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aus Konkret Nr. 6/98 

Lauter blinde Flecken


Gerhard Scheit

Die Frankfurter Schule hat auf die Apo viel weniger Einfluß gehabt, als die 68er-Mythologen glauben. Nur Hans-Jürgen Krahl hat aus der Kritischen Theorie Schlüsse gezogen, die, wären sie politische Praxis geworden, den Umschlag der Studentenbewegung in eine nationalistische und antisemitische Veranstaltung vielleicht verhindert hätten

 

Gefragt,  was denn die Studentenbewegung 67ff. eigentlich war, antwortet der ehemals Bewegte mit der Aufzählung verschiedenster Über- und Verwerfungen: gegen den Vietnam-Krieg, gegen die Springer-Presse, gegen die eigenen Väter...; dazu macht er eine Bewegung mit den Armen, um die einstige Demonstrationskette zu beschwören (von Unbedarften leicht als Einladung zum Schunkeln mißzuverstehen). Es sind Verwerfungen, die er heute nicht mehr auf den Begriff zu bringen vermag - und die Bewegung mit den Armen erscheint als hilfloser Versuch, diesen Zusammenhang doch noch herzustellen. Damals hatte er zumindest noch eine Ahnung davon: Wir sind gegen das Ganze - denn dieses Ganze ist das Unwahre.

Dieses »Wir« war erstaunlich selbstreflexiv. Rudi Dutschke sprach von »Zwischenlage« und »temporärer Subversiv-Stellung«: Der Autorität des Vaters entronnen, sei der Student noch nicht in die abstrakte Autorität der Gesellschaft integriert; den steigenden Wachstumsraten der Nachkriegszeit entwachsen, reflektiere die Studentenbewegung bereits das nahende Ende des Wirtschaftswunders. Das Bedürfnis, die eigene Lage und die Voraussetzungen der eigenen Kritik zu begreifen, welches nicht zuletzt auch das Interesse an der Psychoanalyse speiste, ist offenkundig durch die Frankfurter Schule geweckt worden: Sie war die Flaschenpost aus der Zeit, als die Weltrevolution scheiterte und die deutsche Revolution siegte, aus der Zeit, als die Arbeiterklasse im nationalsozialistischem Staat aufging und die Juden vernichtet wurden. Aber die Studenten konnten den fremden und eigenartig verschlüsselten Text dieser Flaschenpost kaum verstehen und rätselten über seine Bedeutung. Aus diesem Herumrätseln entwickelten sie schließlich ihre eigenen Theorien.

Staunen und Selbstreflexion währten allerdings nur kurze Zeit. Die Texte von Hans-Jürgen Krahl, die ein Jahr nach seinem Unfalltod 1970 unter dem Titel Konstitution und Klassenkampf publiziert worden sind, lassen diese kurze Phase vollends als bloßen Augenblick der Studentenbewegung erscheinen. Genau zwischen dem situationistisch motivierten Aktivismus der Subversiven Aktion und der stalinistisch inspirierten Versteinerung der K-Gruppen stehend, hat Krahl in hastigen Zügen - es handelt sich um Programmentwürfe, Seminararbeiten, Reden, Schulungsmaterial - Fragen aufgeworfen, die heute unter dem ideologischen Schutt der siebziger und achtziger Jahre erst wieder freigelegt werden müssen.

