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TRÄGT DIE "BLUT FÜR ÖL"-HYPOTHESE?

von Friedemann Müller  

„Der Charme der Ölkrieg-Theorie besteht darin, dass sie so einleuchtend wirkt“ schreibt Thomas Kleine-Brockhoff in der ZEIT (23.01.03). Hier soll, entsprechend der Intention dieses Satzes, auf begrenztem Raum versucht werden, die Theorie ihrer unmittelbaren Überzeugungskraft zu entkleiden.

I. Fakten, die die „Blut für Öl“-Hypothese zu stützen scheinen

Richtig ist:
1. dass die Terroranschläge vom 11. September den Blick auf die Verwundbarkeit der Weltwirtschaft gelenkt haben, nämlich die Ölversorgung aus einer Region, welche zugleich Heimstatt des modernen Terrorismus ist. Am Golf lagern 65% der gesicherten Welt-Ölreserven, dort wird derzeit 29% der Welt-Ölproduktion und 44% des international gehandelten Öls bereitgestellt. Die Sicherheit der Energieversorgung wurde deshalb zu Recht wieder thematisiert;
2. dass die Importabhängigkeit der USA - also der importierte Anteil am nationalen Verbrauch - nach einem Rückgang in den 1980er Jahren wieder steigt;
3. dass der Irak mit ca. 112 Milliarden Fass gesicherter Ölreserven (11% der Weltreserven) nach Saudi Arabien (25%) der zweitgrößte Reservehalter weltweit ist und diese Reserven vergleichsweise wenig ausgebeutet werden;
4. dass Präsident Bush und seine engere Mannschaft eng mit der amerikanischen Ölindustrie verbunden ist und als eines der ersten Planungsergebnisse seiner Administration im Mai 2001 einen Energiebericht („Cheney Report“) herausgegeben hat, in dem u.a. auf die Tatsache verwiesen wurde, dass eine Einschränkung der weltweiten Ölversorgung die U.S.-Wirtschaft empfindlich treffen würde.

Aus diesen Tatbeständen einen Indizienbeweis dafür zu führen, dass der Zugriff auf das irakische Öl das eigentliche Motiv für eine militärische Intervention darstellte, ist fahrlässig und lässt vor allem grundsätzliche Mechanismen und Wirkungsweisen des internationalen Ölgeschäfts außer Acht.

II. Kritik an der „Blut für Öl“-Hypothese

Die folgenden fünf Thesen versuchen, gegenüber der monokausalen “Blut-für-Öl” These die reale Komplexität in mehr als einer Dimension darzustellen.

