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Lesestoff für den "heißen Sommer" und danach…

Ausgewählt von Günter Langer für das Berliner Lehrpersonal, das die blz - Monatszeitschrift (Nr. 6/7 2004) der GEW-Berlin liest.

1. Clayborne Carson, "Zeiten des Kampfes: Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren"

2. Tom Hayden, "Reunion", "Rebel: A Personal History of the 1960s", "Tom Hayden: An Activist's Life",
Todd Gitlin, "The Sixties : Years of Hope, Days of Rage",

Ron Jacobs
, "Woher der Wind weht" (Weather Underground)

3. Siegward Lönnendonker, Bernd Rabehl und Jochen Staadt: "Die Antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD. 1960-1967"

4. Bernd Kramer, "Gefundene Fragmente. 1967 - 1980".

5. Ute Kätzel, "Die 68erinnen, Porträt einer rebellischen Frauengeneration"

6. Ingrid Gilcher-Holtey, "Die 68er Bewegung. Deutschland - Westeuropa - USA"

7. Uwe Wesel, "Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen"

8. Gerd Koenen, "Das Rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 - 1977"

In der GEW entbrennt eine neue Debatte um politische Interventionsmöglichkeiten jenseits der ausgetretenen Pfade. In der LDV (Landesdelegiertenversammlung) gewann ein Antrag die Mehrheit, der den Sturz des rot-roten Senats zum Ziel hat. Offenbar verlangen die realen Verhältnisse der heutigen Gesellschaft nach neuen Antworten. Dies wird auch jenseits der Gewerkschaften, von AktivistInnen in den sogenannten sozialen Bewegungen so gesehen. Dort träumen einige bereits von einer neuen außerparlamentarischen Opposition (APO), die es 68 doch geschafft hatte, einige alte Zöpfe abzuschneiden und anderes auf neue Wege zu bringen.

In der Erinnerung an jene Zeiten mischen sich Mythen und Illusionen, aus denen z.T. schroffe Ablehnung oder aber verschämte Bewunderung resultieren. Einige Publikationen der letzten Zeit versuchen diesbezüglich Abhilfe zu schaffen. Es ist immer lohnenswert, geschichtliche Erfahrungen aufzuarbeiten und für die Gegenwart nutzbar zu machen. Ich denke, diesen Zweck erfüllt die Lektüre der im folgenden kurz vorgestellten Bücher. Darüber hinaus können sie dem Sozialkunde- und Geschichtsunterricht wichtige Impulse verleihen.

Überaus lehrreich ist das Buch des Geschichtsprofessors an der Stanford University Clayborne Carson, "Zeiten des Kampfes", 2004 im Verlag Graswurzelrevolution erschienen. Carson, einst selbst Mitglied, beschreibt die Entstehung, Entwicklung und den Niedergang des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), einer Organisation von mehrheitlich schwarzen Studierenden, die zwischen 1960 und 1968 die Bürgerrechtsbewegung in den USA entscheidend mit geprägt hatte. Diese Gruppierung hat die später in aller Welt verbreiteten Protestformen wie Teach-ins, Sit-ins, Walk-ins usw. unter großen persönlichen Gefahren als erste angewandt. Die älteren Semester unter uns erinnern sich sicherlich noch an Namen wie Stokely Carmichael und H. Rap Brown, die als Sprecher der Black Power Bewegung berühmt wurden. Sie waren die beiden letzten Vorsitzenden von Snick, wie die Abkürzung des Akronyms SNCC ausgesprochen wurde. Weniger bekannt blieb Bob Moses, die wichtigste Person des antiautoritären Flügels der Organisation, der Floaters. Moses widerstrebte jede Art von Rassismus, auch des schwarzen Rassismus gegen Weiße, er konnte und wollte nicht akzeptierten, dass politische Zweckmäßigkeit Vorrang vor moralischer Konsequenz haben müsse, und er lehnte jeden Führerkult ab. Als er merkte, dass sich zu viele Menschen auf ihn als Autorität bezogen, trat er Ende 1964 kurzerhand von all seinen Posten zurück. Lou Marin hat das Buch exzellent übersetzt. Im englischen Original hat das Buch den Titel: "In Struggle. SNCC and the Black Awakening of the 1960s". Es ist mit einem Quellenapparat und einem Index versehen. Literatur zu den hauptsächlich weißen Students for a Democratic Society, dem amerikanischen SDS, ist bislang noch nicht übersetzt worden. Deren Sprecher wie Tom Hayden ("Reunion") und Todd Gitlin ("The Sixties") sind mit Erinnerungsliteratur hervorgetreten, die es wert wäre ins Deutsche übertragen zu werden. Einzig die Geschichte des Weather Undergrounds von Ron Jacobs ("Woher der Wind weht") erschien 1999 im ID-Verlag.

