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Dan DINER
LINKE UND ANTISEMITISMUS ÜBERLEGUNGEN ZUR GESCHICHTE UND AKTUALITÄT

Antisemitismus in der Linken und das Problem der Normalität

Ich will über zwei Aspekte sprechen, die vom Problem her miteinander verbunden sind. Das Problem: Ein neues antisemitisches Phänomen in seiner Verbindung zum klassischen, zum historischen Antisemitismus. Die beiden Aspekte:

Das Verhältnis zu Israel, zum Zionismus einerseits und das Selbstverständnis der Neuen Linken als Problem neuer nationa­ler Identität andererseits.

Im wesentlichen war gestern die Rede von einem linken Anti­semitismus. Das ist natürlich Unsinn. Es gibt keinen linken Antisemitismus. Es gibt einen Antisemitismus sui generis. Und es gibt Antisemitismus in der Linken, wie es natürlich Antisemitismus in der Rechten gibt. Verwunderlich ist dabei, daß das Problem des Antisemitismus in der Rechten für alle abgehakt ist, das Problem des Antisemitismus in der Linken vom Selbstverständnis der Linken her aber als eine Unmöglichkeit gilt. Das hängt wiederum damit zusammen, daß die Identifikation der Linken, vor allem der Neuen Linken der 68er Generation, mit Elementen linken Selbstverständnisses aus den 20er und 30er Jahren in Verbindung steht. Damit aber hängt unmittelbar das Problem der Normalität zusammen, worüber ich am Schluß sprechen werde. Der Wunsch der deutschen Linken, normal zu sein, nicht belastet zu sein mit dem, was hier geschehen ist. Und diese Normalität verweist auf eine Geschichtskonstruktion, die ihrerseits auf eine Vergangenheit zielt, in der Linke Zuhause waren oder zumindest sein wollten.

Normalität hat auch für Juden, für linke Juden oder für Juden in Deutschland nach 1945, eine Bedeutung. Auch diese Normalität ist sehr problematisch. Das Problem hängt mit einer einfachen Tatsache zusammen, die sehr schwierig zu verkraften ist. Nämlich mit der Tatsache, daß es eigentlich eine Blasphemie ist, nach 1945 als Jude in Deutschland zu leben. Das sie es dennoch tun, ist gleichzeitig auch eine Selbstverständlichkeit. Aber diese Selbstverständlichkeit ist Gegenstand ständiger Verarbeitung in einer Art und Weise, die dem Holocaust in seiner Besonderheit gerecht wird.

Antisemitismus als ökonomische Metapher und als Kulturphänomen

Es wäre ungerecht, die Diskussion über den Antisemitismus in der Linken vor 1933 aus der Perspektive der Nach-Holocaust-Zeit zu bemessen. All unsere Wahrnehmung von Geschichte, auch die Zitate von Voltaire und Kant, erhalten ihre Bedeutung erst auf dem Hintergrund der Geschehnisse von 1939, beziehungsweise von 1941 bis 1945. Es ist also wichtig, die aufgetriebenen Zitate in ihren geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, um sich selbst und der Geschichte Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Wir werden dann entdecken, daß der Antisemitismus oder das, was wir dafür halten oder heute als solchen bezeichnen, ein Phänomen gewesen ist, das nicht nur bei Nichtjuden verbreitet war.

Der erste bedeutende Linke und Jude, bei dem Elemente von Anti­semitismus aufzuzeigen sind, und den man geradezu in polemischer Weise zum Vorvater eines Antisemitismus in der Linken gemacht hat, war kein geringerer als Karl Marx. In "Zur Judenfrage", einem bedeutenden Werk aus dem Jahre 1844, sind folgende Sätze nachzulesen: "Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld." Religiöses Judentum wird bei Marx in einer ähnlichen Weise abgetan wie das Säkulare, wozu diese Zitate dienten. "Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. Der, Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld. Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden, sein Gott ist nur der illusiorische Wechsel." Zum Schluß seiner Ausführungen heißt es: "Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist." Und apodiktisch endet Marx: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."

Würden solche Sätze heute gesagt oder geschrieben werden, so würde dies zweifellos als Antisemitismus bezeichnet; was sollte es anderes sein? Aber es wird schwierig im Jahre 1844 das Etikett des Antisemitismus heranzuziehen. Denn was Marx hier unter Juden oder unter dem Judentum auch versteht, ist eine Metapher im Sinne einer gesellschaftlichen Kategorie. Marx identifiziert das Judentum mit dem Handel, mit dem Geld. Also mit Kategorien, die wir heute gut marxistisch als Phänomen der Zirkulation kennzeichnen würden.

