home

zurück

 
 

SDS-Website

 
 

Rainer und der Baum der Erkenntnis

Ein Kommentar von Karl Müller (trend/ infopartisan)

Die Schlange lockte bekanntlich Eva zum Baum der Erkenntnis, um davon zu essen. Als nun Eva und Adam davon gegessen hatten, sprach Gott: "Siehe Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist" und vertrieb beide aus dem Paradies.

Schnittstellen

Für die christliche Weltanschauung stellt sich das Verlangen nach Erkenntnis, das den christlichen Wertekanon transzendiert, als Selbstvergöttlichung dar. Seit Adam und Eva lastet diese Versuchung gleichsam als Fluch auf der Menschheit und gehört daher als "Erbsünde" abgestraft. Im östlichen Denken - exemplarisch im Zen-Bhuddismus - liegt der Fall genau umgekehrt. Die Selbstvergöttlichung ist die höchste Form menschlicher Bewußtheit, eine Form, die jenseits rationaler Begrifflichkeit individuell im Wege der Erleuchtung (Sartori) im Hier und Jetzt erfahren, erlebt, erspürt wird. Die christliche Mystik, die immer dann boomte, wenn die "Kirche" mit ihren Dogmen in der Krise war, propagierte dagegen ketzerisch die im Hier und Jetzt vorweggenomme Selbstvergöttlichung. Daher haben in ihrem Menschenbild christliche Mystik und fernöstliches Denken eine Vielzahl von Schnittstellen. Und so ist es nicht verwunderlich, daß unter gesellschaftlichen Bedingungen, die das Leben des bürgerlichen Individuum in den westlichen Metropolen heute bestimmen, solche Seins- und Sinnfragen scheinbar ihre Beantwortung in einem Gemisch aus christlicher Mystik und fernöstlichem Denken finden.

"Die Verantwortung für die Verhältnisse, für den Zustand der Welt wird wieder dem ohnmächtigen Einzelnen zugesprochen, der die Welt in sich trägt, beide zusammen also ein Ganzes bilden. Erlösung von den schlechten Verhältnissen liegt dementsprechend im Individuum selbst. ... Die Verstärkung einer verkrüppelten Subjektivität und nicht etwa, wie es schon längst überfällig wäre, die Emanzipation des Subjekts aus dem Gefängnis der gegenwärtigen Sozialstruktur, ist das Panazee dieser Lebensphilosophie." (Diktatur der Freundlichkeit, hrg.v. ISF Freiburg, 1984, S. 203)

In die Updates der letzten Jahre wurden weitere sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse - vor allem auf dem Gebiet der Individualpychologie und der Quantenphysik - in dieses lebensphilophische Konglomerat eingewoben. Den Gesetzen der Vermarktung folgend, labelte es sich fortan unter dem Oberbegriff ESOTERIK. Als Bauchladen vermuteter Gemeinsamkeiten schließt Esoterik zudem allerlei methodischen Firlefanz und Hokupokus ein , und der Marktpreis (Was kostet gegenwärtig eigentlich eine Stunde Rebirthing?) osziliiert wie der jeder anderen Ware durch Angebot und Nachfrage in seiner Höhe um den Wert der in ihr steckenden durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit.

Tabubruch

Rainer Langhans versucht in seinem taz-Interview "Es gibt nichts zu tun, packen wir's an!" vom 12.04.1989 nicht anderes, als - aufsetzend auf der biblischen Methapher vom "Erkenntnisbaum" - sich in den aktuellen spirituellen Diskurs einzubringen, um eine Nachfrage nach seinem gerade erschienenen Buch "Theoria difusa" zu stimulieren. Folglich muß er die Vorzüge seiner Weltanschauung preisen, die sich darin gefällt, anstelle einer rationalen Welterkenntnis die individuell spirituelle zu setzen. Und um die Exklusivität seines Konzepts zu unterstreichen, wird es in den Stand einer Wissenschaft erhoben: "Diese Wissenschaft ist zunächst unprogrammierbar, das macht aber nichts, wir müssen uns erst mal entsorgen von den alten Wissenschaften, d.h. wir müssen sie alle zu Schanden reiten, was ja gerade auch passiert. Dies müssen wir erkennen als das Behältnis einer neuen Utopie, einer Wissenschaft, die im Laboratorium des je eigenen Körpers beginnen muß."

