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Eintragung
ins Nichts Linke Kritik und rechter Antiimperialismus Andreas Fanizadeh* Das Taliban-Regime ist gestürzt. Viele
Mitglieder von al-Quaida sind tot oder auf der Flucht. Die “gemäßigte”
Nord-Allianz hat in Kabul die Macht übernommen und die US-Koalition
“gegen den Terror” scheint vorerst auch in den islamisch geprägten
Staaten zu halten. Vor dem einsetzenden Winter kann die “humanitäre
Hilfe” für die notleidende Zivilbevölkerung in Afghanistan nun
telegen anlaufen. Und nebenbei rücken die USA Angriffsziele in
anderen Ländern ins Visier. Auf der ganzen Linie nichts als
Erfolgsmeldungen aus den westlichen Hauptquartieren, weitere Anschläge
wie die vom 11.9. sogar einkalkulierend. Steilvorlage für rechte Politik Die Attentate von New York und Washington
waren in jeder Hinsicht eine Steilvorlage für rechte Politik Der Angriff auf die urbane Insel und das militärische
Zentrum eines autoritär aber demokratisch verfassten US-Staats
erfolgte in der Symbolsprache des Faschismus. Er zielte auf die größtmögliche
Polarisierung und Homogenisierung zweier als absolut feindlich
vorgestellter Blöcke. Wie zuvor bei den verheerenden Anschlägen auf
die US-Botschaften in Dar Es Salaam und Nairobi verzichteten die
Urheber der Massaker auf eine politische Erklärung. Ihre völkische
Politik kennt kein Individuum, keine Unterscheidung zwischen zivilen
oder militärischen Zielen und sucht die unbedingte und vernichtende
Eskalation. Diese Logik sehnt einen Gegenschlag der “Imperialisten”,
der USA und ihrer Verbündeten, geradezu herbei. In der finalen
Entscheidungsschlacht, so halluzinieren ihre Führer, fegt der große
Volksaufstand der muslimischen Massen dann den Westen und seine
Statthalterregimes hinweg. Doch der Glaube allein, versetzt keine
Berge. Der rechte “Antiimperialismus” dürfte sich entscheidend
verschätzt haben. Die Situation und der Spielraum für
islamistische Gruppen hat sich seit
dem Ende des Kalten Kriegs erheblich verändert. So
unterschiedliche islamistische Bewegungen, wie die in Iran oder
Afghanistan, konnten sich machtpolitisch nur durch Duldung oder aktive
Unterstützung des Westens gegen die laizistische Linke in ihren Ländern
durchsetzen. Ihre Muskeln verdankten sie in erster Linie der
westlichen Furcht vor Kommunismus und Weltrevolution. Heute ist
Russland längst auf dem Weg, ein ganz normaler konkurrierender
kapitalistischer Nationalstaat zu werden. Entsprechend schrumpfen
viele der einst protegierten antikommunistischen Bewegungen wieder auf
ihre nationale Bedeutung. Schon in Algerien kamen die siegessicheren
Islamisten nicht mehr durch. Ohne die “kommunistische Gefahr” haben
viele der Islamisten ihre Bedeutung für den Westen verloren. Aus
Waffenbrüdern sind teilweise sogar Feinde geworden. Die in blinden
Unverstand gelegten Sprengsätze der GIA in Paris kündeten bereits -
vor den fliegenden Menschenbomben vom 11.9. in den USA – von einem
neuen Frontverlauf. Was die noch brutaleren Anschläge in den USA
allerdings jetzt auslösten, scheint so ziemlich das Gegenteil von
einem Fanal für den erhofften “Volksaufstand” in Staaten wie
Saudi Arabien oder Ägypten zu sein. Stattdessen durften die Starken
der kapitalistischen Staatenwelt die Katastrophe als Einladung zur
direkten militärischen Intervention in Afghanistan verstehen und sind
dabei, ihre geostrategischen Positionen im Nahen Osten und
Zentralasien auszubauen. Statt die islamistische Revolution
voranzutreiben, hat sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der rechten
Avantgarde zum Abschuss freigegeben. Gescheiterte De-Kolonialisierung Die sozialen, staatlichen und religiösen
Interessen sind auch in den islamischen Weltregionen viel zu
unterschiedlich als dass sie sich einfach durch Endzeitstimmung und
Apokalypse vereinen ließen. Dennoch ist ein großer Teil der Bevölkerungen
außerhalb der kapitalistischen Zentren oftmals hin und hergerissen
zwischen Bewunderung und Verachtung gegenüber “dem” Westen,
seinen Lebensformen und Symbolen. Dies hat ursächlich zumeist kaum
etwas mit den verschiedenen kulturellen oder religiösen Traditionen
zu tun. Der Antiimperialismus der Rechten speist sich historisch aus
einer politisch tatsächlich erfahrenen kolonialen Unterdrückung. In
Staaten wie Afghanistan oder Iran war der westliche Lebensstil bis zu
den Revolutionen der 70er Jahre das Privileg der monarchistischen
Oberschicht und einer zahlenmäßig kleinen städtischen Mittelschicht.