Die Juden galten als Metapher der Zirkulation und des Handels. Das sind Elemente, die für die Frühsozialisten von großer Bedeutung waren. Insofern gehen Proudhon und Fourier von einer Gleichsetzung aus: Geld, Handel, Bank, Finanzwesen - all dies ist identisch mit dem Judentum.

Es hieße aber Probleme zu umgehen, diese Begrifflichkeit Marxens als nur gesellschaftliche Kategorie zu qualifizieren. Marx hat sich auch als Privatmensch zu Äußerungen hinreißen lassen, die wir zweifellos als antisemitisch bezeichnen würden. Ich möchte einen kurzen Absatz aus dem Buch von Edmund Silberner zitieren. Dort sind eine Unzahl von Bemerkungen Marxens über seine Gegner und seine Widersacher aufgeführt, die in ihrer überwiegenden Mehrheit Juden waren. Vor allem über Lassalle, einem Gegner Marx, sind Aufführungen aufzufinden, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. So spricht er von Lassalle als 'der Hund' und 'das Vieh', nennt ihn 'Jüdchen', redet vom 'Jüdeln, Jüdel-Braun', 'Ephraim-Gescheit', 'Itzig', 'Jitzig', 'Baron Itzig', 'jüdischer Baron' oder 'baronisierter Jude' etc. Auch spricht Marx davon, daß er sich wundert, daß die Werke Lassalles nicht nach Knoblauch duften. Lassalle habe talmudische Weisheit und sei ein jüdischer Neger.

Wer glaubt, daß solche Äußerungen nur auf Marx beschränkt bleiben, und diese dem Marxismus als solchem unterlegen will, der sei auf einige Zitate, sehr private Lassalles, hingewiesen. Lassalle, Rivale Marxens und nicht-marxistischer Sozialist, verliebte sich in eine Christin und schrieb ihr einen Brief, der später auch in der sozialistischen Bewegung großes Aufsehen erregte. Viele, vor allem Wilhelm Liebknecht, meinte, daß es sich um eine Fälschung handele. Inzwischen steht fest, daß dieser Brief tatsächlich von Lassalle verfaßt wurde. Lassalle bietet in diesem Brief der Christin eine Ehe an, nicht aber einen Übertritt, den er aus politischen Gründen für nicht opportun hält. In diesem Zusammenhang schreibt er: "Ich könnte Ihnen zwar das Opfer bringen und Christ werden, obgleich dies nach unserem Gesetz nicht nötig ist und es Christen und Juden freisteht, einander zu ehelichen. Wenn dies eine unerläßliche Bedingung wäre, ich täte es vielleicht. Aber es würde mir schwerfallen, Sophie, ich will Ihnen sagen, warum. Ich liebe die Juden gar nicht, ich hasse sie sogar ganz allgemein. Ich sehe in ihnen nichts anderes als die äußerst entarteten Söhne einer großen längst vergangenen Zeit. Diese Menschen haben in den Jahrhunderten ihrer Versklavung die Eigenschaften von Sklaven angenommen und deshalb bin ich mit ihnen so unfreundlich gesinnt. Ich habe auch keinerlei Berührung mit ihnen und unter meinen Freunden und in der Gesellschaft, die mich umringt, gibt es faßt gar keine Juden. Es sind also keine persönlichen Rücksichten, die mir diesen Wechsel peinlich machen würden."

Ähnlich auch der Ausruf Lassalles über einen seiner Gegner "Oh... Sie Jude, Jude! Sollten Sie vielleicht von Bankiers bestochen sein, um durch den weitgreifenden Einfluß Ihrer Literaturgeschichte unser Publikum unmerklich zu judaisieren?"

Kein Zweifel, das ist Antisemitismus - heute. Ob es damals Antisemitismus gewesen ist, steht dahin. Wir sollten jedenfalls als Nachgeborene mit einem Urteil nicht voreilig sein. Denn in welcher gesellschaftlichen Situation standen Marx, Lassalle und andere Juden ihrer Zeit? Marx beziehungsweise sein Vater verließ die jüdische Gesellschaft, um sich an die deutsche zu assimilieren. Aber was war die deutsche Gesellschaft? Die deutsche Gesellschaft beanspruchte zu dieser Zeit eine nationale zu sein. Die Frage ist allerdings, ob diese Gesellschaft tatsächlich eine nationale gewesen ist, die allen Menschen, von ihrer Religion absehend, Integration, Assimilation und Emanzipation ermöglicht. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß diese Gesellschaft im wesentlichen eine christliche Gesellschaft geblieben war.

