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JOHANN KRESNIK, ULRIKE MEINHOF UND DAS CHOREOGRAPHISCHE TANZTHEATER ODER EINE RETROSPEKTIVE DER DESILLUSIONIERUNG IN DREI STATIONEN

Johann Kresnik ist gewiß der letzte (oder einer der letzten) Theaterleute mit militantem, rebellischem und anklagendem politischen Bewußtsein im deutschen Umfeld. Seine Werke sind Variationen von Themen wie der Nazi-Vergangenheit der Generation der Väter, wie der Unterdrückung in der bürgerlichen Familie, wie der staatlichen und der sexuellen Gewalt, wie des Angriffs auf Tabus und auf entfesselten Konsum, auf Krieg und Aufrüstung, es ist die Thematisierung der Opfer usw. Seine Werke haben immer einen direkten Bezug zu einem Zustand oder einer bestimmten Situation der deutschen oder internationalen Gegenwart.

Nach seiner Rückkehr nach Bremen 1989 inszeniert Kresnik Ulrike Meinhof. Er produziert auch Macbeth unter Bezugnahme auf den Selbstmord des korrupten Politikers Barschel, der Regierungschef in Schleswig-Holstein und Mitglied der Christlich-Demokratischen Union war, und Marat/Sade unter Bezug auf das Attentat gegen den Politiker Lafontaine, Regierungschef des Saarlandes und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.

Die Dramaturgie zu Ulrike Meinhof lag in den Händen von Mario Krebs, die Szenographie und die Kostüme in den Händen von Penelope Wehrli und die Musik in den Händen von Serge Weber. Das Werk erhielt den "Berliner Theater-Preis" und wurde im Auftrag von Radio Bremen in einer Gemeinschaftsproduktion vom Theater Bremen und dem Institut für Film und Fernsehen Bremen am 14.7.91 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. (Es war gleichzeitig die erste Übertragung eines Kresnik-Werkes im deutschen Fernsehen nach beinahe 30jähriger Arbeit und internationaler Anerkennung.) Für die Kamera waren Dieter Frank, Wilfrid Schaidl, Jochen Theunert, Dieter Deichmann und Wolfgang Müller, für den Ton Elmar Schmidt zuständig, die Gesamtleitung hatte Klaus Bertram.

In Ulrike Meinhof teilt Johann Kresnik die Geschichte der deutschen Terroristin in drei Stationen, die von drei verschiedenen Schauspielerinnen dargestellt werden, auf: Ulrike Meinhof 1 (Regine Tritschi), die immerzu schreibt und auf ihre revolutionären Anfänge in ihrem Eheleben gemeinsam mit dem Herausgeber der Zeitschrift Konkret, Klaus Rainer Röhl, anspielt, dann Ulrike Meinhof 2 (Amy Coleman) in ihrer Wandlung zu einer Terroristin und in ihrer Beziehung zu Andreas Baader und Gudrun Ensslin, von wo sie dann in den Untergrund geht, und schließlich einer alternden Ulrike Meinhof, angesiedelt im Jahr 1990 (Susana Ibañez), die die heutige Gesellschaft betrachtet, und mit der das Stück beginnt.

Die Szenerie zeigt im Hintergrund eine Mauer und Gerüste, man befindet sich wie in einer Art Werkstatt, oben ist eine rechteckige Metallkonstruktion aus Stahl, der Boden unten ist bedeckt mit Abfällen, Papier, Servietten, Trinkgläsern, Trinkhalmen, McDonalds-Kisten, das heißt mit Fast-food-Abfällen. In der Mitte befindet sich die alternde Ulrike Meinhof, die die gegenwärtige Gesellschaft betrachtet. Eine andere Schauspielerin spielt Geige, es ist Ulrike Meinhof in ihrer bürgerlichen Jugend (Balkis Kühmstedt), man hört eine Schreibmaschine, an der die revolutionäre und militante Ulrike Meinhof 1 sitzt.