Sie vor allem lassen erkennen, daß auch die vielbeschworene Identifikation mit der Arbeiterklasse und den »kämpfenden Völkern« der Dritten Welt so ungebrochen nicht war. Die Ahnung, am Ende des Wirtschaftswunders zu stehen, führte jedenfalls nicht automatisch zur Gewißheit von der Wiedergeburt der revolutionären Arbeiterklasse. Die 68er haben die Organisationsstrukturen der Arbeiterbewegung nicht nachgeahmt, sondern ironisch-distanziert betrachtet oder historisiert: Die Palette reichte von den mehr oder minder tiefgründigen Provokationen der Subversiven Aktion (Böckelmann, Kunzelmann etc.) - »Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern« - bis zu differenzierten Analysen des leninistischen Parteitypus. Dessen Struktur leitete etwa Krahl aus der ursprünglichen Akkumulation ab: Der sowjetische Staat stelle »eine komplementäre Antwort auf die Notwendigkeit des absolutistischen Zwangsstaats dar, insofern es auch in jenem um die Herausbildung von Leistungsdisziplin geht«. Von hier aus kritisierte Krahl die Ontologisierung des Politischen, wie sie Lenin und Lukács betrieben hatten - ihr »entspricht in der nachrevolutionären Sowjetunion die terroristische Konsolidierung der Staatsgewalt und ihre nachstalinistische Liberalisierung: Statt des zur Verwirklichung des Vereins freier Menschen notwendigen Absterbens des Staates führt sie zum Verzicht auf das Absterben der Warenform des Produktes und der Geldform der Ware ... und der damit im Bewußtsein der Menschen als unveränderbar, d. i. als verdinglicht sich darstellenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die durch repressive Moral und Rechtsinstanzen ergänzt werden. An die Stelle der rätedemokratisch organisierten Assoziation freier Menschen tritt der ›integrale Etatismus‹.« Darum war für Krahl auch die zeitgenössische Reformbewegung des Prager Frühlings »selbst noch von der stalinistischen Verselbständigung der Staatsmaschinerie affiziert, von der sie sich befreien will ... Die Reform in der CSSR stülpte der verstaatlichten Produktion einen liberalen und demokratischen Überbau auf ... unverstanden bleibt, daß der Kommunismus nach Marx und Engels auf die ›Produktion der Verkehrsform selbst‹ zielt, in der das wertsubstantielle Produktionsverhältnis abstrakter Arbeit, das die privatarbeitenden Produzenten gegeneinander isoliert, auf dem Wege revolutionär erkämpfter Vergesellschaftung zugrunde geht.«

Die Wertkritik,  die sich bei Adorno geradezu aphoristisch eingekapselt in der Kant- und Hegel-Lektüre oder in ästhetischen Untersuchungen verschiedenster Art fand, wurde von Adorno-Schülern wie Krahl oder auch Hans-Georg Backhaus entfaltet und gab den Anstoß zu einer neuen, begrifflich genauen Marx-Lektüre: »Adornos mikrologische Darstellungskraft«, so Krahl selbst über seinen Lehrer, »förderte aus der Dialektik von Warenproduktion und Tauschverkehr die verschüttete emanzipative Dimension der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zutage, deren Selbstbewußtsein ... den marxistischen Wirtschaftstheoretikern der Gegenwart zumeist verlorengegangen ist. Adornos wesenslogische Reflexion auf die Kategorien der Verdinglichung und Fetischisierung, der Mystifikation und zweiten Natur, überlieferte das Emanzipationsbewußtsein des westlichen Marxismus der zwanziger und dreißiger Jahre, Korschs und Lukács', Horkheimers und Marcuses, wie er sich in Opposition zum offiziellen Sowjetmarxismus ausbildete.« Der verschwiegene Fluchtpunkt von Adornos negativer Dialektik wurde nun zur Zentralperspektive der Gesellschaftskritik gemacht: »Der Wert«, so Krahl, »ist das Absolute, weil im Wertbegriff abstrahiert ist vom konkret arbeitenden Subjekt und vom konkret bearbeiteten Objekt.« Mit dem Wert als »daseiender Fiktion« ist die »Kategorie der abstrakten Arbeit als die Basiskategorie der bürgerlichen Gesellschaft« gesetzt. »Die Bewegung des Kapitals vollzieht sich in der Zeit, und doch ist sie eine Bewegung, die immer nur das Identische, nämlich den Tauschwert und den Mehrwert als Identitätskategorien hervortreibt. Diese Bewegung ist geschichtslose Geschichte.«

