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Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen (Bertold Brecht)

Heinz Brandt
BRODER KÄMPFT GEGEN WINDMÜHLENFLÜGEL -
Die deutsche
Linke ist nicht antisemitisch;
schlimmer: sie ist philo-kremlistisch

Die Frage, ob es einen Antisemitismus der westdeutschen Linken gebe, wurde auf der Arnoldshainer Tagung - nach Henryk M. Broders Ahklagerede und den Begleitreferaten – ausgiebig erörtert, und meist (bedauernd) bejaht. Da mir dort nur punktuelle Diskussionsbeiträge möglich waren, möchte ich hier meine abweichende Fragestellung zusammenhängend darlegen.

Linke, Antisemitismus und das politische Koordinatensystem

Antisemitismus ist reaktionär. Rein begrifflich – leider nicht in realitas - schließen sich also LINKS und ANTISEMITISMUS aus. So erhebt sich die Gegenfrage: Kann eine antisemitische Bewegung links sein? Natürlich nicht! Doch ist unser gesamtes Rechts/Links-Koordinatensystem ohnehin historisch überholt: zumindest seit dem Aufkommen des Sowjetimperiums.

Lebten wir früher - grob schematisch gesehen - in einer globalen KAPITAL (rechts)&Arbeit(links)-Welt, so neuerdings in der gespaltenen WEST/OST-Welt mit einem westlichen und einem östlichen Rechts/Links-Koordinatensystem (die zudem einander durchdringen, modifizieren – und deformieren). Im Osten steht die NOMENKLATURA rechts (trotz gegenteiligen Anspruch), und was sich gegen sie bewegt links - entsprechend dem dortigen antagonistischen NOMENKLATUR&ARBEIT-Verhältnis: Im despotischen Sowjetimperium realisiert die Nomenklatura den Mehrwert (kollektiv und per Plandiktat) als PRIVILEG, während er im demokratischen Westen vom Kapitalisten (privat und unter Marktbedingungen) als PROFIT realisiert wird.

Trotz aller schrecklichen historischen Erfahrungen wird aber dieser tektonische Umbruch der östlichen Knechtschaftsverhältnisse, die Verwerfung der dortigen Klassenschichtungen von einem Großteil unserer Linken ignoriert. Zwar ist der Mythos der Oktoberrevolution längst verblaßt, dennoch erscheint vielen Linken die dortige nichtkapitalistische als eine fortschrittliche Gesellschaftsordnung, die wenn auch nicht wirklich, so doch ein klein wenig sozialistisch sei, mithin friedfertiger, besser als der böse "USA-Imperialismus" mit seinen "Speerspitzen" Israel&BRD.

Hermann Kant etwa und Stefan Hermlin finden bei manchen Linken hier Beifall, wenn sie den Unfug verkünden, der "Reale Sozialismus" sei der kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland um eine "Geschichtsepoche" voraus. Allerdings müssen Mauer& Minenfeld verhindern, daß die dummen Menschen dort in Scharen in die barbarische Vergangenheit zurücklaufen.

Solch schiefer Lagesicht entspricht das zwielichtige, doppelbödige Verhältnis vieler deutscher Linker zum Antisemitismus: Während sie den entschwundenen Hitler-Antisemitismus zutiefst verabscheuen, oftmals sogar zur aktuellen Gefahr aufblasen  - als käme der Teufel jemals in gleicher Gestalt - übersehen, leugnen, beschönigen sie den real existierenden Kreml-Antisemitismus, wenn sie ihn nicht sogar offen vertreten. Insoweit erweisen sie sich - entgegen der Broder-Sicht - nicht als Hitlers Enkel sondern als Stalins Erben. Diese deutsche Linke ist keineswegs eigenständig antisemitisch; schlimmer: sie ist undemokratisch-antiamerikanisch; ihr Verhältnis zur Freiheit ist gestört, darum auch ist sie despotieanfällig-philokremlistisch.

Selbstverständlich sind wir keine Puristen: Es gibt schlackenlose Bewegungen ebensowenig wie fehlerfreie Menschen. Antisemitische Tendenzen hat es in der alten Arbeiterbewegung immer gegeben. Henryk M. Broder hat diesbezüglich auf das vorzügliche Werk "Feindbild 'Jud'" von Leopold Spira (Wien, München, 1981) hingewiesen, das am Beispiel Österreich exemplarisch zeigt, wie Rechte und Linke sich gegenseitig ihre Juden vorwarfen und so den latenten Antisemitismus borniert für ihre kurzatmigen Interessen instrumentalisierten. Dennoch hat Dan Diner durchaus recht, wenn er feststellt, daß es in der Arbeiterbewegung, der Linken überhaupt, zwar allerlei ANTISEMITISMEN gab, nie aber einen Antisemitismus als geschlossene Ideologie, die wahnhaft DES JUDEN (als SÜNDENBOCK) bedarf, um die Welt zu erklären, also DAS BÖSE am JUDEN festzumachen. Dan Diners These gilt natürlich nur, wenn uns klar ist, daß die Welt des "Realen Sozialismus", die Diktatur der Nomenklatura nicht zur Arbeiterbewegung gehört, ja ihr extrem feindlich entgegensteht. Übrigens hätte Diner erwähnen sollen, daß es - im krassen Unterschied zum Nationalsozialismus - auch beim klassischen Faschismus keinen Antisemitismus als geschlossene Ideologie gab.

Stalinistische Ideologie und der Jude als Volksfeind

Was nun die geschlossene Ideologie des stalinistisch-poststalinistischen Kreml angeht (die als "Marxismus/Leninismus", beziehungsweise "Historischer Materialismus", "Verschärfung des Klassenkampfes" und dergleichen firmiert), so steht in deren Zentrum nicht der Dämon JUDE, sondern das Wahnbild VOLKSFEIND. In dies allerdings wird kunstvoll grade DER JUDE implantiert: unterschwellig populistisch, weil durch hilfreiche Tarnbegriffe (wie sie Zalcman in folgendem konkretisiert). Zu dieser Implantionsmethode gehört auch (wie bei den Nazis) das infame Hervorheben jüdisch klingender Namen, sei es im Falle von Dissidenten, sei es bei Gaunern. Material zur mörderischen Ideologie & Praxis des nachzaristischen Kreml-Antisemitismus finden wir unter anderen bei:

-    Anton Antonow-Owssejenko: "Stalin" (München, Zürich 1984),

-    R.A. Medwedew: "Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus" (Frankfurt M, 1973),

Georges Bertoli: "Als Stalin starb" (Stuttgart-Degerloch 1974)

Heinz Brandt: "Die soziale Revolution des Nikita Sergejewitsch Chruschtschow" (in "Entstalinisierung", edition suhrkamp 609, Frankfurt/M, 1977).