Die gezeigte Gesellschaft ist insbesondere die Konsumgesellschaft des vereinigten Deutschlands. Sie stellt auch die Ostdeutschen dar, die sich mit einer außergewöhnlichen Maßlosigkeit in den Konsum stürzen. Sehr chic gekleidet essen sie bis zum Erbrechen und kriechen wie Würmer mit erotischen Zuckungen im Müll umher, die Mengen, die sie verschlingen, genießend. Diese Szene verweist auch auf ein grundlegendes Problem, das sich in der Ex-DDR stellt, als das "Wunder des Kapitalismus" hereinbricht: Von einem Tag auf den anderen häufen sich Berge von Müll und von Flaschen, von denen man nicht weiß, wo man sie deponieren soll.

Die alternde Ulrike Meinhof ist trotz ihres Widerstandes gezwungen zu schlingen, dann verschwindet ihr Kopf, und sie verstummt für immer. Vor ihr tanzt eine Frau, die der Völlerei fröhnt, begleitet von Bewegungen wie beim Liebesakt. Der Konsum ist eine orgasmische Orgie. Parallel zu dieser Szene wird permanent die Geige projiziert, die neben der Schreibmaschine die Szenenwechsel kennzeichnet.

Dann kommt der von der deutschen Bevölkerung so geliebte Show-Master (eine Art Gottschalk) und sagt: Es lebe Klaus Staeck!(x)und tanzt mit der alternden Ulrike Meinhof, es erscheinen Vertreter der deutschen Show-Welt im schlechtesten Sinne, z.B. Heino, und danach tritt das Publikum ein. Der Show-Master singt das Lied "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse" (nach der deutschen Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung. Das Publikum tritt mit Transparenten heraus, und der Text besagt: "Deutschland Einig Vaterland", ein doppelsinniger Slogan, der heute von Neofaschisten und Nationalisten pervertiert wird. Während sie singen, stopft Heino ihnen den Mund mit riesigen 100-DM-Scheinen. Mit dem Schein im Mund räumen einige dann den Abfall weg, die anderen halten die Transparente mit denen, die dann auch den Müll wegräumen, und andere tanzen. Mittendrin schreibend die militante Ulrike Meinhof 1. Zwei als Nazis kostümierte Schauspieler, Hitler und Stalin, tanzen in Uniform und bayrischer Lederhose, Heino singt der alternden Ulrike Meinhof "Enzian so blau, so blau", einen simplen Lobgesang auf die Alpen und ihre Schönheit, während die militante Ulrike Meinhof 1 Flugblätter in die Luft wirft.

Ein anderes Kitsch-Lied "Ganz in Weiß" von Roy Black, stellt die Mythisierung der Trauungszeremonie im weißen Kleid dar. Die alternde Ulrike Meinhof wird weiß gekleidet, und man gibt ihr rote Nelken, während die militante Ulrike Meinhof 1 erneut Flugblätter in die Luft wirft. Dann singt Katja Ebstein "Es war einmal ein Jäger" und sagt ihr "Im Leben geht mancher Schuß daneben". Diesem Lied folgt jenes von den "Löchern aus dem Käse", alle tanzen, auch ein Onkel Sam mit seinem Zylinder, der die Allmacht und den Sieg des Kapitals darstellt, wobei gleichzeitig die verschiedenen McDonaldsschilder in Leuchtschrift projiziert werden, wie man sie in derartigen Restaurants findet.

Die zweite Etappe beginnt mit der Darstellung von Ulrike Meinhof 2 zusammen mit Klaus Rainer Röhl (Joachim Siska) in ihrer aktiven Zeit, noch in ihren Kontakten mit der Bourgeoisie, Hamburgs Schick mit seinen Pelzen und seinem Snobismus wird gezeigt. Nach und nach beginnt sich ihre Wandlung und ihre Entfernung vom bürgerlichen Milieu zu vollziehen.

Die absolute Gleichgültigkeit und die politisch-soziale Unsensibilität dieses Umfelds manifestieren sich in einem Lied von Marylin Monroe, "I wonna be loved by you" (aus dem Film "Manche mögen's heiß"), wobei sie gleichzeitig einen toten Vietnamesen über eine Mauer hebt. Ulrike Meinhof sucht jetzt die Agitation auf der Straße: Proteste und Demonstrationen, sie verteilt Pamphlete und Flugblätter.

