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Günter Langer

Die Ebenen der Politik

Viele Anstrengungen werden zur Zeit unternommen, die Geschichte der Linken neu zu rekapitulieren, ihre Stärken, aber insbesondere ihre Schwächen aufzuarbeiten. Ohne Verständnis des Vergangenen können weder die Erfolge noch die Niederlagen und damit auch nicht die Perspektiven der Linken für die Zukunft beschrieben werden. Einige Ex-Linke versuchen derzeit eine Neuinterpretation und eine Neubestimmung ihrer Positionen in den Medien, aber auch auf der Straße vorzutragen. Herausragende Namen dabei sind Horst Mahler und Bernd Rabehl, die sich auf völkische bzw. nationalrevolutionäre Politikansätze kapriziert haben.

Eine eher "zentristische" Variante des Politikverständnisses vertritt SPD-Berater Tilmann Fichter, dem fälschlicherweise von einigen autonomen Hitzköpfen ebenfalls nationalrevolutionäre Tendenzen unterstellt werden. Kürzlich stellte er sie seinen ehemaligen SDS-GenossInnen vor. Seine Erkenntnis aus langjähriger Beobachtung politischer Veränderungen ist geronnen zu einem Modell der vier Ebenen: Region, Nation, Europa, Welt. Diese vier Ebenen müßten seiner Meinung nach von "der Linken" gleichermaßen wichtig genommen werden. Würde eine dieser Ebenen vernachlässigt, bestünde immer sofort die Gefahr der Überbetonung oder, schlimmer noch, die Gefahr der Verabsolutierung bestimmter politischer Ziele auf Kosten anderer. "Die Rechte" bspw. neige dazu, die Nation über alles zu stellen. Sie laufe damit Gefahr, den internationalen Zusammenhang zu vernachlässigen. "Die Linke" sei internationalistisch geprägt und erkenne häufig nicht die Relevanz der Nation für die Herausbildung der Interessen einer gegebenen Bevölkerung.

Auffällig hierbei ist die von ihm erfolgte Abstraktion von Klassenstrukturen, aber auch die Nichtbenennung der "niedrigsten" Ebene, der Individuen, der Menschen, der Frauen und Männer, der Kinder und Jugendlichen. Eine weitere wichtige Ebene fällt ebenfalls aus dieser Betrachtung heraus, die Ebene des Geschlechterverhältnisses. Er anerkennt die Bedeutung dieser Ebenen, es gelingt ihm aber nicht, sie in sein Balancemodell zu integrieren. Ebenso gibt er zu, daß gerade in Deutschland die Nation als gefährliche Entität zu begreifen ist, mit der deshalb sehr sorgfältig umgegangen werden müsse. Ökonomie und Ökologie sind von ihm zu Recht erst mal außen vor gelassen worden. Diese sind ja nicht die Subjekte der Geschichte, sondern stellen sich erst als Resultate und damit ggf. als Probleme der menschlichen Tätigkeit und ihrer Organisierung her.

Vertreter des linken kulturrevolutionären Flügels, wie die der Frankfurter Schule verbundene Heide Bernd, wie Kommunegründer Rainer Langhans, oder die ehemaligen Haschrebellen wie der Autor selbst, sehen in der Überbetonung des Kollektivs jedweder Machart die Scheidelinie zur emanzipativen Politik. Dies unterscheidet sie auch grundlegend von sogenannten "rechten Kulturrevolutionären" (wie Reinhold Oberlercher), die mit Hilfe einer geistigen Neubesinnung eine Renationalisierung in Deutschland anstreben, das Deutsche Reich wieder herstellen wollen. Die linken Kulturrevolutionäre fühlten sich schon in den 60igern unmittelbar mit der Free Speech Movement in Berkeley, Kalifornien, mit der Students for a Democratic Society (SDS), mit den Hippies, mit dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), mit den Black Panthers, mit der Bürgerrechtsbewegung der USA insgesamt, mit der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung der USA verbunden. Sie hörte viel amerikanische Musik, konsumierte amerikanische Filme und übernahm amerikanische Methoden des Protests. Sie trat für "Make Love Not War" ein, für die freie Liebe, sie gründete wie ihre US-Genossen Kommunen, sie kritisierte zusammen mit ihren amerikanischen Freunden die imperialistische Politik der herrschenden Klasse in den USA, insbesondere den Krieg in Vietnam, ließ sich aber nicht gegen einzelne US-Bürger oder gegen das amerikanische Volk aufhetzen. In diesem Sinne war sie alles andere als antiamerikanisch. Die kulturrevolutionäre Linke kennt keine "Hauptfeinde", keine feindlichen Nationen, keine überfremdenden Ethnien, sie ist individuell, universell, kosmopolitisch, internationalistisch. Die Feind-Label bleiben den anderen Fraktionen vorbehalten, die sich unter anderem auch deshalb bis heute in einer Kontinuität des nationalrevolutionären Antiamerikanismus sehen, wie Rabehl, Oberlercher und Mahler. Um die Sollbruchstelle zwischen diesen verschiedenen Tendenzen besser verstehen zu können, ist ein Blick in die gemeinsame Geschichte der Protagonisten dieser verschiedenen Strömungen hilfreich.