Wie aber aus dieser geschichtslosen Geschichte ausbrechen, wenn der Totalitätsbegriff nichts anderes als den Zwangszusammenhang der abstrakten Arbeit reflektiert; wenn die eigenen Begriffe mit jenen realen Abstraktionen identisch sind, die es zu bekämpfen gilt? Es war die Praxis, die zum Lösungsmittel jedes Problems, zur Befreierin aus den Nöten der Kritik werden sollte: »Aus dieser Bewußtseinsimmanenz ist Marx zufolge nur herauszukommen, wenn gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen werden, in denen Kategorien wie der Wert nicht mehr herrschen, wenn sich die Abstraktionsstruktur des Denkens selber verändert.«

Doch Krahl war konsequent genug zu erkennen, daß eben jenes Problem in der Praxis wiederkehrt: Wenn der Leninsche Parteitypus nur das Spiegelbild des absolutistischen Staats war, welche Organisation entspricht dann den Bedingungen des Spätkapitalismus und überwindet sie zugleich? Und er übernahm auch hier nicht die Antworten des Marxismus, sondern die Fragen - etwa von Lukács: »Wie kann das Reich der Freiheit in einer kommunistischen und durchaus autoritären Organisationsform antizipiert werden? ... Für uns im SDS stellt sich z. B. die Frage, wie ist es möglich, eine Organisationsform herauszubilden, die unter den Bedingungen des Zwanges und der Gewalt sowohl autonome Individuen herausbildet, als auch solche, die zu einer bestimmten disziplinären Unterordnung unter die Erfordernisse des Kampfes und unter die Bedingungen des Zwanges fähig sind. Dieses Problem ist völlig ungelöst.«

Gelöst schien allerdings - für Krahl wie für Dutschke - das Fortschrittsproblem: Gewalt und Zwang seien mittlerweile nur noch dazu da, eine historisch überholte Ordnung am Leben zu erhalten, da doch der Kapitalismus sich gewissermaßen selbst überflüssig gemacht habe - kraft des Wertgesetzes, das sich in Gestalt des stets wachsenden Teils des konstanten gegenüber dem variablen Kapital durchsetzt: »Die repressive Verinnerlichung von Surplus-Normen in der spätkapitalistischen Gesellschaft ist geschichtlich überflüssig; Abschaffbarkeit der Arbeit ist aus der Dimension der Utopie in den Bereich der objektiven Möglichkeit gerückt.« Deshalb bedürfe der Staat des Spätkapitalismus der Gewalt und der »Manipulation« - und die Studenten können sich, so Dutschke und Krahl, als »revolutionäre Bewußtseinsgruppen« begreifen, »die auf der Grundlage ihrer spezifischen Stellung im Institutionswesen eine Ebene von aufklärenden Gegensignalen durch sinnlich manifeste Aktion produzieren könnten«. Durch irreguläre Aktionen könne den passiven und leidenden Massen »die abstrakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewißheit werden«.

Der Manipulationsbegriff beruhte auf dem falschen Fortschrittsbegriff:  Wenn der Staat wieder autoritär wurde und immer »manipulativer«, so sah man darin doch nur ein bloßes Rückzugsgefecht, da das Wertgesetz eben von selbst und ganz allein die Notwendigkeit der Disziplinierung aufhebe. »Noch werden die Menschen durch ein System von Konzessionen bei der Stange gehalten« (Dutschke). Doch schon stehen die Bewußtseinsgruppen bereit, sie aufzuklären - darüber, daß die Arbeit nicht mehr nötig sei und daß das Kapital ohnehin keine Gebrauchswerte mehr produziere. Im selben Maß, in dem die Staatsgewalt in ihren Reaktionen auf die einfachen Gegensignale und die einfallsreichen sinnlich erfahrbaren Aktionen manifest wurde, dabei aber - entgegen den Erwartungen - die Menschen nur um so fester an sich band, steigerten sich die Gegensignale zur sinnlichen Erfahrbarkeit terroristischer Aktionen.

