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WAS IST ANTISEMITISMUS?
Text aus
883 Nr. 41 vom 20.11.1969, S.4. Verfasst
von Tilman Fichter als Referat, das
er für das Palästinakomitee einige Tage vorher im Republikanischen Club
gehalten hatte. Die 883 druckte den Text ab in
Reaktion auf das Attentat auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin am
9.11.1969.
Im Anhang findet sich ein Text der Redaktion, das als Distanzierung zu
diesem Attentat gedacht war. Tilman Fichter gehörte zum
Redaktionskollektiv.
Ist
Antisemitismus die Folge des Fluches Gottes über das jüdische Volk? Ist
er die Antwort der Bauern und des Kleinbürgertums auf die
Wuchergeschäfte der jüdischen Händler? War er eine Erfindung der
Nationalsozialisten? Oder stimmt es was die Zionisten sagen, daß es
gleichgültig sei, warum die Juden verfolgt würden, antisemitisch seien
im Grunde alle Völker mit Ausnahme des jüdischen Volkes. Deshalb bliebe
den Juden in Europa» Asien, Amerika usw. gar nichts anderes übrig» als
in den jüdischen Staat Israel umzusiedeln. Juden, die nicht nach Israel
kommen wollten, um dort zu arbeiten und zu kämpfen, seien selbst daran
schult, wenn sie eines Tages wieder verfolgt würden. Warum gibt es heute
noch ein jüdisches Volk, obwohl die Juden vor fast 2000 Jahren aus
Israel vertrieben wurden?
Die gängige Erklärung der Juden selbst ist die, daß die jüdische
Religionsgemeinschaft genügend stark gewesen sei, um eine völlige
Angleichung an andere Volker zu verhindern. Eine weitere genauso häufige
Erklärung für die Erhaltung der Juden besagt, daß die Umwelt, in der die
Juden seit ihrer Vertreibung oder Auswanderung aus Palästina lebten,
sich ständig ihrer Integrierung (Eingliederung) widersetzt habe. Dieses
Argument trifft nur für ganz bestimmte Perioden und auch dann nicht für
grundsätzlich alle Juden zu.
Bevor wir auf den Antisemitismus eingehen werden» wollen wir anhand
einer kurzen historischen Skizze nachweisen, daß die Juden nicht trotz
der Geschichte, sondern gerade wegen der Geschichte als Juden sich haben
erhalten können. Dazu teilen wir die Geschichte der Gesellschaften, in
denen die Juden lebten, in historische Perioden auf: Antike, Mittelalter
Neuzeit. Für jede Periode müssen wir die Frage stellen: Wie war die
gegebene Gesellschaft strukturiert und welches war die genaue Stellung,
die die Juden in ihr einnahmen?
Zunächst wollen wir noch die Behauptung vieler Religionslehrer
widerlegen, die endgültige Vertreibung der Juden aus Palästina sei eine
Folge der Verfluchung. Schon lange bevor die Römer Jerusalem eroberten,
lebten etwa 70% der Juden nicht mehr in Palästina. Sie kamen zum größten
Teil aus der babylonischen Gefangenschaft im 6. Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung nicht mehr nach Palästina zurück, sondern blieben entweder
in Mesopotamien oder gingen in andere große Städte der damaligen Zeit.
Warum gingen die Juden nicht mehr nach Palästina zurück?
1. Die geographischen Bedingungen Palästinas, ein Land mit viel Gebirge
und Wüstenland und mangelhaften Wasserreserven machte es der sich
vermehrenden jüdischen Bevölkerung zunehmend schwieriger, ihren
Unterhalt in diesem Land zu besorgen.
2. Die geographische Lage Palästinas: Gelegen zwischen den beiden
mächtigen Wasserströmen des Nil und des Euphrat, war das damalige
Palästina als Handelsknotenpunkt ständig Kriegen ausgesetzt (Einfälle
der Perser, Griechen und Römer.) Völker, die in bestimmten historischen
Epochen zur Auswanderung gezwungen werden und von mächtigen, schon mehr
oder minder stabilen Bevölkerungen umkreist sind, stehen vor der
Alternative, sich als Söldner an mächtigere Reiche zu verkaufen (wie die
Schweizer im Mittelalter oder die Albaner im 19.Jahrhundert) oder sich
als Händler im Ausland niederzulassen (wie es die Juden und Armenier
getan haben).