Die Juden, die das Judentum damals verließen, assimilierten sich demnach an eine christliche Gesellschaft, die nur dem An­spruch nach eine säkulare war. Sie erhob zwar den Anspruch, säkular zu sein, aber ihre Inhalte waren von oberflächlich säkularisierter christlicher Substanz. Das heißt, daß die Juden, die damals das Judentum in die verschiedensten Richtungen verließen, sich an eine von ihrer Grundhaltung her antijudaistische Gesellschaft assimilierten.

Die Inhalte dieses Antijudaismus gingen als Folge der Assimilation auf die Juden über. Würde man - neben Marx und Lassalle weiter in der Ahnenreihe der Sozialisten voranschreiten, könnte man feststellen, daß sich kaum ein Sozialist jüdischer Herkunft finden läßt, der sich nicht in dieser Art und Weise den Juden oder dem Judentum gegenüber verhielt. Auch Moses Hess, der später den Weg in den Zionismus gefunden hat, war in der Phase zuvor, als er sich der bürgerlichen Gesellschaft assimilierte, nicht weniger antijudaistisch gestimmt. Wenn man feststellt, mit welchen gesellschaftlichen Phänomenen sich Moses Hess befaßte, nämlich mit dem Geld, wird man verstehen, daß die Identifikation der Juden mit diesen Zikulatiomsinha1ten, von denen das Geld wohl die wichtigste aller darauf bezogenen Metapher ist, ein zutiefst antisemitisches Element in sich birgt.

Ich wage deshalb in diesem Zusammenhang die noch unbelegte These, daß die Ablehnung des Handels, ja geradezu das Ressentiments gegen den Handel, das in der europäischen Zivilisation so tief verwurzelt ist, eine säkularisierte Form des Judenhasses ist. Dieses Phänomen findet sich zum Beispiel in einer Zivilisation wie der des Islam nicht. Dort stehen Handel und Händler in der Hierarchie der Wertvorstellungen an bedeutender Stelle. Im Koran ist sogar davon die Rede, daß die Händler im Paradies an der Seite des Propheten sitzen werden.

Die Ablehnung des Handels, der Versuch etwa August Bebels, den Antisemitismus als eine kausale Reaktion auf den Handel zu bestimmen, ist eine Rationalisierung. Sie kann den Antisemitismus als Kulturphänomen, von links und rechts unabhängig, nicht erfassen. Damit spreche ich auf keinen Fall einer Ewigkeit des Antisemitismusses das Wort. Wohl spreche ich aber von einer Zivilisation, deren Teil wir immer noch sind. Die Ableitung des Antisemitismus aus dem Handel und die Bestimmung des Antisemitismusses als Moment des Klassenkampfes, als Interesse, ist eine Rationalisierung, die mit Marxismus nichts zu tun hat, obwohl Marxisten sich ständig dieses Erklärungszusammenhanges bedient haben - bis in die Gegenwart hinein.

Assimilation und antijudaistisches Kulturerbe

Die Einstellung, mit der im 19. Jahrhundert von assimilierten Juden in christlicher Tradition und säkular übersetzt das Judentum verworfen wurde, war allen politischen und weltanschaulichen Gruppen eigen. Insofern handelt es sich selbstredend nicht nur um ein Merkmal von Sozialisten. Auch und gerade im Zionismus sind judenfeindliche Attribute anzutreffen. Ein Zitat,aus den. Schriften Herzls mag dies belegen - entnommen einem Vortrag, den Herzl mit "Mauschel" überschrieb. Dort wendet sich Herzl gegen antizionistische Juden. Damit sind jüdische Rabbiner gemeint, die ihm den ersten zionistischen Kongreß in München verweigerten, weshalb Herzl nach Basel ausweichen mußte. In seiner Polemik entgleitet Herzl die ursprünglich politische Absicht und er nimmt genau jenen klassischen Aspekt des Antisemitismus positiv auf, der zum Kulturgut der Assimilation gehört. In Unterscheidung zwischen den wirklichen Juden, die er noch schaffen möchte, und zwischen dem anderen, dem verwerflichen Juden, benennt Herzl die abwertenden Züge des letzteren in Gestalt des Juden "Mauschel": "Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Überzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten oder sich offen als Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichen Oppositionen und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht behagt, oder er flüchtet sich unter Polizeischutz und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz Bange wird. Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres Wesens allerzeit geschieden waren, wurden miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Mißverständnis?