Ihr Weg wird gekennzeichnet von der deutschen Gesellschaft, die dargestellt wird von zwei Figuren (einer Frau und einem Mann) von monströser Fettleibigkeit, die einen bayrischen Federhut tragen. Sie sind wie zwei Michelin-Figuren, die Ulrike Meinhof 2 vergewaltigen.

Ulrike Meinhof 1 verabschiedet sich von ihrem bürgerlichen Leben (sie sammelt ihre traditionelle und jugendliche Kleidung ein) und kapituliert im Hinblick auf schriftliche Agitation (Sie setzt sich die Zeitschrift Konkret als Hut auf und steckt sich eine Kerze als Stöpsel in den Mund.).

In der dritten Etappe brennt die Welt von Konflikten (es werden Feuerflammen projiziert), währenddessen tanzt die restaurative und zufriedene Gesellschaft Wiener Walzer, und Baader (Gernot Flischling) und Ensslin (Pearl Potts-Seppanen) erscheinen und beginnen, Ulrike Meinhof 2 von der Notwendigkeit der Gewalt zu überzeugen (wieder Flammen). Symbolisch bietet ihr Baader einen Revolver und eine Schere. Er schießt den ersten Schuß ab, und sie zerschneidet ihre Kleidung, das heißt, sie bricht mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem Rechtsstaat. Hier greift die alternde Ulrike Meinhof ein und versucht, den Irrweg zu verhindern. Die Bourgeoisie versucht erfolglos, Ulrike Meinhof 2 zurückzugewinnen, und verstößt sie (sie spucken sie an).

Ulrike Meinhof 1 und 2 werden zu einer und gehen in den Untergrund. Der Staat reagiert mit Gewalt und Barrikaden, er beginnt zu versuchen, die Gesellschaft von Terroristen zu befreien, Gefängnisse werden gebaut.

Die folgenden Szenen zeigen den Leidensweg von Gefängnis und Isolation, wie die Enttäuschung und Verzweiflung über die Impotenz des Wortes und auch der Aktionen. Die bürgerliche Gesellschaft beginnt aufzuatmen, es werden typisch bürgerliche Möbel aufgestellt (aus Samt), und es wird ein weiteres Kitsch-Lied gesungen: "Auf dem Pfad blüht weiß der Jasmin/Schmetterling im Sonnenschein/ O Butterfly/ jeder Tag mit Dir war so schön".

Die Polizei transportiert die Gefangenen mit großen Fleischerhaken, an denen man sonst Fleisch aufhängt, woran die eigenen Genossen von Ulrike Meinhof 2 diese erhängen. Während die Schickeria das Schauspiel betrachtet, ermorden die Terroristen einen Bürgerlichen auf die gleiche Weise: Gewalt gegen Gewalt.

Es wird auch die psychische Folter gezeigt, der die Gefangenen ausgesetzt sind. Die Polizisten foltern sie mit großen Zangen und zwingen sie zu essen.

Während das Stahlgerüst herabsinkt, ertönen römische Zirkustrompeten, um die absolute Isolation und den Triumph gegen die Terroristen zu symbolisieren, begleitet von der bis heute verbotenen Strophe der deutschen Nationalhymne "Deutschland über alles in der Welt", gesungen von Heino.

Die Meinhof 1 schneidet sich die Zunge ab und die Meinhof 2 wird in einen Plastiksarg gelegt und wie eine Mumie erstarrt, und die Strophe "Deutschland über alles/Deutsches Vaterland" erklingt weiter, begleitet von der deutschen Fahne.
 

Anmerkung (x): Diese Bemerkung ist ein Widerspruch, denn Staeck ist ein linker Karikaturist und der von den deutschen rechten Parteien am meisten gehaßte. (zurück)

Text aus: ALFONSO DE TORO, DIE WEGE DES ZEITGENÖSSISCHEN THEATERS: ZU EINEM POSTMODERNEN MULTIMEDIA-THEATER ODER DAS ENDE DES MIMETISCH- REFERENTIELLEN THEATERS?
Uni-Leipzig