Trotz der Auswanderung der Juden bildeten sie bis zur arabischen
Invasion Palästinas im 7.Jahrhundert immer noch die Mehrheit in diesem
Land. Erst danach vollzog sich - im Unterschied zu den ausgewanderten
Juden - unter den Zurückgebliebenen eine vollkommene Arabisierung, und
Palästina verlor endgültig seinen israelitischen Charakter. Der Grund
hierfür ist in der Tatsache zu sehen, daß die Juden Palästinas innerhalb
der damaligen Gesellschaft des Landes keine besondere ökonomische
Funktion ausgeübt hatten.
Entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung waren sie in allen
Berufen zu finden. - Die Tatsache, daß die Juden außerhalb Palästinas zu
einer VOLKSKLASSE wurden (d.h. zu einem Volk mit einer fast 100 %
einheitlichen ökonomischen Position) war der Grund für ihre Erhaltung
durch die Jahrhunderte hindurch. Überall, wo sie diese ökonomische
Position nicht einnahmen, wurden sie vollständig assimiliert.
Die Juden in der Antike
Die soziale Struktur des griechischen und römischen Reiches bot den
Einwanderern viele Möglichkeiten. Die immer mehr im Luxus lebenden
Oberschichten, v. a. in Rom zur Zeit der Kaiser, bedurften einer
Händlerschicht, die vor allem die Güter aus dem Osten zugänglich machen
sollte. Die großen Händler der damaligen Zeit waren die Syrier
(Phönizier), Ägypter (vor allem aus Alexandria) und Juden. - Schon
während der hellenistischen (griechischen) Periode kam es in Städten wie
Alexandria, Selucia, Cyrene zu Kämpfen zwischen dieser wirtschaftlich
privilegierten Schicht und dem Volk. Vor allem in Alexandria waren die
Juden im Handel stark vertreten. Die Dokumente der Antike beweisen, daß
schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. die Juden zu einem Volk
wurden, in dem kaum noch eine Klassendifferenzierung feststellbar war,
(Bedeutende Ausnahmen bildeten nur die Juden in Palästina, auch in
anderen Teilen Arabiens und Nordafrikas) - Der Untergang des römischen
Reiches hängt eng zusammen mit dem immer mehr stagnierenden Handel, der
im 3. Jh. fast vollkommen zum Erliegen kam) und dem allmählichen
Übergang zur Naturalienwirtschaft, die typisch sein sollte für das
heranreifende Mittelalter.
Die Juden im Mittelalter
Diese Periode, die sich vom 5. Jahrhundert bis ungefähr zum 12.
erstreckt, stellt ohne jeden Zweifel eine Glanzperiode für die Juden
dar. - Dokumente dieser Jahrhunderte erwähnen das Vorhandensein
jüdischer Kolonien in Spanien und Frankreich, Länder, die zum damaligen
Zentrum jüdischen Lebens wurden. Die Juden trieben hier den Haupthandel
zwischen Ost- und Westeuropa, der aufgrund der feudalen
Wirtschaftsstruktur nur Handel mit Luxusgütern sein konnte. Ihre soziale
Stellung war für die Verhältnisse des Mittelalters außerordentlich
privilegiert; sie gehörten zu den oberen Gesellschaftsschichten und ihre
juristische Lage war kaum von der des Adels zu unterscheiden. - Ihre
ökonomische Funktion als Händler erlaubte es den Juden, in dieser
Periode Handelskapital anzusammeln (d.h. Kapital, das gewonnen wird
durch den Unterschied zwischen der billigen Produktion im
Herstellungsland und dem Verkauf als Luxusware in einem anderen Land).
Der jüdische Händler investierte sein Kapital nicht in der Produktion,
wie es einige Jahrhunderte später das aufkommende Bürgertum der
mittelalterlichen Stadt tun sollte. Die Ansammlung von Handelskapital
durch die Juden machte sie noch im Mittelalter zu dem einzigen Element
in der damaligen Gesellschaft, das den finanziell bedrängten Königen und
Fürsten Geld leihen konnte, damit diese ihr Luxusleben und ihre Kriege
finanzieren konnten. So kam zu der Rolle des Händlers eine zweite: der
Wucherer. (Heute würde man Kreditgeber sagen). Handelskapital und
Wucherkapital sind die einzigen Kapitalformen, die in allen
vorkapitalistischen Gesellschaftsformen zu finden sind.