Als wäre in irgendeinem dunkleren Augenblick unserer Geschichte eine niedrigere Volksmasse in unsere unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden. So nehmen sich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter unseres Volkscharakters nicht den Juden sondern Mauschel genannt. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel. Mauschel ist der Fluch der Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt und es mag oft vorgekommen sein, daß gute Juden vom Volke und vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach innen und außen geschwächt." Und zum Schluß heißt es dann: "Wenn wir alle die förmlich von uns absondern, die sich gegen unsere Volksgenossenschaft verwahren, wird man in diesen Geschiedenen eine seltsam gemischte Gesellschaft zu sehen bekommen. Da ist der Finanzier, der soviel Butter auf dem Kopf hat, daß er sich vor einem ebenso verdächtigen Mauschel, dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die sich an den Grenzen der Paragraphen aufhält. Da ist der rotgeschminkte Politiker, der jetzt den Sozialismus betreibt, ausnutzt und entwertet. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter."

Herzl schließt: "Wenn sich Tell anschickt, den Apfel vom Haupte seines Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauschels Brust bestimmt." Diese antisemitischen Aussagen Herzls sind nicht außergewöhnlich; sie sind durchaus gängig gewesen. Sie erscheinen uns heute unwahrscheinlich und unannehmbar, weil nach dem Holocaust all das, was vorher gewesen und geschehen ist, in einer Logik als Bestandteil dessen angesehen wird, was zum Holocaust geführt hat. Können wir eine Unterscheidung treffen zwischen Antisemitismus und jenem, was ihm auf den ersten Blick ähnelt, ohne mit ihm identisch zu sein? Ich würde diese Frage bejahen.

Antisemitismus und Antisemitismen

 Es gibt Antisemitismus als Weltanschauung, als geschlossene Ideologie, die nicht unbedingt gegen den einzelnen Juden gerichtet sein muß, auch wenn sie des Juden bedarf, um die Welt zu erklären. Es handelt sich um eine säkulare Ideologie, die aus einem Nichtverstehen der kapitalistischen Vergesellschaftung den Juden braucht, um den Zusammenhang der Dinge zu erklären. Dieser Zusammenhang wird als geheimnisvoll, ja als Machenschaften und als Komplott beschrieben. Das würde ich als Antisemitismus bezeichnen und so haben sich auch die Antisemitenparteien gegeben. Noch einmal: Für solche Weltanschauungen sind die Juden eine Metapher; eine sehr konkrete insofern, daß obwohl dieser Antisemitismus mit konkreten Juden nichts zu tun hat, sie zu seinen ersten Opfern gehören. Aber es gibt noch etwas anderes am Antisemitismus, womit der Umgang uns so schwer fällt. Denn wenn Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, dann ist es wahrscheinlich, daß in dieser Zivilisation antijudaistische Kulturmerkmale, Antisemitismen - so würde ich es nennen - eingesickert sind. Diese Antisemitismen, die auch Juden in jener Zeit der Nachemanzipation mitbestimmt haben, erschweren uns heute im Nachhinein Antisemitismus als Weltanschauung zu bestimmen. Damit möchte ich aber nicht behaupten, daß klare Trennungslinien möglich sind. Es ist zweifellos so, daß die Übergänge fließend sind und eine Unterscheidung deshalb schwierig bleibt. Aber eine solche Unterscheidung könnte es uns erleichtern, mit Phänomenen umzugehen, die uns an Antisemitismus erinnern, ohne mit ihm in seiner entsetzlichen Wirkung identisch zu sein. Eine solche Unterscheidung könnte allerdings auch dazu beitragen, mit der Tatsache umzugehen, daß so viele Juden sich im 19. Jahrhundert antisemitisch geäußert haben, ohne daraus die famose antisemitische Theorie zu zimmern: die Juden hätten den Antisemitismus erfunden!

Der sozialistische Kampf gegen den Antisemitismus

Sozialisten lehnten und lehnen den Antisemitismus ab. Es stellt sich die Frage, warum und wann Sozialisten den Antisemitismus ablehnten.

In der frühen Phase, in den 60er, 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, wurde der Antisemitismus mit einem sehr funktionalen Argument abgelehnt. Er hielte die Arbeiter vom richtigen, vom wirklichen Klassenbewußtsein ab; er lenke den Klassenkampf in eine falsche Richtung. Das sind Argumente, die sich nicht um den Antisemitismus als solchen und um seine mög­lichen Opfer bemühen, sondern es sind funktionale, politische Argumente der tagtäglichen Auseinandersetzung. August Bebel wurde fälschlicherweise der Ausspruch in den Mund gelegt, daß der "Antisemitismus der Sozialismus der dummen Kerls" sei. Gleichzeitig wurde dieser Ausspruch so verstanden, als enthielte er eine Ablehnung des Antisemitismus. Eine solche Interpretation geht fehl.