Insbesondere aber sollte der aufwühlende Kampf- und Leidensbericht Zalcmans (Moshe Zalcman: "Als Moshe Kommunist war", Darmstadt 1982) zur Pflichtlektüre all derer werden, die vom sowjetischen Antisemitismus nichts wissen (wollen), ihn gar für eine "antikommunistische Erfindung" halten (möchten). Der tapfere Schneider von Samosc, glühender Revolutionär, kommt nach polnischer und französischer Kerkererfahrung voll naiver Hoffnung ins VATERLAND ALLER WERKTÄTIGEN, das den SOZIALISMUS AUFBAUT und, wie jegliches soziale Problem, auch die JUDENFRAGE IM GEISTE INTERNATIONALER SOLIDARITÄT GELÖST hat: Zu seinem Entsetzen erweist sich der vermeintliche Freund: die Partei, das gelobte Land, sein Jerusalem - als feindliches Inferno von Folter, Spitzelei aller gegen alle, als barbarisches Ensemble von Sklaverei, Vernichtungslagern und mörderischem Antisemitismus:

"Ich bin einer der wenigen am Leben gebliebenen Zeugen", berichtet der aktive, polnisch-jüdische, jiddisch schreibende Kommunist,"ich, der wundererbarerweise überlebte, sehe die verlorenen Kameraden vor mir, die völlig in Vergessenheit geraten sind; aber ihr beispielhaftes Leben darf nicht unbekannt bleiben. Und mit allen meinen Kräften möchte ich die Geschichte dieser Kämpfer, die an ihren Idealen zerbrochen sind, aufzeichnen".

An ihren Idealen zerbrochen... insoweit war das Martyrium der Opfer des Stalinismus gräßlicher noch als das der Opfer des Nationalsozialismus, die wenigstens wußten, daß sie in der Hand des Feindes ihrer Ideale&Existenz waren. In Sachen Antisemitismus bezeugt Zalcman (als Extrakt unmittelbarer Erfahrung am Tatort):

"Mit Hilfe ihres verlogenen sozialistischen und kommunistischen Geredes hat die Sowjetunion erneut ihre Schwingen der Expansion ausgebreitet. Der großrussische Chauvinismus hat sich immer mehr des Antisemitismus als giftigen Propagandamittels in der Sowjetunion selbst und in anderen Ländern bedient.

Die Sowjets betrachteten die Juden als ein Volk, das organisch mit der westlichen Kultur verbunden ist, und haben ihm daher den gnadenlosen Krieg erklärt. Sie haben die jüdischen Intellektuellen zu dreckigen Weltbürgern, zu vaterlandslosen Gesellen ohne Paß erklärt. Als sie schließlich die jüdische Kultur mit der westlichen Ideologie verwechselten, begannen die sowjetischen Führer einen Krieg gegen die aufrichtigen jüdischen Intellektuellen: Universitätslehrer, Schriftsteller, Ärzte. Diese letzteren wurden als 'Mörder in weißen Kitteln' behandelt. Die Russen haben das kulturelle Leben der Juden gänzlich vernichtet. Die jüdischen Dichter und Schriftsteller: Peretz, Markisch, Hoffstein, Bergelson, Michoels und andere wurden erschossen. Hunderte weiterer Intellektueller wurden in den Lagern des Gulag interniert, um dort langsam aber sicher umzukommen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seitdem der Kult Stalins und Berijas angeblich liquidiert wurde. Trotzdem ist die Sowjetunion gegenwärtig das einzige große europäische Land, das antisemitische Propaganda verbreitet, das Feindseligkeit und Haß gegen die Juden unter dem Deckmantel des Anti-Zionismus und der Israel-Feindschaft propagiert. Diese Täuschung nützt nichts, die Absichten sind klar und offenkundig".

 Leider nützt diese Täuschung bei vielen unserer Linken doch. Sollte es wirklich nicht ausreichen, daß so viele andere, stellvertretend für uns, ihre Erfahrungen im Land des Gulag, am eigenen Leibe machten? "Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen". (Brecht)

Das aufgeblasene linke Faschismusbild

Zalcmans Zeugenaussage unterstreicht, "daß durch den schmalspurmarxistisch-inflatorisch mißbrauchten Faschismusbegriff das Antisemitismusproblem unscharf wird. Diese politische (nicht physikalische) Unschärfe-Relation ergibt sich durch die simple Gleichung: Nationalsozialismus=Faschismus. Aber weder der originäre (italienische) Faschismus noch der von ihm direkt abgeleitete Austro-Faschismus oder spanische Faschismus waren - im mörderischen Sinne - antisemitisch, obwohl sie wie jedes barbarisch-reaktionäre Regime auch sekundäre antisemitische Züge trugen. Ein Jude, dem Dritten Reich entronnen, konnte sich im Spanien Francos immer noch sicherer fühlen als in Stalins Bereich".[1]

Falls wir den Nationalsozialismus unter Faschismus rubrizieren, müßten wir ihn als dessen Holocaust-Variante, Millionenmord-Mutation, bezeichnen, grade das, was ihn allein mit dem Stalinismus vergleichbar macht. Dem aufgeblasenen Faschismusbild der meisten Linken entspricht der inflationierte Antisemitismusbegriff vieler Zionisten, die dieses Übel allerorts, allgegenwärtig ausmachen. Sie sehen weder den Wesensunterschied zwischen gelegentlichen Antisemitismen und virulentem Antisemitismus, noch nehmen sie dessen gesellschaftliche Bedingungen wahr. Schließlich ist es historisch erwiesen, daß ein Pogrom nicht als Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert wird.