Ausgang des Mittelalters und Anfänge der Neuzeit
Mit dem Aufkommen bürgerlicher Schichten, die allmählich die
Naturalienwirtschaft durch die Produktion von Tauschgütern, (d.h. von
Gütern, die für den Tausch auf dem Markt bestimmt sind) ersetzen, ist
für die Juden ihre wirtschaftliche Glanzperiode endgültig vorbei.
Christlicher Handel (das erstarkende Bürgertum zwang die katholische
Kirche, ihre ablehnende Haltung gegen Handelsgeschäfte aufzugeben) auf
Tausch und Entfaltung der eigenen Produktion ausgerichtet, gerät in
einen unversöhnlichen Widerspruch mit den veralterten Formen jüdischen
Handels, der auf Konsum und nicht auf Entfaltung der Produktion beruhte.
Dieser Kampf vollzieht sich während des 11., 12. und 13. Jahrhunderts.
In dieser Periode führte das europäische Bürgertum seine ersten
Kolonialkriege: die Kreuzzüge, die als eine neue Kampfform für die
allmähliche Öffnung Europas und des Ostens (neue Märkte) verstanden
werden müssen. In diesem Zusammenhang kommt es zu den ersten gewaltigen
Verfolgungen von Juden, die aber keineswegs mit dem Antisemitismus
moderner Prägung zu verwechseln sind.
In dem Maße wie der bürgerliche Handel sich ausdehnt, werden die
jüdischen Kaufleute in die Rolle der Wucherer gedrängt. So gerieten sie
mit allen Gesellschaftsschichten in Konflikt, Trotz der hohen Steuern,
die sie an Könige, Fürsten und Bischöfe zahlen mußten, waren diese oft
bei den Juden so sehr verschuldet, dass sie sich erst durch die
Beschlagnahmung der jüdischen Güter und später durch die gewaltsame
Austreibung der Juden ihrer Schulden entledigen konnten. (In England im
13. Jh., in Frankreich im 14. Jh. und in Spanien im 15. Jh.)
Dieser Politik hängten diese Herren ein christliches Mäntelchen um,
Bauern und Handwerker litten unter großen Steuerlasten. Deshalb
verschuldeten sie sich bei den jüdischen Wucherern. Der daraus
entstehende Haß wurde von der Aristokratie und der Kirche gegen die
Juden gewendet. Die ersten blutigen Pogrome fanden statt. Die Juden
wurden verbrannt und die Fürsten und Bischöfe schmausten weiter.
Exodus
Die Vertreibung der Juden - aus den westeuropäischen Ländern führte sie
in die Länder, in denen sich die kapitalistischen Produktionsformen noch
nicht durchsetzen konnten, d.h. vor allem in die osteuropäischen Länder.
In der Ukraine, in Weißrußland und in Litauen übernehmen die Juden eine
Vermittlerrolle zwischen den Feudalherren und den Bauern, (die Kneipen,
in denen die Bauern ihren Wodka trinken, um so die Kassen der
Feudalherren weiter zu füllen, werden an die Juden verpachtet). Aufgrund
der Erfahrungen in Westeuropa siedelte sich ein kleiner Teil der Juden
als Bauern in Dörfern an, andere wurden Handwerker, die meisten gingen
aber wieder zum Handel über.
Solange der Feudalismus hauptsächlich das gesellschaftliche Leben
Osteuropas bestimmte, kam es zu keinen Judenverfolgungen, Erst durch die
sich allmählich durchsetzende Industrialisierung und Kapitalisierung
dieser Länder setzte für die Juden der gleiche Prozeß ein, den wir in
Westeuropa während des 11., 12. und 13. Jahrhunderts kennen gelernt
haben. Es ist die Periode der blutigen Pogrome in Polen und Rußland
während des 19. und 20.Jahrhunderts, bis die Oktoberrevolution die
gesellschaftlichen Grundlagen des Antisemitismus umstürzte. (In diesem
Artikel können wir auf gewisse antisemitische Tendenzen der
spätstalinistischen Phase nicht eingehen.)
Nach der Bauernreform von 1863 in Rußland (die Leibeigenschaft der
Bauern wurde durch den zaristischen Staat aufgehoben), die zu den ersten
Industrialisierungswellen in diesem Land führten beginnt eine riesige
Abwanderung von Bauern in die Städte, Sie verkaufen dort ihre
Arbeitskraft an die Kapitalisten.