Langhans war Zeit seines (politischen) Lebens ein Tabubrecher. Nichts war seinem Spott und seiner Kritik heilig. Von ihm als autoritär empfundene Strukturen, Denkrichtungen und Personen machte er - persönliches Risiko nie scheuend (Pudding-Attentat auf US-amerikanischen Vizepräsidenten, 1967) - zur Projektionsfläche seines aktionistischen Escapismus. Es sei hier vor allem an das "Klau mich"-Buch(1968) erinnert , worin die darin enthaltene Realsatire - Strafprozeß gegen Langhans und Teufel wegen der " Burn Warehouse, burn!"-Flugblätter - noch heute Lesegenuß bereitet. Für sein Verständnis von Tabubruch war es von jeher signifikant, auf solche Tabus zu zielen, die gleichsam durch den gesellschaftlichen Mainstream unhinterfragbar waren. Solch ein bundesrepublikanisches Tabu war seit den folgenlosen US-amerikanischen Reeducationversuchen "Hitler". Dies war 1989 gerade wieder unter Beweis gestellt worden, als man den Bundestagspräsident Jenniger quasi amtsenthob, weil er vom "Faszinosum Hitler" gesprochen hatte. Ziemlich zeitgleich war bei der taz Wiglaf Droste von der freien Mitarbeiter-Liste gestrichen worden, weil er sich die sprachliche Entgleisung von der "gaskammervollen" Disko geleistet hatte. Was lag näher, als unter solchen aktuellen Voraussetzungen das Tabu "Hitler" aufzugreifen, um auf sich aufmerksam zu machen? So provoziert Langhans die LeserInnen gleich zu Beginn des Interviews mit der rotzfrechen Message: "Spiritualität in Deutschland heißt Hitler." Und um das Maß voll zu machen, schiebt er als gestandener Medienpromi noch nach, daß man sich vom bisherigen "braven, ausgrenzenden Antifaschismus" zu verabschieden habe. Diese "negative Faschismustheorie" sei durch eine "positive" zu ersetzen, und zwar "im Sinne einer Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde".

Hier fielen die Wahrnehmungsjalousien bei den "Gutmenschen" runter, die sich dazu berufen fühlen, immer auf der Seite der Unterdrückten und Verfolgten zu stehen - wenn´s persönlich nichts kostet und das Antifa-Image aufpoliert. Mit zwei bis drei zusammengeklaubten Zitaten machten sie Rainer Langhans zum "Eso-Faschisten". Seine Argumentationsfigur blieb ihnen dagegen fremd und daher übersahen sie geflissentlich seine prinzipielle Abgrenzung zum politischen Faschismus: "Ich meine, daß es der Weg ist, den Hitler nicht gegangen ist: der Weg der Nichtprogramme, der Nichtphilosophie, des Unsagbaren, der Weg des ganz lokalen irdischen Tuns jedes einzelnen. Das Steigen auf den Baum kann beschrieben werden als das Hinabsteigen jedes einzelnen in sich - und dies muß ohne Programme passieren, jedes Programm macht es zur Politik, es ist wichtig, daß sich jeder dort erst mal verliert, aber kein Programm kann gewährleisten, daß er daraus wieder auftaucht oder irgendein vorhersagbares Ergebnis erscheint." (Unterstreichung von K.M.)

Spirituelle Bedürfnisse

Etwas anspruchsvollere VertreterInnen des "linken" Antifa-Genre nahmen diese Abgrenzung zwar zur Kenntnis, hielten sie aber für einen besonders gefährlichen Trick des Rainer Langhans, um nicht aus linken und alternativen Diskussionszusammenhängen herauszufallen. Auch sie begriffen nicht, daß in diesem Interview für Langhans " die Emanzipation des Subjekts aus dem Gefängnis der gegenwärtigen Sozialstruktur" (ISF) weder praktisches Anliegen noch Gegenstand von Erkenntnis ist, sondern daß er sich ausschließlich auf die sprirituellen Bedürfnisse jenes Publikum bezieht, welches zur "68er Bewegung" das gleiche narrative Verhältnis hat wie Vati zu seinen Landsererlebnissen.