Bei dieser Steigerung aber erledigten die militanten Gruppen nun auch im Handstreich alle für Krahl noch ungelösten Probleme: Dessen Kritik am Leninschen Parteitypus wurde fallengelassen, man lauschte nur mehr den Worten des großen Vorsitzenden. So gesehen verknüpfte die RAF den schlechten Fortschritts- und Manipulationsbegriff der antiautoritären Phase mit dem schlechten autoritären Parteibegriff des traditionalistischen Flügels des SDS, der K-Gruppen und der DKP. Allein die neuformierte Frauenbewegung bewahrte - zwischen allen Fronten stehend - etwas vom subversiven Geist. Vor dem unreflektierten Rückgriff auf Lenin und der Kostümierung der »Bewußtseinsgruppen« als Arbeiterparteien und Volksfrontorganisationen hatte Krahl übrigens ausdrücklich gewarnt: Der SDS gerate in »Gefahr, sich blindlings in einer verschwiegenen Orthodoxie zu verstricken und in eine undurchschaute Tradition des verzerrten Klassenkampfs zurückzufallen«. Der »Versuch, die Revolution mit den überlieferten Kategorien des Klassenkampfs zu artikulieren«, drohe »die Prinzipien der revolutionären Emanzipation zu ersticken«. In Maos Lehren, die da bereits als Fetisch verehrt wurden, erkannte Krahl den verdinglichten sowjetischen Marxismus wieder und versuchte, »die Projektion der Theorie Maos in die westeuropäischen Köpfe derjenigen, die sich M-L nennen«, zu verhindern. Die frischgebackenen Marxisten-Leninisten nannte er treffend »kontemplative Dogmatiker«, »denen die allgemeinen Sätze Maos den Zugang zur Erkenntnis ihrer kapitalistischen Umwelt verstellen«, wobei der »geschlossene Kanon systematischer Sätze« der »streng disziplinierten Organisation« entspreche.

Krahl hat den blinden Fleck, der für die Versteinerung der Linken ebenso wie für jenen falschen Fortschritts- und Manipulationsbegriff die Voraussetzung bildete, förmlich umkreist - und zwar in direkter Auseinandersetzung mit seinem Lehrer. Im Gegensatz zu der in der bundesdeutschen Linken gängigen Gleichsetzung von Auschwitz mit allen Übeln »imperialistischer« Herrschaft, fand er sich hier in einem wirklichen Dilemma: Einerseits sah Krahl den Zusammenhang zwischen der Faschismus-Erfahrung und der negativen Ontologie im Denken Adornos und ahnte, daß der Nationalsozialismus die Entfaltung des »Totalitätsbegriffs« als negativer Kategorie unumgänglich werden ließ; andererseits versuchte er, diesen Ursprung der negativen Dialektik aus dem eigenen Denken zu verbannen und behauptete - wie um sich vor einem Gedanken zu schützen -, daß »die Erfahrung des Faschismus auch Erkenntnisgrenzen gesetzt« hätte, die von der Studentenbewegung nun leichten Fußes überschritten werden könnten. Mit andern Worten: Krahl versuchte, Auschwitz geschichtsphilosophisch auszuklammern, indem er es zum schlechthin Zufälligen erklärte, »insofern zwar der Faschismus insgesamt aus den ökonomischen Naturkatastrophen der kapitalistischen Entwicklung erklärbar ist, aber Auschwitz nicht aus der kapitalistischen Akkumulation erklärbar ist. Ich glaube, daß sich das gewissermaßen selbst noch der logischen Unvernunft des kapitalistischen Geschichtsverlaufs widersetzt hat: Auschwitz ist der Begriff von Kontingenz, den Adorno in den Geschichtsverlauf eingeführt hat, Kontingenz selbst noch gegenüber der politischen Ökonomie.«

Diese Erkenntnisschranke, diese Kontingenz mußte Krahl behaupten, um am Fortschrittsgedanken, an der absoluten historischen Notwendigkeit, festhalten zu können. Der ewige Vorwurf, der Adorno gemacht wurde, daß er vor der Praxis zurückschrecke, hatte hier allerdings seine Legitimation verloren. Adornos Skepsis ist berechtigt, solange die zur Praxis Entschlossenen gewillt sind, ihre Vorstellung von Fortschritt und Politik gegenüber Auschwitz abzuschirmen, indem sie es entweder jenseits der politischen Ökonomie oder als beliebige Metapher für Imperialismus entsorgen. Die Skepsis nämlich gründet auf der vernünftigsten Angst, die sich denken läßt: Angst vor den Deutschen - vor einem Staat, der sich erneut in einen deutschen Volksstaat verwandeln kann.
 