Antisemitismus, der in Massenmord umschlägt

Selbst die mörderischste (geschlossene) antisemitische Ideologie kann allein dann praktisch wirksam werden, wenn eine Reihe gesellschaftlicher Faktoren hinzutreten:

1.          es muß im betreffenden Bereich eine ausreichende, kritische Zahl von Juden geben;

2.        innerhalb des Führungskerns der Machtelite müssen (krisenaktivierte) Interessenten bestehen, den (latenten oder schon virulenten) Antisemitismus zu instrumentalisieren, ihn von oben her anzuheizen sowie entsprechende Gesetze und Rechtsgrundlagen zu schaffen;

3.        es bedarf einer speziellen (para)militärischen bzw. polizeilichen uniformierten Kerntruppe, um das eigentliche Mordhandwerk auszuführen, bzw. die aufgehetzten Massen in die Pogrompraxis einzuführen.

 Eine solche bedrohliche Konstellation bildete sich erkennbar, Anfang der dreißiger Jahre in der Weimarer Republik (ebenso, nur weniger deutlich in Stalins Reich),Das Ausmaß der Gefahr wurde auf der Linken sträflich unterschätzt; es fehlte das konkrete, reale Feindbild.

Hierzu in meinem Vorwort zum Spira-Buch: 

"Der Hitler-Antisemitismus wurde von der deutschen Arbeiterbewegung zutiefst verkannt, verniedlicht. Einmal wirkte noch das - im Spira-Buch kritisch unter die Lupe genommene - Kronawitter-Wort nach: 'Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.' Schon dazumal unzulänglich, wurde es nun irreführend. Zwei weitaus gefährlichere Fehleinschätzungen traten hinzu:

·                   Der Trugschluß (vor allem von SPD und Gewerkschaften vertreten), auch die Nazis würden rasch 'abwirtschaften' (falls sie überhaupt an die Macht kämen), da auch sie - angesichts der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise - 'nur mit Wasser kochen könnten'. Doch sie kochten mit Blut ...

·                   Die gemeingefährliche Stalin-Losung der KPD von den faschistischen Zwillingsbrüdern: Sozialfaschismus(SPD) und Nationalfaschismus (NSDAP, wobei der Sozialfaschismus. die Hauptgefahr bilde, gegen die also der Hauptstoß zu richten sei."

Resultat dieser Fehlbilanz: keine Aktionseinheit der Arbeiterbewegung gegen die "Harzburger Front" (das Bündnis der Nazis und Deutschnationalen) zur Verteidigung der Republik; daher keine Rettung der Arbeiterbewegung, des Friedens und der Juden. Hinter dem Totschlag-Ruf: DEUTSCHLAND ERWACHE - JUDA VERRECKE! nahm die Nazibewegung die Arbeiterbewegung in den Zangengriff einer Doppellosung: DIE JUDEN SIND UNSER UNGLÜCK,

·                   als 'raffendes' Kapital,

·         als 'jüdisch-marxistische' Arbeiterbewegung.

 Mit diesem antisemitischen Feindklischee wurde das Kapital rehabilitiert, als 'schaffendes' (arisches) dem 'raffenden' (jüdischen) positiv gegenübergestellt. Antikapitalistische Stimmungen wurden entschärft, kanalisiert, ins Leere geführt und gleichzeitig die gesamte Linke und sämtliche Juden für vogelfrei erklärt, schlachtreif geschrieben. Etwas besseres konnte zur Zeit ihrer Not den vorwiegend 'arischen' Konzernherren gar nicht passieren - ihre wenigen jüdischen Kollegen als Ballast über Bord zu werfen, waren sie gern bereit. Was Hitler auch immer tat, er tat es zunächst unter der schützenden Hand des - durch ihn von aller Schuld an der Krisenmisere entlasteten - Großen Geldes, das sich gerettet sah, sich an der 'Arisierung' gesundstieß, sich vor allem aber am Beutegut aus Feindesland und zudem an den KZ-Sklaven und zusammengeraubten 'Fremdarbeitern' bereicherte. Sein Wunschtraum schien erfüllt: Der Klassenkampf ausgerottet, die 'Volksgemeinschaft' sichergestellt. Der 'Wirtschaftsführer', 'Wehrwirtschaftsführer' befahl, die 'Gefolgschaft' im Betrieb gehorchte.

Schade nur für das deutsche Kapital, daß der offene Terror, der totale Raubkrieg, das perfekte Verbrechen, der industrialisierte Holocaust mit der totalen Niederlage Großdeutschlands endete. Der größte Feldherr aller Zeiten - samt seinem willigen militärisch-industriellen Komplex -konnte nicht halten, was er versprochen hatte - ausgenommen Mord. Insofern wurden die abenteuerlichen deutschen Konzernherren und ostelbischen Großgrundbesitzer, als sie dem Hitler-Nationalsozialismus leichtfertig ihre politisch-ökonomische Interessenvertretung überantworteten, um den Profit zu sichern und auszuweiten, zu betrogenen Betrügern: Sie hatten nicht mit der irrationalen Eigengesetzlichkeit dieser Art von nekrophiler Totenkopfbewegung, diesem Herrenmenschen-Lebensraum-Mordens, diesem Endlösungs-Antisemitismus gerechnet.

So bangten sie schon vor dem schlimmen Ende dem Dies irae, dies illa entgegen, doch fanden sie keine Zeit und kein Mittel mehr, ihn abzuwenden. Ist der Sprung ins Dunkle einmal getan, dann gerät die Oberschicht, die sich ihrer Lenkungsrolle begeben hat, eines bösen Tages unvermeidlich in die Rolle des Zauberlehrlings. Es ist leicht, ein destruktives Monster - und nur ein solches ist zu böser Interessenvertretung, einer derartigen Charakterrolle bereit und geeignet - mit einer so gewaltigen Omnipotenz auszustatten (Erich Fromm gab ein interessantes Psychogramm von Stalin und Hitler). Umso schwerer fällt es dann, dieses Geschöpf loszuwerden, wenn sein Aberwitz, Lustmorddrang zur Schlinge wird. Am Schulbeispiel des mörderischen Antisemiten Hitler (und seines Gegenspielers und Kumpans Stalin) wird deutlich, daß erst eine extreme historische Konfliktsituation extrem destruktiven Charakteren zunächst einen extrem großen Spielraum zuweist, sodann aber dem Zufall (Attentat; biologisches Lebensende) einen ebenso großen Spielraum gewähren muß, wenn es darum geht, die allzu gefährlich gewordene nekrophile Personnage aus der Geschichte herauszukatapultieren. So läßt sich auch in Sachen Antisemitismus einiges über die Rolle des Zufalls in der Geschichte sagen.

