beschäftigten nichtsahnend transportiert worden war, keine Person verletzt, sondern nur Sachschaden verursacht hatte, war damit aus der surrealistischen eine terroristische Tat geworden. Das den Aktionen der Avantgarde eingeschriebene "Als-ob" hatte sich in Luft aufgelöst. Das destruktive Moment, das in den "Tupamaros West-Berlin" zum Vorschein kam, war bereits frühzeitig zu erkennen gewesen. Allerdings richtete es sich in den vorhergehenden Gruppierungen eher nach innen als nach außen. Beim berühmten Treffen am Kochelsee im Juni 1966, an dem von Dutschke bis Teufel fast alle Schlüsselfiguren der antiautoritären Revolte teilgenommen hatten, war Kunzelmann der stärkste Betreiber des Kommuneprojekts. Er übte enormen Druck auf die anderen aus, sich an der Gründung eigener Kommunen zu beteiligen. Kunzelmann propagierte nichts weniger als die Destruktion aller Sozialbeziehungen. Sein Programm der Entwurzelung gefiel sich als Aufruf zur persönlichen Selbstbefreiung, in Wirklichkeit jedoch war es die Propagierung einer radikalen Entbürgerlichung, die Abkehr von der Welt der bürgerlichen Kleinfamilie. Die Kehrseite bestand darin, daß die aus ihrem sozialen Netz herausgetrennten und von all ihren Sekuritätswünschen abgelösten einzelnen zugleich die geeignetsten Objekte einer neuen Unfreiheit werden konnten, Objekte von Manipulation, Domestizierung und Gehirnwäsche durch den Gruppen-Guru. Je stärker sich die Kommunarden 1967/68 auf die Konfrontation mit Justiz und Staatsgewalt einließen und dabei immer häufiger den kürzeren zogen, um so mehr gingen sie von der symbolischen zur materiellen Gewalt über und propagierten dabei ganz unverblümt Aktionen, bei denen sie sich selbst nicht scheuten, sie als "Terror" zu qualifizieren. Der Rubikon wurde von Kunzelmann bereits im Herbst 1968 überschritten. Als am 25. November 1968 unter starken Sicherheitsvorkehrungen ein Prozeß gegen mehrere Mitglieder der Kommune I, darunter Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel, begann, hatten mehrere Hundertschaften der Polizei das Gelände um das Kriminalgericht in Berlin-Moabit großräumig abgesperrt. Die Sicherheitsbehörden befürchteten gewalttätige Protestaktionen, da in der Nacht zuvor von Unbekannten die Scheiben in den Privathäusern mehrerer Richter eingeworfen worden waren. Wie sich später herausstellte, waren die Steinewerfer die Kommunarden selbst gewesen. Als der bärtige Angeklagte Kunzelmann mit einem Krückstock erschien, griff ein Justizwachtmeister ein und versuchte, ihm die Gehhilfe mit Gewalt zu entreißen. Der Kommunarde weigerte sich jedoch, den Stock abzugeben. Er habe, behauptete er, eine Sehnenzerrung und könne deshalb nicht mehr ohne Beschwerden gehen. Landgerichtsdirektor Pahl, dessen Scheiben in der Nacht ebenfalls zu Bruch gegangen waren, ordnete die Entwendung des Stockes an und wollte Kunzelmann obendrein noch fesseln lassen. Mit allen Kräften wehrte dieser sich dagegen. Schließlich wurde er von vier Justiz- und Polizeibeamten in den Schwitzkasten genommen. Als sie ihm an seinen hinter den Rücken gedrehten Armen Handschellen anlegten, die so eng waren, daß sie ihm ins Fleisch schnitten, sprangen zwei Zuhörer auf und protestierten lauthals dagegen. Zwei auf der Pressebank sitzende Journalisten schlossen sich dem an. Der Gerichtsvorsitzende ließ daraufhin den Saal räumen und ordnete an, den Sitz der Handschellen so zu ändern, daß die Hände vor dem Körper zusammengeführt wurden. Als Kunzelmann nach einer Verhandlungspause wieder im Saal erschien, waren seine Handgelenke vom Gefängnisarzt dick bandagiert worden. Den Richtern drohte er damit, daß ihnen offenbar nicht klar sei, was sie mit den von ihnen angeordneten Zwangsbehandlungen anrichteten und wieviel Haß sie damit erzeugten. "Diese Form von Terror kann nur mit Gegengewalt beantwortet werden." Es könne durchaus sein, daß die Häuser der Richter demnächst abbrennen würden. Dann lehnte er den Gerichtsvorsitzenden mit der Begründung ab, dieser könne ihn "mit berechtigtem Grund" mit der nächtlichen Steinwurfaktion in Verbindung bringen. Kunzelmanns Antrag wurde jedoch zurückgewiesen. Wenn man ihm stattgeben würde, wäre es möglich, hieß es dazu, daß sich jeder Angeklagte "seinem gesetzlichen Richter" durch Steinwürfe entziehen könnte. Einige Tage später trat Kunzelmann nach dem Freispruch des ehemaligen Kammergerichtsrats Hans-Joachim Rehse, der als Beisitzer des Volksgerichtshofes an mindestens 231 Todesurteilen mitgewirkt hatte, auf einem Teach-in auf und forderte resolut: "Man muß konkret harte Sachen machen. Mit einem Wort: Terror!" Er war der erste, der offen Terror propagiert hat. Der Autor arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. In diesen Tagen erscheint sein Buch "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 41 Mirror: http://www.wadinet.de/news/iraq/newsarticle.php?id=1131
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