Dieses Publikum, für das eine spirituelle Entdeckungsreise in Psychogruppen zu ehrlichen Preisen das dringlichste Anliegen ist, bekommt daher von Langhans die "Hausaufgabe", die es offensichtlich braucht.

Diese Leute mögen doch bitte mal untersuchen, schlägt Langhans vor, warum "sich hier ein Staat, ein Volk in einem rauschhaften Amoklauf auf eine Gottsuche gemacht hat, die alles wollte, was nur irgend an Schönem, Lichtem möglich war - und dabei in der tiefsten Hölle landet." Schließlich treibt er es auf die Spitze. Mit vollen Breitseiten haut er den Gemütskitsch raus, den es in ´zigtausend alternativen Therapie- und Psychogruppen für gutes Geld zu kaufen gibt: "..der ganze Westen ist geprägt von dieser Form der fehlgeschlagenen Gottsuche und damit der Visionslosigkeit, die hintenherum als das Verdrängte - als Umwelt-, Rüstungs-, Dritte-Welt-Problematik - wieder hereinkommt." Und weiter: "Wenn du weiter oben auf dem Baum sitzt, siehst du von weit her, was kommt, und wenn du unten sitzt, dann siehst du Dinge sehr direkt und mußt dich ängstigen... Wenn du weiter oben sitzt, siehst du den größeren Zusammenhang und du siehst: ES IST GUT." Bis er schlußendlich formuliert, was das Markenzeichen seines spirituellen Angebots ist: "Wir sollten erkennen, daß das Nichttun das wahre Tun ist, daß unser vieles Tun zerstörerisch ist, daß es ein heilendes Tun verfehlt."

Das "zerstörische Tun" enspringt - so meint Langhans - dem in der westlichen Gesellschaft vorherrschenden "männlichen Prinzip", das immer nur "projektives Machen" anstatt "Visionen" will. Mithilfe dieses Plagiats auf das Yin-Yang-Prinzip konstruiert er ontologisch ein spirituelles Verlangen nach Visionen, das das eigentliche Sein des Menschen ausmachen soll. Nach dieser Setzung muß "Hitler" für ihn denklogisch als ein Vollstrecker jenes visionären Verlangens erscheinen. Doch dieses Verlangen wurde durch Hitler pervertiert. Denn das Visionäre ist laut Langhans "... keine Sache der Philosophie, es ist keine Sache der Programme, es ist keine Sache der Politik. Ich meine, daß das wahrscheinlich die wichtigste Lehre ist, die wir aus Hitler ziehen können. Und um das Visionäre vor weiterem Mißbrauch durch die Politik zu retten: "... müssen wir uns dorthin begeben und genau anschauen, was er Großes versucht hat, das mal aufschlüsseln, um darauf zu kommen, wie er es versucht hat, wozu er sich entschieden hat und ob wir diese Entscheidungen in dieser Richtung noch einmal machen würden."

Für Langhans kann es keine Vision geben, deren Gegenstand diesseitig ist. Allenfalls existiert für ihn die folgenlose Addition individueller Visionen. Daher lehnt er "Bagwan" ebenso wie Bahros "kommunistische Kirche" ab, die die individuellen Visionen nur als Vehikel zur Konstituierung einer kollektiven Vision nutzen wollen, um damit diesseitige Projekte zu begründen. Sie müssen folglich "heil-los" bleiben. In diesem Sinne formuliert Langhans eben nicht "die Menschen wollen", sondern "Der Mensch will Gott sein."

Und weil das höhere Wesen als unendlich gilt, muß der sich selbstvergöttlichende Mensch in einen Widerspruch zu seiner individuellen Endlichkeit geraten. Zwar integrierten die Nazis den Tod in ihr "Lebenskonzept", aber diesen Widerspruch konnten sie nicht lösen, weil dieser laut Langhans eben ausschließlich im individuellen Selbstvergöttlichungsprojekt aufgehoben werden kann. Stattdessen inszenierten die rein diesseitig orientierten Nazis "Krieg, die maschinelle Vernichtung der "Untermenschen", diese ganzen fürchterlichen Schatten".