Bei allen - immer auch mörderisch antisemitischen - Säuberungs­kampagnen Stalins tritt übrigens ein gravierender Unterschied zur Hitlermethode hervor, auf den das Spira-Buch deutlich verweist: Stalin verdeckte seine blutige Tat durch das humane Wort. Denn der Sozialismus/Kommunismus setzt sich in seiner ursprünglichen Zielrichtung den 'kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist' (Karl Marx). Hitlers Nationalsozialismus hingegen hat von Anbeginn sein antisemitisches Mordprogramm schamlos verkündet: Wort und Tat sind deckungsgleich. Seit Erscheinen seines Buches „Mein Kampf“ gab es keinen Zweifel mehr, was er wollte: den Raubkrieg und den Judenholocaust. Ist für den Nationalsozialismus die vollständige Identität von antihumaner Zielsetzung und Praxis charakteristisch, so für den Stalinismus die krasse Kluft zwischen Lippenbekenntnis und Handlungsweise. Nur wer Stalin kannte, mußte Schlimmstes für die Juden - und gleichzeitig für die innenpolitische Opposition - befürchten, wenn der weise Lehrer aller Völker sich plötzlich bemüßigt sah, ein glühendes Bekenntnis gegen den 'unmenschlichen Antisemitismus' abzulegen…

So erweist sich - unter welchem Herrschafts-Knechtschafts­Verhältnis auch immer - wie unterschiedlich Antisemitismus in die politische Sündenbock-Funktion umgemünzt als Waffe sowohl gegen die Juden selbst wie auch gegen beliebige innen- und außenpolitische Gegner genutzt werden kann, wobei einmal die Juden, einmal die politischen Kontrahenten die härter Getroffenen sind - letztendlich aber wird die gesamte Gesellschaft geschädigt. Im Extremfall allerdings (Pogrome; Endlösung) ist der Antisemitismus kaum mehr Waffe, Mittel, sondern nur noch eigengesetzlicher Selbstzweck: Mordorgie."

Auf die Person Hitlers bezogen ziehe ich daraus die Bilanz:

"Hitler - das war nicht der Mann, um in Wien an die Macht zu gelangen. Und Wien - das war nicht der Ort, um die gesamte deutschsprachige Arbeiterbewegung mittels des zur Mordwaffe zugeschliffenen Antisemitismus aus den Angeln zu heben, plattzuwalzen, und damit erst freie Bahn für Judenmord und totalen Mordkrieg zu schaffen.

Nicht Wien, sondern München/Berlin - die Weimarer Republik (in den Grenzen des Versailler Friedensvertrages) bot einer derart nekrophilen, mörderisch antisemitischen Figur den archimedischen Hebelpunkt. Und auch das nur nach verlorenem Krieg, schwindelerregender Inflation, verheerender Wirtschaftskrise, wachsendem Ohnmachtsgefühl entwurzelter, kleinbürgerlicher Existenzen (siehe dazu: Erich Fromm, Flucht vor der Freiheit), Massenarbeitslosigkeit, einem grotesken Versagen der gesamten Arbeiterbewegung (SPD und KPD und Gewerkschaften) - und last not least einem restaurierten, buchstäblich zu jedem Mittel bereiten militärisch-industriellen Komplex, einem chauvinistisch entarteten Finanzkapital, eisern entschlossen, die Weltwirtschaftskrise auf dem Rücken der Massen zu überwinden und zugleich zum zweiten Raubkrieg um die Neuaufteilung der Welt anzusetzen.

Antisemitismus, immer ein archaisch-rückständiges Gefühl wie jedes Ressentiment, immer ein moralischer Defekt, immer ein geistiges Unvermögen, die Ursachen der eigenen mißlichen Lage zu erkennen, immer, wie jegliche Fremdenfeindlichkeit, dumpfem Differenzaffekt entspringend, ist keineswegs immer politisch operabel, gar mörderisch anwendbar, ob er nun verwiegend religiöse, nationale oder - in der rabiatesten Variante - rassische Wahnziele verfolgt. Erst wenn die jeweils herrschende Klasse ernstlich um ihre Privilegien bangt, existentiell eines Brandopfers, eines Sündenbocks bedarf, versucht sie den altüberkommenen, stets sorgfältig gepflegten Antisemitismus als tödliche Waffe einzusetzen. So etwa früher bei Epidemien und den Kreuzzügen."

Ich habe oben ausgeführt, wie vorzüglich die antisemitische Zentrallosung: DIE JUDEN SIND UNSER UNGLÜCK zum Zangengriff gegen die deutsche Arbeiterbewegung instrumentalisiert werden konnte. Ebenso geeignet aber war sie auch, um mit den Juden zugleich die Demokratie insgesamt zu treffen, aus dem Gesellschaftskörper zu eliminieren. Als ich mir noch einmal die wüst-antisemitischen, stur-antidemokratischen, kriegssüchtigen, todeslüsternen Pamphlete des jungen Ernst Jünger zu Gemüte führte, wurde mir diese dreieinig gebündelte Zielsetzung erst richtig klar. (Auf Adolf Hitlers "Mein Kampf" brauche ich nicht erst hinzuweisen). In der Tat war mit den Deutschen jüdischer Abkunft, diesem deutschen Volksstamm (der hier länger siedelte als manch Hitler- oder Jünger-Vorfahr), dessen kultureller, gesellschaftspolitischer Einfluß weitaus größer war als sein zahlenmäßiger Anteil am Gesamtvolk, kein totalitärer Staat, gar ein Terrorstaat, Kriegsabenteuer-Staat zu machen.

Als weiland Hugenberg hochtrabend prahlte: "Wir haben uns Herrn Hitler engagiert", war ausposaunt, wie sehr die Harzburger Herrenreiter der Parforcejagd auf das Wild JUDE bedurften, um im Krisengelände über alle Hindernisse hinweg ans Ziel zu langen.