Das deutsche Pendent für denselben Zeitraum behandelt eine umfangreiche Studie von Siegward Lönnendonker, Bernd Rabehl und Jochen Staadt: "Die Antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD. 1960-1967". Das Buch ist bereits Ende 2002 im Westdeutschen Verlag erschienen. Akribisch verfolgen die Autoren die Entwicklung des SDS vom Unvereinbarkeitsbeschluss durch die SPD über die Haltung zur DDR, zur Hochschulreform, zum Krieg in Vietnam, zum Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und schließlich zur antiautoritären Revolte der Kommunebewegung. Die meisten Kapitel des Buches stammen von Lönnendonker und Staadt. Rabehl steuert einen Abschnitt über "Die Provokationselite" hinzu, in der er leider seine Umdeutung von Rudi Dutschkes Revolutionsvorstellung als "nationalrevolutionär" wiederholt. Die Texte, die er dafür zitiert, zeigen jedoch etwas anderes. Rudi Dutschke wollte die sozialen und Produktionsbedingungen sowohl in Ost wie West, speziell im geteilten Berlin, jenseits von Kapitalismus und bürokratischem Sozialismus verändert sehen in enger Kooperation miteinander. Die Vereinigung sah er als mögliches Resultat einer solchen Entwicklung und nicht als Ansatzpunkt für eine revolutionäre Alternative, wie es von wirklichen Nationalrevolutionären wie Ernst Niekisch einst gedacht wurde. Dutschke bewegte sich mehr in der Tradition Trotzkis, der ein Programm für Deutschland als Lösung für die Krise nach 1929 vorschlug, eine enge Zusammenarbeit deutscher Betriebe mit sowjetischen. Trotz dieses Mankos ist das Buch das sorgfältigste und detaillierteste, das bislang zu diesem Thema erschienen ist.

Ganz neu ist im Karin Kramer Verlag eine Sammlung antiautoritärer Texte erschienen: "Gefundene Fragmente. 1967 - 1980". Als Besonderheit sind in diesem Band Texte der "umherschweifenden Haschrebellen" zu erwähnen, die bislang noch nirgendwo gewürdigt wurden. Ferner enthält es bislang verschollene Texte von Fritz Teufel, Rainer Langhans, Bernd Kramer, Rolf Dieter Brinkmann, Peter Handke und Hartmut Sander.

Eine andere Perspektive eröffnet das Buch von Ute Kätzel, "Die 68erinnen, Porträt einer rebellischen Frauengeneration", das bei Rowohlt bereits 2002 erschienen ist. Die Erinnerungen von Frauen wie der Asta-Vorsitzenden von 1968, Sigrid Fronius, der US-amerikanischen Anti-Vietnamkriegsaktivistin Elsa Rassbach, der SDS-Frau Susanne Schunter-Kleemann, der Haschrebellin Hedda Kuschel, der Mitbegründerin des Aktionsrats der Befreiung der Frauen Helke Sander, Frauen aus den Kommunen und anderen wie Sarah Haffner und Frigga Haug, sind sehr lesenswert. Sie geben Einblick in den damaligen Stand des patriarchalischen Denkens auch in der linken bzw. antiautoritären Bewegung. Andererseits fragt man sich, weshalb die Erfahrungen dieser Frauen nicht stärker auch in die heutige Debatte einfließen, wenn es bspw. um neue Unterdrückungsformen wie das Kopftuch geht.

Wer eine relativ kurze, übersichtliche Darstellung der weltweiten Revolte von 68 sucht, ist mit dem Buch von Ingrid Gilcher-Holtey ("Die 68er Bewegung. Deutschland - Westeuropa - USA", C.H.Beck-Verlag 2001), bzw. mit dem von Uwe Wesel ("Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen". Blessing Verlag 2002) gut bedient. Gerd Koenens Darstellung der Nach-68er Periode ("Das Rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 - 1977", Verlag Kiepenheuer und Witsch 2002) ist umfangreich, aber durch ätzende Kritik und reichliche Polemik gegen seine ehemaligen GenossInnen geprägt. Das gilt es auszuhalten. Dafür ist es schon zum Ramschpreis zu haben.