1. Die USA haben das geringste Versorgungssicherheitsproblem: Wenn es ein Problem mit der Versorgung durch den Golf gibt, dann an erster Stelle für Japan und ganz Asien, an zweiter für Europa und an letzter für die USA. Japan deckt 78% seines gesamten Ölverbrauchs durch Lieferungen aus dem Golf ab, der asiatisch-pazifische Raum insgesamt (Ostasien einschließlich China, Südasien und der westpazifische Raum) 55%, Europa 22% und die USA 14% (siehe BP Statistical Review of World Energy, Juni 2002, S.18).
2. Status quo als Optimum: Gegenüber dem Status quo ante - also etwa dem ersten Halbjahr 2002, bevor der drohende Krieg den Ölpreis beeinflusste - schuf ein Krieg für die amerikanische Ölinteressen mehr Risiko als Nutzen. Die OPEC hat im Jahr 2000 den Preiskorridor zwischen 22 und 28 US-Dollar (USD) pro Barrel eingeführt. Bei Unter- oder Überschreiten dieser Margen würde sie durch Angebotserhöhung oder -senkung intervenieren. Dies hat mit Ausnahme der unmittelbaren Folgen des 11. September (wo der Preis wegen fehlender Nachfrage unter 22 USD fiel) bis Dezember 2002 funktioniert. Die Zeit arbeitet aber für die OPEC und ihr Instrument, da ihr Anteil an der Weltversorgung mangels potenter alternativer Anbieter langfristig steigt. Deshalb ist zu erwarten, dass ihre Potenzial gestärkt wird, den Preis innerhalb des Korridors zu halten. Diese Preisstabilisierung liegt im amerikanischen wie im OPEC-Interesse. Die amerikanische Ölindustrie wünscht, dass der Preis nicht unter 22 USD sinkt, der amerikanische Verbraucher, dass der Preis nicht über 28 USD steigt. Das Funktionieren dieses Mechanismus ist, wie die OPEC als Ganzes, durch einen Krieg aufs Höchste gefährdet.
3. Ölmultis als eigenständiger Spieler: Zwar sind die großen Ölfirmen, historisch gesehen, Produkte aus der Zeit des Imperialismus und bis zum Zweiten Weltkrieg auch als machtpolitische Instrumente für nationalstaatliche Interessen eingesetzt worden. Doch die Globalisierung hat die Spielregeln grundsätzlich verändert. Ölmultis sind wirklich multinationale Unternehmen, deren Hauptaufgabe es ist, Geld zu verdienen, um ihre Aktionäre (Shareholders) zufrieden zu stellen. Dies können sie besser durch ihre internationale Verflechtung, als wenn sie an der Leine nationaler Regierungen agieren. Zwar legen sie Wert darauf, dass Staaten günstige Rahmenbedingungen schaffen (Sicherheit, verlässliche Rechtsordnung, niedrige Steuern und Zölle etc.), aber ihre Geschäftspartner suchen sie nach nicht-nationalen Kriterien aus. Deshalb drängen amerikanische Firmen nicht mehr als andere darauf, im Irak eine klare Geschäftsgrundlage zu schaffen. Möglicherweise drängen sie überhaupt nicht darauf, weil die Erschließung des Irak angesichts eines durchaus gesättigten Weltmarktes in der Tendenz den Ölpreis senkt und damit andere Engagements weniger rentabel macht. Es kann nicht im Interesse der USA liegen, die seit drei Jahren bestehende preisstabilisierende Politik der OPEC zu untergraben.
4. Ersatz für Saudi Arabien: Die These, dass die USA längerfristig das seit dem 11. September 2001 nicht mehr als verlässlich eingestufte Saudi Arabien durch Irak als Öl-Lieferant ersetzen wollen, ist nicht haltbar. Saudi Arabien produziert zur Zeit ca. 7,7 Millionen Barrel pro Tag (mbd), Irak ca. 2 mbd. Nach einer seriösen Schätzung des „Petroleum Economist“ könnte Irak bei entsprechenden Investitionen frühestens im Jahr 2010 eine Produktion von 7 mbd bereitstellen. Die Internationale Energieagentur (der OECD) schätzt, dass die Golfregion ihre Produktion in diesem Jahrzehnt (2000-2010) von 21 auf 26,5 mbd und bis 2020 auf 37,8 mbd ausweiten muss, um die Weltnachfrage zu befriedigen (siehe International Energy Agency, World Energy Outlook 2002, Paris 2002 S.96). Wie soll dies funktionieren, wenn auf den größten Produzenten nicht mehr gezählt werden kann? Keine weltweite Anstrengung kann Saudi Arabien als Öllieferanten ersetzen. Eine Gefährdung der Stabilität Saudi Arabiens trägt ein hohes Risiko für den Weltölmarkt in sich.
5. Machtfrage: Die Unterstellung, die USA könnten mit der Besetzung des Irak die gesamte Ölproduktion der Region unter ihre Kontrolle bringen und damit die Ölzufuhr für potentielle Rivalen wie China abschneiden, kommt fast 30 Jahre, mindestens jedoch zwölf Jahre zu spät. 95% des vom Golf exportierten Öls fließt durch die Straße von Hormusz, 60% davon nach Asien. Länder wie China, Indien, Japan und Südkorea sind mehr als alle westlichen Industrieländer von diesem Ölfluss abhängig, den die USA jedoch durch ihre Marine schon längst kontrollieren. Eine Kontrolle der irakischen Ölwirtschaft schafft keinen Machtzugewinn.

Es gibt allen Grund, besorgt zu sein, dass ein Krieg im Irak, zum Beispiel durch einen Angriff auf den Hauptölverteilerhafen in Saudi Arabien, einen Teil des Ölflusses aus dem Golf zum Erliegen bringt. Wenn ein Fünftel des exportierten Golf-Öls ausfallen würde, würde dies die Welt nicht nur vor ein Versorgungsproblem im Energiesektor stellen, es würde eine globale Wirtschaftskrise auslösen, die in ihrer Dimension jedenfalls die von 1973 übersteigt und nach oben offen wäre.

mirror of: 2003 Stiftung Wissenschaft und Politik

Von Friedemann Müller zum selben Thema: Das Öl des Irak

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