In ihrer großen Mehrzahl bildeten die Juden (und ihr sehr weit ausgedehntes Umfeld) jene kritische Masse, die alle damaligen größenwahnsinnigen (verbiestert homo-erotischen) Kameraden-&Männer-&Helden-Phantasien zunichte machen, "zersetzen" würde; sie waren unleugbar ein "FERMENT DER DEKOMPOSITION" (Theodor Mommsen), wenn es darum ging, den SPRUNG INS DUNKLE ZU WAGEN, über ein DRITTES REICH zum Revanchekrieg gegen das Versailler Diktat anzusetzen. Nur durch ihre Stigmatisierung als JUDEN­REPUBLIK konnte die Republik zur Strecke gebracht werden, und ihr Ende bedeutete auch, daß nun die Juden nicht mehr Staatsbürger sondern vogelfrei waren, tendenziell zur industriellen Ausrottung freigestellt: Der Mordapparat wucherte krebsartig: eigengesetzlich. Er ist untergegangen. Ebenso seine Schöpfer, Steigbügelhalter, Nutznießer, Engagierer, all die betrogenen-betrügerischen Instrumentalisten vom Hugenberg-Schlag. Könnten wir das nur auch vom Stalinismus sagen ...

Daraus folgert: Als auf deutschem Boden verwendbare Waffe ist der (unverblümte) Antisemitismus nunmehr ungeeignet; er ist "schartig und rostig geworden, kümmerlich geschrumpft, weil von der Geschichte schauerlich widerlegt und durch den Holocaust seiner Manövriermasse mörderisch beraubt: die Juden Mitteleuropas sind dahin - ausgerottet, erschossen, vergast. Mit ihnen auf ihre Kosten ist kein politisches Geschäft mehr zu machen. Das Feindbild 'Jud' ist zum Geisterbild verblaßt - und nichts kann vergessen machen, daß der Mordschrei, der infame Haltet-den-Dieb-Ruf: DIE JUDEN SIND UNSER UNGLÜCK sämliche Angerufenen erst ins eigentliche Unglück gelockt, in unermeßliche Leiden gestürzt und in schreckliche Schuld verstrickt hat." (aus obengenanntem Vorwort).

Wie die Antisemitismen in der Neuen Linken einschätzen?

Wenn wir also nach einem (etwaigen) Antisemitismus bei uns fragen - er sei nun rechts oder links zu orten - so gilt zunächst einmal die lapidare Antwort: der Nährboden, auf dem er Wurzeln schlagen könnte, ist zerstoben. Weder finden wir ihn als geschlossene Ideologie, noch ist irgendeine Führungsschicht in Sicht, die gewillt oder (krisenbedingt) interessiert sein könnte, dieses Nichts politisch zu instrumentalisieren, und schon gar nicht existiert eine nennenswerte Mordstruktur, um ihn - gegen Geister - in die Tat umzusetzen.

Anwachsende Grüppen brandstiftend-mordender "Rechts"-Extremisten, die teils gezielt (Nürnberg, teils wahllos (Oktoberfest) Massaker anrichten, werden hier von interessierter Seite zum Popanz eines ununterbrochen aufsteigenden NEOFASCHISMUS aufgeblasen. Es wird darüber hinweggegangen, daß sie zumeist im Libanon – oder sonstigen einschlägigen Gegenden - von "links"- terroristischen, russisch-bewaffneten Palästinensern ebenso aufmerksam betreut, logistisch versorgt werden wie ihre "links"extremen RAF- & 2.Juni-Kollegen. Es wird auch nicht systematisch verfolgt, daß innerhalb dieser "Rechts"-Extremen häufig obskure Irrlichter auftauchen und verschwinden, deren Weg in der DDR endet oder daher kommt, beziehungsweise via DDR zum Orient weist. Der Neonazismus wird nach gezielter HALTET-DEN-DIEB-METHODE gerade von jenen an die Wand gemalt, bei denen der Antisemitismus höchst real existiert, und die ihn in dieser Kreml-Variante originalgetreu zu uns übertragen. In einzelnen Fällen ist - grade, weil sie einander instrumentell und mental so gleichen- nicht einmal auszumachen, ob es sich um "Rechts"-oder "Links"-Mord handelt, so etwa beim Karry-Verbrechen in Frankfurt oder bei den Synagogen-Morden in Wien, Paris, Rom.

Worauf stützt sich nun die - zunächst absurd erscheinende Behauptung, es gebe Antisemitismus bei der (west)deutschen Linken? Bleiben wir an der Oberfläche, so lassen sich natürlich bei Linken wie Rechten zahllose - von der Eltern/Großeltern­Generation unbewußt aufgesogene und verinnerlichte Antisemitismen fliegenbeinmäßig aufzählen. Unlängst erst stieß ich im - gewiß linken, gewiß nicht antisemitischen - "PFLASTERSTRAND" Nr. 192 auf solch ein Exemplar aus der Gattung Antisemitismen: Anfangs moniert der PS zurecht, daß Frankfurter Öko-Fundamentalisten, die ansonsten eisern auf Halbzeit-Rotation ihrer grünen Bundes- & Landtags-Abgeordneten bestehen, unverfroren über mehrere Legislaturperioden hinweg an ihren kostbaren Stadtparlamentssesseln kleben. Dann wird deren windig-schmalspur-dialektische Begründung für ihr inkonsequentes Verhalten wörtlich zitiert.

Daran schließt sich die obskure PS-Ermahnung: "Liebe Freunde, wir raten Euch, bei einem Rabbiner noch einige Talmudstunden zu nehmen..." Gemeint war offenbar: um das Wortverdrehen erst richtig zu lernen... Zunächst blieb mir die Spucke weg. Es entfiel Strafantrag wegen Verunglimpfung Verstorbener zu stellen, und zwar im Andenken an meinen geliebten Großvater Ludwig Krause, den Talmudgelehrten (Dajin), bei dem Erich Fromm viele Jahre lang viel gelernt hat; (wer Fromms Werke liest - etwa "Haben oder Sein?" - stößt dort auch auf jüdische Weisheit, abgesehen von der des Meisters Eckehart, die deutsch-jüdischer Symbiose entstammt). Ich sagte mir: der PS ist schließlich kein NPD-Organ; der, (die) törichte Autor(in) hat gewiß im Leben noch nie einen Rabbiner erblickt - nur liegt da doch die Frage nahe, warum die so rar geworden sind und der Talmud nicht mehr vorhanden, warum also der (schlecht-gemeinte) Rat ins Leere stößt, von den Fundamental-Rabulisten gar nicht wahrgenommen werden kann.