Eine De-Kolonialisierung im Sinne einer materiellen Beteiligung der
Massen an politischer, ökonomischer und kultureller Demokratie hat es
unter den postkolonialen Diktaturen kaum gegeben.
Die laizistische Linke, die die Teilhabe an
den Segnungen des kapitalistischen Westens (oder des davon gar nicht
so groß abweichenden östlichen Staatskapitalismus) für alle
einforderte, wurde in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg größten
Teils vernichtet. Die islamistische Rechte behauptet heute in den
Universitäten, Vorstädten und auf dem Land die verwaiste Stelle der
Opposition. Sie hat die früheren linken Versprechen von
internationaler Gleichheit und Teilhabe durch ihre
nationalistisch-religiösen Floskeln von Überlegenheit und Abgrenzung
ersetzt. Ihr “Antiimperialismus” sucht das Bündnis lokaler
Bourgeoisien und ist eine weitere Stimme im Chor der
nationalstaatlichen, kapitalistischen Konkurrenz. Neue Weltinnenpolitik Nach dem Ende der Sowjetunion setzten die
Staaten der kapitalistischen Zentren alles daran, so etwas wie eine
neue “Weltinnenpolitik” zu verhindern. Mittlerweile holen die
West-Alliierten sogar lieber Russland, China und Indien direkt in ihre
Bündnisse als dass sie die Zuständigkeit demokratisch zu
kontrollierender Gremien der Vereinten Nationen (UNO) ausbauten. Ob
die USA oder die Europäer einen gerechten oder auch selbst nur einen
heiligen Krieg führen, wollen diese künftig weiterhin selbst
entscheiden. Und sie wähnen sich mit ihrer Menschenrechtsrhetorik auf
der sicheren Seite. Doch die Interventionen gegen den Irak,
Jugoslawien oder jetzt in Afghanistan richteten sich eher zufällig
auch gegen das Repressive an diesen Regimen. Saudi Arabien, einer der
wichtigsten US-Verbündeten im Nahen Osten, erlaubt Frauen noch nicht
einmal ein Auto zu lenken. Eine Opposition gibt es nicht und die Überkreuz-Amputation
ist eine bis heute beliebte Strafe. Beim Alliierten Pakistan gehen Männer
straffrei aus, die Frauen “wegen einer Frage der Ehre” ermordeten. Der nationalstaatlich regulierte Kapitalismus
lebt davon, dass er sich regional verschiedene Techniken der
Herrschaft zu Nutze macht. Die mit kreierten Despotien werden jedoch
in westlicher Überlegenheitsmanier zu den Besonderheiten der Dritten
Welt erklärt, mit denen man sich zu arrangieren hätte. So
legitimiert konnten auch deutsche Firmen im Iran - trotz US-Embargo -
ihren Geschäften nachgehen. Die Menschenrechtstränen sind für grüne
und sozialdemokratische Parteitage. Außerhalb der westlichen
Wohlstandsinseln gilt Nato- und nicht Menschenrecht, dies bezieht die
Grenzsicherung gegen Migration aus dem Süden mit ein. Die Anschläge vom 11.9. sind das Produkt
faschistischer Verschwörungstheorien. Keine Verschwörungstheorie
aber ist, dass die Bevölkerungen des Südens durch die internationale
Konstellation von der Teilhabe an Macht und Reichtum weitgehend
ausgeschlossen sind. Derzeit deutet wenig darauf, dass sich daran
etwas ändern soll. Die Allianz aus Nato- und Schurkenstaaten lässt
in Zentralasien gerade die Feudalherren des 19.Jahrhunderts
auferstehen. Es sind Garanten für Bürgerkriege, Nicht-Entwicklung
und künftige Nato-Protektorate. Neue Weltinnenpolitik? Wenige Tage vor dem
11.9. wurde in Santiago de Chile Haftbefehl gegen den führenden US-amerikanischen
Staatsterroristen Henry Kissinger erlassen. Kurz nach dem 11.9. war er
schon wieder im Fernsehen. Ihm stünde ein fairer Prozess vor einem
Internationalen Strafgerichtshof genauso gut an wie den Bin Ladens
dieser Erde. *Die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz in
Berlin veranstaltete im November 2001 eine Diskussion zu den
Attentaten in den USA und dem Krieg in Afghanistan. Der hier
wiedergegebene Text geht aus der dort gehaltenen Rede hervor. |