Im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), dem Kerntrupp der 68iger Außerparlamentarischen (APO-) Revolte, wurde seinerzeit traditionalistischerweise die Arbeiterklasse, nach Marx das Proletariat, als bewegende und verändernde Kraft im Klassenkampf gesehen, die unter den richtigen Bedingungen den Kapitalismus zugunsten des Sozialismus eines Tages überwinden würde. Die antiautoritären Erneuerer stellten die grundsätzliche Bedeutung des Klassenbegriffs nicht in Frage, versuchten aber eine Neudefinition zu finden. Michael Mauke bspw. prägte den Begriff des Lagers, das mehr umfaßte als "das Proletariat". Den Nachweis für die Existenz einer revolutionären Potenz dieses Lagers gelang ihnen aber nicht. Erst mit dem Pariser Mai und den Ereignissen in Italien oder den "Septemberstreiks" in der Bundesrepublik trat "das Proletariat" vermeintlich erneut ein in eine kapitalismustranszendierende Phase. Die verschiedensten K-Gruppen, aber auch einige arbeiterorientierte Rätesozialisten bzw. Spontigruppen, zimmerten aus dieser kurz aufblitzenden Option ihre Legitimation.

Mit dem situationistischen Einfluß der nach Berlin gewechselten Münchener Genossen (z.B. Dieter Kunzelmann) gewann dagegen die Überlegung Raum, wie sich der einzelne Mensch antizipativ verhalten, wie sich der Revolutionär selbst revolutionieren könnte. Diese Idee war im Rahmen des Berliner SDS neu und, wie sich herausstellen sollte, barg sie Sprengstoff in sich. Neben der moralischen Empörung gegenüber dem Krieg der USA in Vietnam und anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt, konnten so auch die eigenen Defizite thematisiert werden.

Die Psychoanalyse, die Schriften von Wilhelm Reich u.a. wurden in den Diskurs aufgenommen. Nach dem Vorbild von K1 und K2 wurden Dutzende von Kommunen gegründet, die Jugendrevolte wurde entdeckt, die Subkultur in einem neuen Licht gesehen etc. Auf dem Kongreß "Wie weit flog die Tomate?" im Herbst 1998 wurde von den ehemaligen Protagonistinnen der neuen Frauenbewegung die Bedeutung gerade dieses Ansatzes für die Neuherausbildung des Feminismus in Deutschland gewürdigt. Wenngleich der Impetus hierfür hauptsächlich von Männern getragen wurde, so führten sie aus, ermöglichte er es den Frauen, diesen Ball aufzugreifen und für sich nutzbar zu machen. Ohne diese theoretische Neubesinnung hätte es vielleicht keinen Weiberrat, keine Revolte "der Frauen" so im SDS gegeben.