Das war das eigentliche Problem  der bundesdeutschen Studentenbewegung und ihrer Beziehung zur Frankfurter Schule - nicht der von Habermas bereits aus liberaler Perspektive gemachte Vorwurf des »Linksfaschismus«. Dieser blinde Fleck, der in der antizionistischen Wende nach dem Sechs-Tage-Krieg bereits antisemitische Konturen gewann, mußte auch Jean Améry zutiefst beunruhigen, der sich darum auf Habermas' Seite schlug. Freilich hat auch Adorno selbst einiges dazu beigetragen, das Problem zu verwässern: Er hat seine Scheu vor der Praxis - wohl in Rücksicht auf seinen gesellschaftlichen Status in Deutschland - kaum je konkret begründet und umgekehrt Auschwitz des öfteren als eine Art Gleichnis - etwa für Vietnam - verwendet.

Im Unterschied zu Krahl und zum Frankfurter SDS orientierte sich Dutschke von Anfang an weniger an Adorno und Horkheimer als an Bloch und Marcuse, für die - wie Jürgen Elsässer jüngst in der »Jungle World« (17/98) richtig schrieb - »die Analyse des Nationalsozialismus und seiner Hinterlassenschaft nur eine marginale Rolle spielte«. Einem von Blochs Prinzip Hoffnung dynamisierten DDR-Nationalismus entsprach Dutschkes Auffassung, daß es »um gerechtere Formen menschlichen Zusammenlebens in Deutschland« gehe; er forderte 1968 in Deutschland die »Herrschaft des Volkes« statt der herrschenden »Großen Koalition der Parasiten und Blutegel« und übersetzte Manipulation auch einmal mit »Volksverhetzung«. Schon damals träumte er - ähnlich wie Wolfgang Harich ein Jahrzehnt davor - von der »zukünftigen Wiedervereinigung Deutschlands« auf der Basis einer erneuerten Rätedemokratie.

Das deprimierendste Sinnbild der deutschen Linken bot Dutschke, als er nach dem Attentat seinem Attentäter verzeihend gegenübertreten wollte: »Warum wurdest Du und wirst Du und mit Dir die abhängigen Massen unseres Volkes ausgebeutet ... ? ... Die wenigen Tage der deutschen Revolution von 1918 haben den Massen den 8 Stunden-Tag erkämpft - 50 Jahre später muß unser ganzes Volk, um sich erhalten zu können, genauso sich quälen wie eh und je ...« Das Opfer fühlte sich später auch offiziell in den Täter ein: Dutschke sprach 1974 in KONKRET von »sozialistischem Rückschritt«, wenn die DDR den Begriff der deutschen Nation aus der Verfassung eliminiere. »Unsere bisherige deutsche Tragödie ... liegt gerade darin, daß wir uns von ›oben‹ oder von den ›anderen‹ haben bestimmen lassen. Der Begriff der Selbstbestimmung ist bei uns noch immer auf einem unterentwickelt gehaltenen Niveau. Deshalb ist eine befreiende und nicht mehr reaktionär verklärende Identitätsfindung mit unserem Land bisher besonders schwer gewesen.« Dabei entsprach Dutschkes Entwicklung ganz dem linken Mainstream nach 68 - von den K-Gruppen bis zur DKP, von den letzten linken Sozialdemokraten bis zu den ersten Grünen. In der Erklärung des ZK der KPD/ML zur nationalen Frage »Deutschland dem deutschen Volk« von 1974 hieß es beispielsweise: »Wir schöpfen aus der psychischen Wesensart des deutschen Volkes, wir schöpfen aus seinem Arbeitsfleiß und seinem Ordnungssinn, aus seinem wissenschaftlichen und künstlerischen Genie, das unser Volk so oft bewiesen hat und das den Ruhm der deutschen Nation begründet ...«
 