Selbstverständlich geht es bei Broders bohrender Frage nach dem Antisemitismus der deutschen Linken um sehr viel Ernsteres als derlei törichtes Zeug: Er zitierte eine Fülle handfester Antisemitismen aus der gesamten Bandbreite unserer linken Pressemedien (die vielfache Übereinstimmung der DDR-Presse mit der Münchener "Nationalzeitung" in Sachen Israel bleibt dabei ausgespart).

Auch da aber wo offen antisemitische Wendungen fehlten, zeigte sich doch eine grotesk unterschiedliche Bewertung von Kriegsakten&Massaker je nachdem, ob israelische (beziehungsweise pro-israelische) oder antiisraelische Formationen im Spiel waren. Broder rubrizierte stur entschlossen diesen in der Tag bestürzenden Sachverhalt schlankweg und durchgehend unter ANTISEMITISMUS DER (west)DEUTSCHEN LINKEN. Das halte ich für eine verhängnisvolle Fehleinschätzung: diese grundfalsche Diagnose unbestreitbar schlimmer Symptome verstrickt uns in einen Windmühlenkampf, verdeckt die wahren Ursachen und erschwert damit ungemein die Gefahrenabwehr. Mit anderen Worten:

Er bekämpft statt des echten einen eingebildeten Gegner. Broder hat zwar durchaus recht, wenn er den schiefen Blickwinkel, die getrübte Perspektive, all die Einäugigkeit, wenn nicht Blindheit, die seine Blütenlese offenbart, auf eine geschlossene Ideologie zurückführt: Nur ist dies nicht ein fiktiver Antisemitismus, sondern waschechter, höchst real existierender Philo-Kremlismus. Nicht die Juden&Israel, sondern USA&PENTAGON&CIA dienen hier in vorderster Linie, dazu, die Welt, das Böse zu erklären. Das wird sofort deutlich, wenn wir einschlägige Stellungnahmen aus dem von Broder herangezogenen sehr breiten linken Pressebereich analysieren, die mit Israel überhaupt nichts zu tun haben: wenn es beispielsweise um San Salvador&Nicaragua geht, um Polen&Afghanistan. Wir finden auch in diesem Fall exakt die gleiche Doppelmoral, stoßen auf dasselbe grobe Mißverhältnis zwischen überspitzter Kritik hier, Beschönigung&Verschweigen dort, begegnen einer auffällig-unauffälligen bis penetranten anti-amerikanisch­philo-russischen Grundhaltung.

Der Kreml-Antisemitismus

Sofern bei Broders Pressebeispielen überhaupt von Antisemitismus gesprochen werden kann, dann höchstens von einem sekundären, unbewußten, garnicht als solchem erkannten, nämlich dem uraltstalinistischen Kreml-Antisemitismus. Doch ist es gewiß kein Trost, daß ein Großteil unserer Linken anstelle des offenen, ehrlich-mörderischen originären deutschen Antisemitismus einem verdeckten aus zweiter (schmutziger) Hand verfällt.

Was den deutschen Hitler-Antisemitismus anlangt, so hat er selbst in Alt-Nazi-Kreisen an Wirkungskraft eingebüßt. Würde der Judenmord heutzutage nicht allgemein als entsetzliches Verbrechen angesehen, dann wären die Hitlerzeit-Nostalgiker nicht so verzweifelt bemüht, ihren FÜHRER wenigstens davon reinzuwaschen und den Millionenmord - entgegen der zum Himmel schreienden Wahrheit - frisch, fromm, fröhlich, frech zu leugnen ("Auschwitz-Lüge"). Auch diesen hartgesottenen Antisemiten mag also die Kreml-Variante des Antisemitismus, die auf so elastischen Beinen heranschleicht, heute näher liegen; jedenfalls erklären neuerdings auch die Rechtsextremisten - wie die Linke seit langem - die USA (und nicht etwa das Sowjetimperium) zu ihrem eigentlichen Gegner.

Aus allem bisher Angeführtem erhellt, warum eine hinreichende Analyse des NATIONALSOZIALISMUS, der "DRITTEN-REICH-Realität unmöglich ist ohne (grade auch in Sachen ANTISEMITISMUS) den STALINISMUS, das Sowjetreich vergleichend-synoptisch einzubeziehen. Allein diese beiden neuzeitlichen industriellen Großreiche zeigen ein vergleichbares Ausmaß an Menschenmord, Versklavung, Folter, Konzentrationslagern, an Landraub, Völker-Überfall&Okkupation&Evakuierung. Beide "Führer"-("Woschd"-)Systeme haben sich wechselseitig zum Gegenmodell dämonisiert und damit legitimiert; sie haben - je nachdem - einander bekämpft und mit einander paktiert (den Zweiten-Weltkrieg auslösend, um sich in die erste Beute: Polen&Baltikum zu teilen); zudem ähneln sie einander in der totalitären Struktur (ohne etwa nach Ursprung und Wesen miteinander deckungsgleich zu sein). Es sollten also beide Profile des Januskopfes vergleichend gedeutet werden.

Rein rechnerisch (mithin nur statistisch, nicht komplex untersucht), würde sich dabei unter anderem ergeben, daß Stalin mehr Kommunisten, mehr Sowjetbürger insgesamt umgebracht hat als Hitler, dieser dagegen mehr Juden als jener. Ich stütze mich hierbei auf Adam Riese und nicht auf Golo Mann (wie "konkret"-Publizist Gremliza mir unterstellen zu müssen meinte).