Die Proletarisierung großer Teile der Bauern (Zerfall der Dörfer) führt
auch zu einer Verschlechterung der Lebensgrundlagen vieler jüdischer
Händler auf dem Dorfe, und ein Teil von ihnen macht ebenfalls den Prozeß
der Proletarisierung durch. Jüdische lohnabhängige Arbeiter sind in
dieser Zeit vor allem in der Konsumgüterindustrie zu finden. Es ist also
die kapitalistische Produktionsweise, die die Juden als eine
einheitliche Volksklasse auflöst.
Rückwanderung nach Westeuropa
Hunderttausende von Juden beginnen erneut nach dem Westen auszuwandern,
um so den Pogromen oder dem Proletarisierungsprozeß zu entgehen. Die
wenigen Juden, die in Deutschland und Österreich geblieben waren, hatten
sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker in Wirtschaft und
Kultur der Gastländer integriert. In diesen Ländern spielte der alte
christliche Antisemitismus fast keine Rolle mehr.
Durch die Masseneinwanderung der Ostjuden entstand im Bürgertum und
Kleinbürgertum der Antisemitismus aufs Neue. Am deutlichsten wurde dies
in Wien, wo Anfang des 19. Jahrhunderts nur ein paar hundert Juden
lebten, ihre Zahl aber bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf etwa 147000
anstieg.
Der Hauptträger dieses Antisemitismus das durch die
monopolkapitalistische Entwicklung wirtschaftlich stark gefährdete
Kleinbürgertum.(Immer mehr Kleinbürger wurden proletarisiert) die
Konkurrenz der zuströmenden kleinbürgerlichen jüdischen Händler machte
diese Situation noch deutlicher. Nicht die Großindustrie war damals
Trägerin des Antisemitismus moderner Prägung, sondern das einheimische
Kleinbürgertum.
Als nach dem Ende des ersten Weltkrieges sich die kleinbürgerlichen
Massen immer stärker gegen den Monopolkapitalismus wandten, entdeckte
das Großkapital den Antisemitismus. Durch den Mythos vom "Jüdischen
Kapitalismus" gelang es der Großindustrie vor allem in Deutschland, den
anti-kapitalistischen Geist des Kleinbürgertums in die Bahnen des
Rassismus zu lenken (nicht das kapitalistische Kaufhaus sei schuld am
Bankrott der kleinen Händler, sondern das jüdische Kaufhaus).
Um den Antisemitismus moderner Prägung in Deutschland und Österreich zu
verstehen, muß an zwei Punkten unbedingt festgehalten werden:
1.
Die durch die Jahrhunderte hindurch erworbene kleinbürgerliche
Gesellschaftsposition der Juden,
2. Die Angst des einheimischen Kleinbürgertums, in der Phase des
Monopolkapitalismus proletarisiert zu werden.
Denn das Kleinbürgertum stellt eine kapitalistische Klasse dar, d.h.
eine Klasse, die auf der Beibehaltung von Privateigentum beharrt,
andrerseits begreifen die Kleinbürger, daß gerade die Dynamik des
Monopolkapitalismus das Kleinbürgertum zerstört. Im Rassismus findet das
Kleinbürgertum nun seinen letzten Ausweg. Der Glaube an die
Überlegenheit der eigenen Rasse spiegelt genau die Interessen und
Illusionen dieser Klasse wieder. Fasziniert starrt das Kleinbürgertum
auf die faschistischen Plakate. Dort wird die Zerschlagung von
"Big-Business", Börsen, Trusts, Warenhäusern gefordert und versprochen.
(All diese Einrichtungen stellt die faschistische Ideologie als der
eigenen Rasse wesensfremd bzw. verjudet dar). Das Kleinbürgertum schlägt
sich auf die Seite der durch die Großindustrie finanzierten Faschisten.
Es glaubt so, seinem eigenen Proletarisierungsprozeß zu entrinnen und
außerdem noch die Gefahr einer proletarischen Revolution zu verhindern.
Das Kleinbürgertum will nicht begreifen, daß es weder im
Monopolkapitalismus noch im Kommunismus eine Zukunftschance hat.