Bürgerliche Monade

Langhans will gleich Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen. "Das Steigen auf den Baum kann beschrieben werden als das Hinabsteigen jedes einzelnen in sich - und dies muß ohne Programme passieren, jedes Programm macht es zur Politik, es ist wichtig, daß sich jeder dort erst mal verliert, aber kein Programm kann gewährleisten, daß er daraus wieder auftaucht oder irgendein vorhersagbares Ergebnis erscheint."

Zu diesem Zwecke lenkt er den Blick nach innen und preist dies als individuelle Erlösung (incl. Tod als Ablösung vom Körper), die keinen andern Erlöser außer sich braucht. "Weitere Mobilisierungen und Projekte können nur dort stattfinden, wo es Fülle gibt und Raum und keine Begrenzungen - der Innenbereich." Damit glaubt er, in der klassischen Manier einer bürgerlichen Monade - nämlich mittels der Escapade Meditation, die im Kapitalismus durch die Verwertung des Werts vermittelten Entfremdungszusammenhänge zu überwinden. Kirchentreue ChristInnen dürften ihm das ebensowenig verzeihen, wie dies gestandene "Antifas" taten. Für sie ist die Selbstvergöttlichung das Markenzeichen des "faustischen Menschenbildes" (Kratz, Die Götter des New Age) und integraler Bestandteil des ideologischen Faschismus. Nur hier setzt der zentrale Irrtum ein. Langhansens Position trägt Züge des Faustischen, aber nur insoweit es um die Selbstvergöttlichung geht. Ansonsten fehlt der dafür notwendige praktische Bezug zum Diesseits. Faust wollte die realen Verhältnisse jenseits von Gut und Böse nach seinen Allmachtsphantasien umgestalten, und genau dies lehnt Langhans explizit ab. Es dürfte zudem schwerfallen in seinem spirituellen Konzept rassistische Tendenzen zu entdecken. Wenn es denn überhaupt - ideengeschichtlich betrachtet - Anknüpfungpunkte gibt, so im Zen-Bhuddismus. Und damit steht Langhans wahrlich nicht allein in einer spätkapitalistischen Gesellschaft, in der gewachsene soziale Milieus dahin schmelzen und das bürgerliche Individuum bei Strafe des Untergangs gezwungen ist, zu seinem eigenen Manager zu werden.

Daß Rainer Langhans sich bei seiner individuellen Selbstorganisation berufen fühlt, Botschaften, die mit Tabubrüchen aufwarten, zu vermarkten, mag man angreifen, weil sie angesichts des Holocaust mehr als geschmacklos sind. Aber gefährlich ist seine Position keineswegs, weil sie politisch und ideologisch folgenlos ist. Denn weder ist sie besonders orginell. Sie widerspiegelt nur das gegenwärtige Lebensgefühl vom kulturellen Ekel ergriffener mittelständischer Intellektueller. Noch beansprucht sie irgend jemanden noch irgendwas für eine gesellschaftliche Praxis zu organisieren /inspirieren. Sie affirmiert lediglich mittels autistischem Dialog gesellschaftliche Strukturen. Dies dem Langhans jedoch als "reaktionär" vorzuwerfen, wäre ein moralischer Vorwurf, der die Frage versperrt, inwieweit sich nicht in der Langhansens Position "notwendig falsches Bewußtsein" ausdrückt.

Wirklich gefährlich ist, seine ideologische Position dem Faschismus zu zurechnen. Erstens weil die Faschisten und ihre Parteigänger bei der Neuen Rechten dadurch verharmlost werden. Sie wollen die bürgerliche Demokratie nicht - wie Langhans - individuell affirmieren, sondern diese kollektiv zerschlagen, um eine modernisierte faschistische Diktatur zu errichten. Und zweitens, weil sie sehr genau erkannt haben, daß Langhans mit seinem escapistischen Individualkonzept keiner von ihnen ist und sein wird.