Ein anderer (sekundärer) Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus zeigt sich in der entgegengesetzten Aufgabenstellung für den gigantischen Folter-Apparat: Während die Unzahl Stalinscher Folterknechte aus Millionen von VOLKSFEINDEN falsche Geständnisse, absurde Selbst-&Freund&Fremd-Bezichtigungen herausmarterten, hatte Hitlers GESTAPO echte Geständnisse zu erfoltern; dagegen mag die gewöhnliche, alltägliche, terroristisch-sadistische Häftlingsmißhandlung - sei es im GULAG, sei es im KZ - in etwa gleicher Zielsetzung und in ähnlichem Ausmaß erfolgt sein; letzteres gilt wohl auch für den direkten Eliminierungs-Mord, ob an VOLKSFEINDEN oder JUDEN, UNTERMENSCHEN (allerdings war der Mord im GULAG noch nicht perfekt industrialisiert).

Wir müssen bei dieser Synopse auch berücksichtigen, daß Hitler (trotz Attentat) sein ENDLÖSUNGSVERBRECHEN (wie unzählige andere) grade noch (weitgehend) ausführen konnte, während Stalin über seinem allergrößten Mordplan (darunter auch die Juden-Evakuierung nach Birobidjan) hinwegstarb (aber wahrscheinlich nicht ermordet wurde, jedenfalls wurde kein Widerstand sichtbar).

Was nun die SKLAVENARBEIT (GULAG, beziehungsweise KZ) anlangt, so bedeutet sie - schon rein zahlenmäßig - eher für das Stalin- denn für das Hitler-Reich eine ausschlaggebende ökonomisch-politische Potenz; das betrifft sowohl die Höhe des Arbeitsprodukts als auch das enorme terroristische Potential (als SCHWARZE INDUSTRIELLE RESERVEARMEE) zur Disziplinierung der Lohnsklaven. Das Schicksal von Kriegsgefangenen&Verschleppten ("Fremdarbeitern"), beziehungsweise deren Zwangsarbeit wären gesondert zu untersuchen.

Am Schluß jeden Vergleiches aber muß die ABRECHNUNG mit der VERGANGENHEIT stehen - und ihr Einfluß auf die Gegenwart: Hier erscheint mir besonders schwerwiegend, daß Chruschtschows zaghafter "ENTSTALINISIERUNGS"-Versuch bereits im Ansatz stecken blieb, durch seinen Sturz erstickt wurde, während bei uns, trotz aller Mängel, eine - immer noch anhaltende - öffentliche Auseinandersetzung (siehe auch diese Tagung) mit dem Verbrechens-Regime des Nationalsozialismus und dessen krimineller Ideologie erfolgte.

Von sehr vielen Linken - seinerzeit auch von mir - ist der großartige Sieg der "Stalin-Armee" (im Bündnis mit den West-Alliierten) über die "Hitler-Armee" - nach all den unsäglichen, durch den Nationalsozialismus verschuldeten, Leiden der Sowjetbevölkerung - als WELTGERICHT mißverstanden worden: ein Geschichtsurteil, daß den Stalinismus zwar nicht rehabilitiere, so doch amnestiere, entschuldige.

 VON DER SOWJETUNION LERNEN - HEIßT SIEGEN LERNEN, lautete die schlaue, einschmeichelnde Stalinisierungs-Losung des Sowjetimperiums an die stets geschlagene, sieglechzende deutsche Linke - und nicht nur ihr galt der Lockgesang.

Selbstverständlich hat sich durch die Existenz des jüdischen Staates das Antisemitismus-Problem erheblich modifiziert, weiter kompliziert. Während zionistische Falken jedwede - noch so berechtigte - Kritik an ihrer selbstmörderischen, reaktionären Handlungsweise als (linken) Antisemitismus verteufeln, ist der ANTIZIONISMUS des Kreml-Regimes tatsächlich zum Tarnwort für seine de-facto- antisemitische Innen-&Außenpolitik geworden. Das Sowjetimperium trifft per anti-israelische Ideologie zwei Fliegen mit einem Schlag: den (notwendigerweise USA-orientierten) jüdischen Staat und zugleich seine (ebenso notwendigerweise demokratisch-westlich-orientierten) eigenen, im unheimlichen Sowjetbereich lebenden, doch nicht heimischen Juden. Sie werden zunehmend aus allen "sensiblen" Bereichen (und welche sind es nicht?) des Sowjetimperiums ausgeschaltet - eine Art von lautlosem "Arisierungs"-Prozeß, der dem Russifizierungsprozeß im Baltikum ähnelt.

Wieder einmal werden die Juden in einem historischen Moment (und in einem Lande, wo sie zahlreich städtisch versammelt sind) zur KRITISCHEN MASSE: innerhalb des steril erstarrenden POSTSTALINISMUS-SENILISMUS bilden sie jenen gefährlichen Hefeteig, der dem krisengeschüttelten Koloß abenteuerliche Auswege, blutige Konfliktlösungen erschwert.

Wie sehr jeder Ansatz zum Frieden in Nahost den Spannungskurs des Kreml irritiert, bewiesen dessen infame Propaganda & Aktions-Störmanöver gegen das beispielhafte (Carter zu dankende) Camp-David-Abkommen. Unsere Linke gab vielfach diesem antisemitisch-antiamerikanischen Kreml-Kriegs-Kurs im Nahen Osten lauthals Schützenhilfe.

Am Rande noch, aber immerhin, basteln bereits - vom Kreml (zumindest einer Falkengruppe im Führungskern) ermunterte - großrussisch-chauvinistische Autoren munter an einer (geschlossen) antisemitischen Ideologie vom bösen KAPITALISTISCHEN WELTJUDENTUM, sozusagen einer poststalinistischen Aktualisierung der WEISEN VON ZION unseligen Angedenkens, die sich erstaunlich lebensfähig zeigen. Für mich bleibt es offen, ob der antisemnitisch-antizionische Kurs des Kreml primär außenpolitisch oder vorwiegend innenpolitisch bestimmt ist; auch bleibt es dem Laien - selbst den Kremlnologen - verborgen, welche aktuellen Positionskämpfe unter den Kreml-Patriarchen auch in puncto Israel(ihr Judenproblem insgesamt) toben mögen. Wer schaut schon durch die Risse einer total-totalitär abgeschotteten, hierarchisch-schmalen Pyramidenspitze? Deutlich ist nur, daß aus der russischen Requisitenkiste neue Masken hervorgeholt werden: Hatte Väterchen Stalin einst als Atheist die Juden aus GOTTESMÖRDERN in GOTTKAISERMÖRDER umgepoolt (im weißen Kittel und mit Chirurgen-Maske), so werden sie jetzt als SOZIALISMUS-Verräter, Dissidenten dargestellt in russifizierter, säkularisierter Oberammergauer Maske): das Volk soll in ihnen den potentiellen JUDAS erblicken.

