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1969 WIRD IN DER DDR MIT EINER GROSSEN DEMONSTRATION DES 50. TODESTAGES VON
ROSA LUXEMBURG UND KARL LIEBKNECHT GEDACHT. DABEI SIND AUCH
STUDENTEN AUS WEST-BERLIN, DIE STASI UND SED GEHÖRIG
DURCHEINANDERBRINGEN
SDS Besuch in Berlin, Hauptstadt
der DDR,
am 19. Januar 1969
"Gammler und Genossen"
Von Gunnar Hinck
Die Staatssicherheit war auf diesen 19. Januar 1969 gut vorbereitet. Das
Ministerium wusste Bescheid, dass West-Berliner Studenten an der
Demonstration zum Gedanken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in
Lichtenberg teilnehmen wollten. Man schätzte den Vorgang als brisant ein:
Anweisungen holten die Offiziere von ganz oben ein, von Stasi-Minister
Erich Mielke. Der wiederum sicherte sich bei Erich Honecker ab, der im
Zentralkomitee der SED für Sicherheitsfragen zuständig war. Honecker
höchstselbst genehmigte den Besuch der Studenten aus dem Westen. In
einem protokollierten Telefongespräch mit Mielke meinte Honecker, dass
man es hocheinschätzen müsse, "dass sie den 50. Jahrestag der teuren
Toten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ehren". Einzige Bedingung: Die
Sache müsse in "würdiger Form" erfolgen.
Mielke wies sein Ministerium
an, alles zu tun, "um wirklich unsichtbar die Sache unter Kontrolle zu
halten". Es sei darauf zu achten, dass keine Losungen auf den Kränzen zu
sehen seien und keine Mao-Bilder entfaltet werden. Die Aktiven der
antiautoritären Studentenbewegung erschienen ihm unberechenbar.
Schon
kurz nach acht Uhr fährt am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße ein Opel
mit fünf West-Berlinern vor: Christian Semler, Tilman Fichter, Karin
Röhrbein, Heinrich Giskes und Wolfgang Neuss.
Semler und Fichter sind
wichtige Funktionäre der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) im
Westteil der Stadt, Röhrbein betreibt einen stadtbekannten linken
Buchladen. Giskes, Student an der Musikhochschule und mit 22 Jahren der
jüngste im Bund, sollte wenig später eine Karriere als Filmschauspieler
starten. Wolfgang Neuss schließlich, der berühmte Kabarettist und
Provokateur der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, mischt in der
Apo mit und ist mit Rudi Dutschke befreundet. Als
Dutschke nach dem
Attentat 1968 schwer verletzt im Krankenhaus liegt, verwaltet Neuss dessen Post.
Die Einreise klappt nicht wie erhofft: Gegen Neuss liegt
eine Einreisesperre vor. Im Bericht der Staatssicherheit, der in der
Berliner Stasiunterlagen-Behörde erhalten geblieben ist, heißt es: "Nach
Rücksprache mit HA XX, Genossen Major Nagel, wurde das Fahndungsobjekt
zurückgewiesen. Das Objekt brachte zum Ausdruck, daß ihm seine
Einreisesperre bereits bekannt sei, aber die anderen Insassen ja
einreisen dürfen." Es hilft nichts. Das Objekt Wolfgang Neuss muss umkehren, die anderen dürfen schließlich nach zweistündiger
Kontrollprozedur einreisen.
Die nächste Einreise wenige Minuten später
klappt reibungsloser. Ein Auto mit drei Apo-Vertretern wird zügig
abgefertigt. Insgesamt fahren an diesem Tag 117 West-Berliner Studenten
nach Lichtenberg. Teilweise haben sie noch nicht einmal Papiere bei sich.
An diesem Tag soll das aber kein Problem sein für die DDR-Grenzer -
Anweisung von oben. Eine angemeldete Gruppe von 16 Männern und Frauen,
die über den Bahnhof Friedrichstraße einreist, wird gar mit einem Bus
der Ost-Berliner Stadtverwaltung abgeholt und zum Gedenkort gebracht.