Auch das Infragestellen althergebrachter Erziehung konnte im Zuge dieser Umorientierung erfolgen. Antiautoritäre Erziehung, Kinderläden, repressionsfreie Schulmodelle wurden so definiert, gegründet und erdacht. Selbst für den "Marsch durch die Institutionen" taugte die Idee der Antizipation herrschaftsfreier Verhältnisse. Bürokratische Strukturen ließen sich auf dieser Grundlage unmittelbar angreifen, Reformen zugunsten der Menschen reklamiert werden. Mieterkampagnen, Häuserkampf, Öko- und Friedensbewegung konnten auf dieser Basis entstehen, selbst die Schwulenbewegung munitionierte sich aus ihr. Traditionsrevolutionäre sahen hierin das Abgleiten in den kruden Reformismus. Sie übersahen dabei die Nichtexistenz der revolutionären Situation in den Hauptländern des modernen Kapitalismus (trotz Paris oder Mailand). In ihren Augen dient jeglicher Reformismus nur der Systemstabilisierung. Die konkrete Lebenssituation der einzelnen Menschen ist für diese Auffassung zweitrangig, erst muß der Kapitalismus abgeschafft werden, danach wird sich alles andere ändern.

Wenn Rabehl heute bei jeder sich bietenden Gelegenheit behauptet, die 68iger Bewegung habe versagt, die Ziele seien nicht erreicht, die Revolution nicht durchgeführt worden, stimmt das für das traditionalistische Modell des Klassenkampfs, der Kapitalismus konnte nicht gestürzt, die Rätedemokratie nicht eingeführt werden, es stimmt aber nicht für den Subversionsansatz, der sich ab 1965/66 im Berliner SDS Schritt für Schritt durchzusetzen begann. Konservative Kritiker der 68iger Revolte, wie Günter Rohrmoser und in seinem Gefolge auch die Neonationalrevolutionäre Mahler und Rabehl, werfen gerade das dem SDS vor. Für diese Leute hat 68 gesiegt und heute müsse Deutschland unter den Folgen der durch die damalige Revolte verursachten "Schäden" leiden. Die Familie sei zerstört worden, der Hedonismus sei übermächtig, Drogen gesellschaftsfähig gemacht, die Nation praktisch den von außen wirkenden Mächten preisgegeben, die Wehrkraft zersetzt worden. Wenn heute ein Pennäler versagt, sind wie selbstverständlich "die 68iger" schuld. Wenn heute Skins in Solingen oder anderswo Ausländerheime anzünden, sind's "die 68iger" usw. Das alles hätte "ihren Ausgang bei der Kommune I und der Frankfurter Schule" genommen, so Mahler heute, sie hätten in ihrer "Bewegung zur atomistischen Revolution (Nietzsche)" einen Beitrag für den "Kosmopolitismus, dessen Wahrheit der Globalismus, also die Despotie der Spekulanten ist", geleistet.

Gerade weil Rabehl ("Die Frage nach der richtigen Anwendung der Methode des Marxismus-Leninismus muß aufgeworfen werden", 1970) und Mahler ("Ich habe stets - auch als RAFler - die marxistisch-leninistischen Denkgewohnheiten gepflegt", 1999) sich mit ihrer traditionell einseitig kollektivistischen Auffassung damals im Berliner SDS letztendlich nicht durchsetzen konnten, sie wurden durch die kulturrevolutionären Elemente einfach hinweggespült, ist es auch völlig falsch, der damaligen Bewegung "nationalrevolutionäre" Ziele unterstellen zu wollen, wie sie das derzeit fälschlicherweise tun. Weder Rabehl noch Mahler haben sich jemals als Kommunarden begriffen oder gar sich in sie eingereiht. Als die K1 gegründet wurde, hat sich weder Rabehl noch Rudi Dutschke an ihr beteiligen wollen, obwohl sie bei den Vorbereitungstreffen anfänglich mitdiskutiert hatten. Mahler gründete später lieber die RAF, als sich in den antiautoritären und kommuneartigen "Blues" einzureihen.

68 hat sich demnach ein neuer Politikbegriff herausgebildet, der zeitweilig erfolgreich war. Der Zusammenbruch des Realsozialismus und seiner Parteigänger in diversen K-Gruppen hat die Notwendigkeit, an diesem neuen Politikbegriff weiterzuarbeiten, überdeutlich werden lassen. Der "Verrat" von Rot-Grün liegt nicht in der Aufgabe sozialstaatlicher oder anderer traditionell-progressiver Ziele, sondern in der Mißachtung der positiven 68iger Erfahrung, er liegt in der etatistischen Denkweise, bei den nach rechts konvertierten MLern und Kollektivisten darüberhinaus in der Einführung der ethnisch-völkischen Ideologie und der daraus resultierend angedrohten Praxis.

Berlin, 6.6.1999