Die jüdisch-deutsche Symbiose als spirituelle

Ich sehe mich, schreibe hier als Deutscher jüdischer Abstammung. Zwar ist die jüdisch-deutsche Symbiose durch den Nazi-Holocaust physisch ausgelöscht, die kreative Kraft, die ihr entsprang, für Generationen amputiert (der Mord an den Juden bedeutet für mich auch einen Akt deutscher Selbstverstümmelung), doch lebt diese Symbiose spirituell weiter, ward zudem längst Element abendländischer Kultur. Anhand ihrer Lebensgeschichte verstehe ich jene jüdischen Referenten, die hier in der Muttersprache, in Deutsch, begründeten, daß sie sich nicht als Deutsche fühlen, ja die "Geschäftsgrundlage" mit der deutschen Linken zerrissen sehen, sofern diese nach einer (positiven) deutschen Identität Ausschau hält.

Leider haben sie nicht an der Morgenandacht (hier in der Evangelischen Akademie Arnoldshain) teilgenommen. Die Wiederbegegnung mit dem deutschen Kirchenlied, dem deutschen Gesangbuch (ob evangelisch oder katholisch) hätte sie vielleicht daran erinnert, wie unauflöslich deutsche und jüdische Kultur miteinander verbunden, ineinander verflochten sind.

Aus meiner eigenwilligen abendländischen Sicht - Betrachtungsweise einer neuartigen Gesellschaft, in der das INDIVIDUUM die NABELSCHNUR zur urwüchsigen GEMEINSCHAFT bereits GELÖST hat (Marx), während es in der Kreml-Despotie (einer Kümmerform der asiatischen Despotie) ins Zwangskollektiv zurückgesperrt wird - erklärt sich auch mein Verständnis der Israel-Frage.

Vor allen schier unlösbar erscheinenden Weltkonflikten dünkt mir der israelisch-palästinensische am kompliziertesten. Die doppelt irreale zionistische (Herzl-)Losung: DAS VOLK OHNE LAND IN DAS LAND OHNE VOLK ist per irrationalem Geschichtsverlauf realisiert worden (sozusagen ad absurdum verwirklicht, nicht ad absurdum geführt): Das geschah zunächst durch die zaristischen russischen Pogrome, sodann - und das gab den Ausschlag - durch den Hitler-deutschen Holocaust, endlich durch die nachzaristische (stalinistische/poststalinistische) Judenverfolgung.

Die Existenz des Staates Israel wurde allein durch die dorthin getriebenen Juden unumstößliche Realität. Ebenso Realität wurde indes die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat, bzw. ihre Degradierung zu Bürgern zweiter Klasse im eigenen Land. Wie soll das gut gehen?

Wer mit gutem Recht die Anerkennung der Existenz des Staates Israel fordert, muß auch anerkennen, daß dadurch die Existenz eines palästinensischen Staates zwingend wird, in dem die vertriebenen, beziehungsweise benachteiligten Palästinenser die nämlichen Rechte besitzen wie die Juden in Israel. Die Araber, Palästinenser, die einst im (englischen) Kolonialstatus lebten, haben zum Teil (aus dieser Situation heraus und zu ihrem Schaden) mit, der seinerzeit bösartigsten - und verlierenden – Weltmacht kollaboriert (wie etwa der Mufti von Jerusalem). Nun werden viele von ihnen durch die zionistischen Falken (von Rabbi Kahane zu schweigen) in die offen ausgebreiteten Arme des Sowjetimperiums getrieben, das heißt Israel zusätzlich gefährdet, und die Position der demokratischen Westmächte im Nahen&Mittleren Osten mutwillig geschwächt.

Im übrigen zeigt sich seit Camp David immer deutlicher: VERHANDELN ist besser als SCHIEßEN; Kundige erkennen auch ein neuartiges Menetekel an der Felswand: Wer russisch schießt, verliert - steht zudem auch moralisch auf der falschen Seite.

Die Kreml Ideologie ist eine THEOLOGIE DER KNECHTUNG, keine Theorie der BEFREIUNG; das Sowjetimperium wurde längst zum Hort der Weltreaktion (in der Maske der Weltrevolution) - und damit auch Kernland des heutigen Antisemitismus.

Der zionistisch-palästinensische Konflikt darf nicht weiter zum archaisch-orientalischen Urkrieg entarten, bei dem zuletzt die Ausrottung des Gegners als einzige überlebenschance erscheint. Noch fahren beide Konfliktparteien fort, sich gegenseitig zu traumatisieren.

Die Juden, die sich nach Israel retteten und nun unter ein neues Trauma geraten, hatten bereits drei seelisch-existentielle Katastrophen hinter sich:

-   Trauma eins:   
Der Versuch der Assimilation im deutschprachigen Lebensraum scheitert, endet im Cyclon B.

-     Trauma zwei:
Die russische Revolution scheitert: sie bringt nicht SOZIALISMUS und INTERNATIONALE LÖSUNG DER JUDENFRAGE, sondern das nachzaristisch-stalinistische POGROM.

-      Trauma drei:
a) Das Urvertrauen in den Menschen ist erschüttert; das betrifft die Mörder
b) Wie konnte es geschehen, daß sich all die Millionen Juden wehrlos abschlachten ließen?
Das betrifft die Ermordeten (Warschauer-Getto-Aufstand&Partisanenaktion sind Ausnahme von der Regel).
c) Das Scheitern von Humanwiderstand (ziviler Verteidigung) gegen Mordentschlossene.

Es ist die Vorgeschichte, die den zionistisch-palästinensischen Konflikt - und das Verhalten von Juden in aller Welt mitbestimmt. Niemand sollte das außer acht lassen ...

 

Heinz Brandt ist freier Publizist, ehemals Journalist bei der IG-Metall, Frankfurt (1984)


[1]  Aus meinem Vorwort zum Spira-Buch