Nach der Kranzniederlegung steht ein Besuch der Ausstellung "50 Jahre
Novemberrevolution" im Museum für Deutsche Geschichte auf dem Programm,
danach gibt es einen Imbiss im Ratskeller in Mitte. Jürgen Treulieb war
damals Vorsitzender des AStA der Freien Universität und hatte die Reise
dieser Gruppe organisiert. Den Kontakt zu den Ost-Berliner Offiziellen
stellte ein betagtes Mitglied der alten, in der Bundesrepublik damals
verbotenen Kommunistischen Partei her. "Es ging uns um die Erinnerung an
Rosa Luxemburg. Moskautreu war ich nicht, ich gehörte zu den
Antiautoritären", sagt Treulieb heute. Er selbst nahm am Besuch wegen
anderer Termine nicht teil.
Ähnlich wie Treulieb beschreibt auch Rainer
Morsch seine Motive. Morsch saß damals im AStA der Technischen
Universität und fuhr mit Kommilitonen im VW des AStA nach Ost-Berlin. "Ich
hatte ein kritische Haltung zur DDR, aber ich war für den Sozialismus.
Die Unterschiede zwischen uns und der DDR waren gravierend, doch es gab
Gemeinsamkeiten. Dazu gehörte das Erbe der verfolgten deutschen
Sozialisten", sagt Morsch, der bis vor wenigen Jahren als
wissenschaftlicher Angestellter an der TU arbeitete. Morsch vermutet,
dass Anhänger der SED Westberlin, des West-Berliner Ablegers der DDR-Staatspartei,
die Offiziellen in Ost-Berlin über die Besuchspläne der TU-Studenten
informierten. Ein DDR-Fernsehteam und Presse-Vertreter erwarteten sie am
Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Morschs Gruppe verpasste allerdings die
Fernsehleute, weil sie erst am späten Nachmittag, schon in der
Dunkelheit, eintraf. Das besondere Interesse der DDR ausgerechnet an den
Studenten der Technischen Universität erklärt Morsch so: "Als Praktiker,
als künftige Ingenieure und Architekten, galten wir als nah an der
Arbeiterklasse, mehr als die Theoretiker von der FU." Morsch wertet die
Aktion nüchtern als Tauschgeschäft zwischen der DDR und West-Berliner
Studenten. "Die DDR sah natürlich die Chance, ihr Renommee zu steigern:
Seht her, West-Berliner Studenten erweisen in unserem Land Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht die Ehre. Und wir konnten bei uns mit dem
DDR-Besuch provozieren."
Das gelingt ihnen. Nach der Rückkehr versucht
der starke konservative Flügel der Studentenvertreter der TU, den AStA
zu stürzen. Kurz vor elf Uhr erreicht der Problemfall der DDR-Grenzer,
der Opel mit Christian Semler und Genossen, die Demonstrationsstrecke.
Eine Kranzniederlegung haben sie allerdings nicht im Sinn. Kurzerhand
reihen sie sich in den Marschblock von Betriebsgruppen auf der
Frankfurter Allee ein und fügen der offiziellen Parade eine
überraschende Note an: Sie entrollen ein Transparent, auf dem die
Fahne
des Vietcong zu sehen ist. Der Vietcong ist die kommunistisch geprägte
Partisanenarmee in Südvietnam, die gegen die USA kämpft. Nach wenigen
Minuten werden sie von Volkspolizisten aus dem Demonstrationszug geholt
und auf das nächste Revier gebracht. Im Stasi-Bericht heißt es, dass vor
allem das Äußere der West-Berliner Anstoß erregt habe: "Gegen 11 Uhr
wurden die Bürger ... aus dem Demonstrationszug herausgelöst und der VPI
Lichtenberg zugeführt, da ihre Kleidung und die Haare verwahrlost waren
(Gammler)."
Die Gruppe tat einiges, um aufzufallen: Die Lederjacken der
Männer waren laut Bericht zerrissen und verschmutzt, und Christian Semler "hatte zerrissene Gummistiefel an. Ein Stück der Sohle war direkt
abgeschnitten." Mit merklicher Fassungslosigkeit resümiert der Stasi-Offizier:
"Es hatte den Anschein, daß sie sich selbst zum Zwecke ihres Auftretens
in der Hauptstadt in einen derartigen Zustand versetzt hatten." "Wir
fühlten uns wie Götter", sagt Tilman Fichter heute. Die Stasi-Verhörer
bestätigen ihnen dieses wohlige Gefühl. Schnell finden sie heraus, dass
zumindest Fichter, Semler und Karin Röhrbein eine gewichtige Rolle in
der West-Berliner Studentenbewegung spielen. Der leitende Stasi-Offizier
entschuldigt sich und redet das Quartett, ganz unter Kommunisten, mit "Genossen"
an. Allerdings nehmen die Festgesetzten die Geste keineswegs so an, wie
es der Offizier erwartet. Überhaupt erlebt er wohl eher selten, dass ihm
"Zugeführte" sich so frei verhalten, wie es die vier tun. Mal veralbern
sie ihn, mal antworten sie nicht. Sie nehmen ihn nicht ernst. "Wir waren
hochmütig. Wir haben Realitäten und Autoritäten nicht akzeptiert", sagt
Fichter.