Im nationalsozialistischen Deutschland fand durch die Beschlüsse der
Wannseekonferenz (Endlösung- Massenmord der Juden durch die
technologischen Mittel des Spätkapitalismus - die Einführung des
Fließbandes in die KZs) ein qualitativer Sprung statt. In den früheren
Perioden der Verfolgung veranstalteten die Herrschenden ab und zu ein
Pogrom, um die angestaute Wut des Volkes abzureagieren. Im
nationalsozialistischen Deutschland wurde ein ganzes Volk
abgeschlachtet. Die Schlächter dieses Volkes und ihre Helfershelfer
haben sich heute eine philosemitische Ideologie zugelegt und sind zur
Hauptstütze des aggressiven Zionismus in Israel geworden.
Ein Merkmal des Zionismus ist die Übernahme des kleinbürgerlichen
Anti-Semitismus. Die Zionisten hassen nichts mehr als den jüdischen
Intellektuellen im Ausland, der nachts nicht auf einem Feldbett schläft
und tagsüber mit der Maschinenpistole in der Hand sein Feld bestellt
oder Araber verjagt. In jeder Rede betont Ben Gurion aufs neue, daß alle
Juden im Ausland, die Geschäfte machen, Bücher schreiben oder dort in
die Fabrik gehen und nicht nach Israel zurückkommen, Verräter seien.
Anhang: Vorwort der
883-Redaktion zu obenstehenden Text
EINE FUSSNOTE VOM GENOSSEN LENIN
Wir
wissen nicht, wer die halbverrostete Bombe in das Jüdische Gemeindehaus
gelegt hat. Wir wissen aber, daß die bürgerliche Presse, die Polizei und
die Justiz ihren Schuldspruch schon gefällt haben. Ihr braucht nur die
BZ zu lesen, (siehe auch Bericht auf S.2). Der Vorfall im Jüdischen
Gemeindehaus wird von Springer und Konsorten zum Anlaß genommen, Lügen
über die Sozialistische Bewegung verstärkt zu verbreiten. Der
exemplarische Faschist Springer und der ehemalige NS-Propagandist Lemmer
behaupten, daß die Sozialistische Bewegung gar nicht sozialistisch sei
sondern antisemitisch und linksfaschistisch. Kein Wunder, daß sie nicht
zwischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheiden können. Denn
schließlich haben sie alle mittelbar oder unmittelbar am Verbrechen der
Judenvernichtung mitgewirkt. Um diesen Lügen entgegen zu treten, müssen
wir uns genau mit der Geschichte des Antisemitismus und seinen
gesellschaftlichen Ursachen beschäftigen. Jede Genossin und jeder
Genosse muß in der Lage sein, den Hintergrund dieser Lügen zu entlarven.
Wir müssen die Diskussion in der Schule, in der Universität und im
Betrieb offensiv führen.
Manche Genossen werden den Versuch einer materialistisch-dialektischen
Analyse des Antisemitismus für zu theoretisch halten. Er ist nicht in
der Sprache des "Zentralrates“ geschrieben. Das kann er auch nicht, denn
hier hilft uns kein Verbalradikalismus weiter, sondern nur die Werke der
Klassiker Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und Mao-Tse-Tung. Lenin
polemisierte in "was tun“ gegen folgende These von K. Kautskys "Der
Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die
bürgerliche Intelligenz."
Lenin: "Dies heißt selbstverständlich nicht, daß die Arbeiter an der
Ausarbeitung (der marxistischen Theorie) nicht teilnehmen. Aber sie
nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des
Sozialismus, als die Proudhon und Weitling (französischer und deutscher
Sozialist), mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran
teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt sich das
Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern.
Damit aber den Arbeitern dies häufiger gelinge, ist es notwendig, alles
zu tun, um das Niveau der Bewußtheit der Arbeiter im Allgemeinen zu
heben; ist es notwendig, daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich
eingeengten Rahmen einer "Literatur für Arbeiter“ abschließen, sondern
immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen machen. Es
wäre sogar richtiger, anstatt "sich nicht abschließen" zu sagen nicht
abgeschlossen werden, denn die Arbeiter selbst lesen alles und wollen
alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur
einige (schlechte) Intellektuelle glauben "für Arbeiter" genüge es, wenn
man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt, und längst bekannte
Dinge wiederkäut.“ Lenin, Ausgewählte Werke Bd.I, S.175 Fußnote 1
Die Grundlage für die folgende Analyse ist ein Referat des
Palästinakomitees, welches am letzten Sonntag im RC vorgetragen und
diskutiert wurde.
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