Was als blinder Fleck  in der antiautoritären Phase der Studentenbewegung begonnen hatte, wuchs sich in den siebziger Jahren zu einem monströsen nationalen und antisemitischen Wahngebilde der Linken aus. Dahinter stand wohl eine verschwiegene Anpassung an den Nachsommer des Sozialstaats, das Bedürfnis zumindest, den Reichtum, der durch das »Wirtschaftswunder« im nationalstaatlichen Rahmen akkumuliert worden war, neu und gerechter zu verteilen. Die RAF und andere Organisationen, die sich unmittelbar mit gewaltsamen Aktionen gegen diesen Staat wandten, organisierten einen Ausbruchsversuch aus diesem Anpassungsprozeß, der aber dessen ideologischen Grundlagen kaum etwas entgegensetzen konnte. Er wirkte darum vor allem als ein völlig abstrakt gewordenes Symbol von Widerstand, in das jeder Sympathisierende seine individuellen Befreiungssehnsüchte hineinphantasieren konnte. »Dem Volke dienen«, forderte auch die RAF - und dies nach dem Attentat auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Ulrike Meinhof betonte zwar die Distanz zum »nationalen Befreiungskampf« und zum »Sozialismus in einem Land«, indem sie jedoch den Nationalstaat zu einer »durch nichts mehr gedeckten Fiktion« erklärte, erhielt ihre eigene Fiktion des Volks geradezu metaphysische Bedeutung. Proletariat und Ausbeuter, Volk und Bullenherrschaft stehen sich darin schroff gegenüber wie sonst nur Licht und Nacht im Manichäismus oder bei Mao; kein Gedanke wird mehr dem geschenkt, was sie verbindet: Kapitalverhältnis und nationales Bewußtsein. (Noch die jüngste Erklärung, worin die RAF ihre Auflösung bekannt gibt, zeigt das ganze Unvermögen, die Dimensionen von Nationalismus und Antisemitismus in Deutschland zu begreifen und als Dimensionen des Kapitalverhältnisses zu kritisieren. Mit der Regression des Bewußtseins hängt wohl auch der infantile Stil des Textes zusammen.)

Wer sich aber heute, belehrt vom nationalen Aufschwung nach 1989, des einstmals Ausgeblendeten bewußt wird, vermag die Fragestellungen des avanciertesten Denkens der Studentenbewegung neu aufzuwerfen - jenseits von Mao-Wahn und Habermas'scher Kommunikation: Ist die Abschaffung der Arbeit auch in den Bereich des objektiv Möglichen gerückt, so bedeutet dies keineswegs, daß die Verinnerlichung des Werts nur noch durch die Gewalt des Staates erzwungen und mittels Manipulation erschwindelt würde. Sie hat lediglich manche der alten repressiven Formen abgestreift und einen stärker subjektiven, freiwilligen, selbstbestimmten Charakter angenommen. Die Disziplinierung durch den Staat kann immer deutlicher durch subjektive Motivation sei's ergänzt, sei's ersetzt werden; das Subjekt begreift es - beinahe ohne Zwang und Disziplinierung, die nur im Notfall einschreiten - als sein innerstes Bedürfnis, die Normen des Kapitals zu erfüllen. Je weiter es aber zwangsläufig von der Erfüllung dieser Normen sich entfernt - oder auch entfernt wird -, desto mehr kompensiert es diesen Wertverlust mit nationaler Identität, die nun ebenfalls deutlich subjektivere Züge erhält (statt uniformierter SA treten unkonventionelle Skins in Aktion, statt einheitlicher nationalsozialistischer Weltanschauung bastelt sich jeder selber seinen nationalen rassistischen Wahn). Die gewachsenen Möglichkeiten, Arbeit abzuschaffen, bedeuten also, solange der Staat weiterbesteht, stets wachsende Möglichkeiten nationaler Barbarei. Ist das etwa kein Grund, das Ganze wieder als das Unwahre zu begreifen?