Das Selbstbewusstsein der Apo-Aktivisten befindet sich gerade
auf einem Höhepunkt, nachdem sie bei der sogenannten Schlacht am Tegeler
Weg im November 1968 die Polizei gewaltsam herausgefordert hatten.
Gleichzeitig will das Quartett gegen die DDR offen Stellung beziehen.
Für sie, so Fichter, sei die DDR eine autoritäre "Umerziehungsdiktatur"
gewesen: "Wir wollten einen anderen Sozialismus." Christian Semler, der
heute eine Art Editor-at-large der linken Zeitung taz und inzwischen 72
Jahre alt ist, nennt noch zwei andere Aspekte. Er wollte gegen die
Niederschlagung des Prager Frühlings im Sommer 1968 durch den Warschauer
Pakt und damit indirekt durch die DDR protestieren. Die Sache mit der
Vietcong-Fahne war nicht geplant, allerdings wussten sie, dass
unangemeldete Transparente und erst recht eine Fahne der vietnamesischen
Guerillakämpfer bei den DDR-Offiziellen Anstoß erregen würden.
Nach zwei
Stunden steht die Gruppe wieder auf der Straße. Versöhnlich geben ihnen
die Stasileute noch auf den Weg, dass sie den Zwischenfall hätten
vermeiden können. Inzwischen aber hat Bruno Beater, Mielkes Erster
Stellvertreter, von der Sache erfahren und drängt, die gerade
Entlassenen ausfindig zu machen. Man solle versuchen, "ein Gespräch mit
ihnen zu führen, mit ihnen womöglich die Gedenkstätte aufzusuchen und
sie für die Zeit des Aufenthalts in der Hauptstadt zu betreuen". Dass
junge Westdeutsche sich zum Marxismus bekennen und freiwillig nach Ost-Berlin
zur Demonstration für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg reisen, übt auf
die Spitze der Staatssicherheit eine deutliche Faszination aus, so fremd
ihnen deren Auftreten auch erscheinen mag. Die Gruppe indes ist
verschwunden. Erst um 22:40Uhr taucht sie wieder am Grenzübergang
Heinrich-Heine-Straße auf und verschwindet in Richtung Kreuzberg. Sie
sind die letzten der 117 Studenten, die diesem Tag Ost-Berlin verlassen.
Die Reste der West-Berliner Studentenbewegung werden sich in den
folgenden Jahren an der Frage, wie man es mit der DDR hält, spalten. Die
meisten einstigen Aktiven wie Rainer Morsch fahren ihr politisches
Engagement zurück und gehen ihren normalen Berufen nach. Der harte Kern
aber bekennt Farbe: Ein Teil bindet sich an die West-Berliner SED (später
SEW). Andere wollen mit den Betonkommunisten - so nennen sie die
Regierungen von Ost-Berlin bis Moskau - nichts zu tun haben und sehen
sich nach Alternativen um. Christian Semler folgt seinen rotchinesischen
Neigungen und gründet ein Jahr nach dem Ausflug nach Ost-Berlin mit
Gleichgesinnten eine maoistische Kaderorganisation, die KPD/AO.
Zerschlissene Klamotten trägt er nun nicht mehr, sondern Anzug mit
Krawatte. Die Kader, die allesamt aus der Studentenbewegung stammen,
wollen nicht mehr antiautoritär und undiszipliniert sein. Sie hoffen,
damit die Arbeiterklasse besser zu erreichen. Ihr neues Auftreten hätte
den Offizieren der Stasi aber mit Sicherheit gefallen.
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Berliner Zeitung, 15.1.2011
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