Als dieser Ausspruch, vermutlich in Österreich, aufkam, ging man bei den Theoretikern und Strategen der Arbeiterbewegung davon aus, daß der Antisemitismus eine wirkliche, eine gute, vielleicht sogar eine notwendige Durchgangsphase für das richtige Bewußtsein der Arbeiter ist. Wer sich gegen die Juden als Ausdruck des Geldes, des Handels, der Banken und der Finanzen auflehnt, muß auf kurz oder lang seinen Haß und sein Ressentiment übersetzen in das, was die Arbeiterbewegung, was Sozialisten und Marxisten in der Arbeiterbewegung, als das richtige ansahen, nämlich in ein Klassenbewußtsein. Durch den Antisemitismus hindurch zum richtigen Klassenbewußtsein - das war ein wichtiges Element im Selbstverständnis der Arbeiterbewegung. Dieses Selbstverständnis löste sich erst dann auf, als der Antisemitismus als Mittel im Kampf gegen die Arbeiterbewegung selbst benutzt wurde. Es war dies zu der Zeit, als die Konservativen und die Antisemiten ein Bündnis eingingen, sich amalgierten und der Antisemitismus zu dem wurde, als was wir ihn heute sehen: Integraler Bestandteil der Rechten. Das fand aber erst Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts statt. Deutlich, programmatisch tritt die Sozialdemokratie gegen den Antisemitismus erst 1898 auf; dann aber auch prinzipiell und grundsätzlich. Von unserer heutigen Warte her bemessen, sehr spät. Das heißt aber, daß unsere Vorstellung, Sozialismus und Antisemitismus stellten eine Einheit dar, seien eine Selbstverständlichkeit, mehr mit unserer Vorstellung nach 1945 zu tun hat, nämlich daß Antifaschismus unbedingt auch anti-Antisemitismus bedeuten muß. Für die Identitätsbildung einer ganzen Generation nach 1945 waren solche Vorstellungen geradezu notwendig geworden.

Die KPD in der Weimarer Republik

Aber lassen Sie mich noch einmal zurückgehen und die Geschichte sozusagen gegen den Bewußtseinsstrich bürsten. In der Weimarer Republik war das Verhalten der linken Parteien, der Kommunisten wie der Sozialdemokraten, zum Problem des Antisemitismus (oder wie man das früher euphemistisch nannte: zur Judenfrage) von der frühen sozialdemokratischen Hoffnung nicht sehr verschieden. Die KPD ging damals davon aus, daß der Antisemitismus als inhärenter Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft mit dem Sturz des Kapitalismus selbstverständlich beseitigt sein wird. Diese These hat theoretisch sehr viel für sich. Ich würde auch heute noch sagen, daß ich ihr im Prinzip anhänge. Dennoch kommt es darauf an, jene Elemente herauszutreiben, die dieser These widersprechen.

In der Weimarer Republik ging die KPD davon aus, daß der Antisemitismus der Nazis ein taktisches Moment und deshalb nicht ernstzunehmen ist. Denn die Nazis seien nichts anderes als die Vertreter, die Peitsche, der Kettenhund der Kapitalistenklasse. Insofern meinten sie es mit der Gleichsetzung aller Juden - der reichen wie der armen - nicht ernst. Die KPD verfolgte selbst eine Politik, die zwischen reichen und armen Juden zu unterscheiden bemüht war. So war es auch für die KPD eine aus­gemachte Sache, daß die reichen Juden die Nazis ebenso finanzieren, wie es auch andere Kapitalisten taten. Als Beleg diente der Fall des Bankiers Jacob Goldschmidt von der Donath­Bank. In einer Kampagne versuchten die Organe der KPD nachzuweisen, daß der Bankier Jacob Goldschmidt die Nazis finanzierte. Der Bankier Jacob Goldschmidt hat sich sarkastisch dazu geäußert, indem er danach fragte, wer die Nazis denn sonst finanzieren solle? Die Redakteure der KPD nahmen das für bare Münze, weil es der klaren Linie der Weltanschauung diente.

Bis 1938, bis zur Pogrom-Nacht des 9. Novembers, hat auch die Arbeit der Untergrund-KPD keine Unterscheidung zwischen der Knebelung und der Unterdrückung der Arbeiterklasse und den Maßnahmen gegen die Juden getroffen. Erst 1938 trat tatsächlich eine Wende ein. Die Wandlung, die Besonderheit des Antisemitismus und erst recht der Judenvernichtung anzuerkennen, geht jedoch immer wieder verloren und wird tagespolitischer Opportunität geopfert. So werden noch heute die jüdischen Opfer der Nazis in der Sowjetunion als Opfer des Faschismus bezeichnet. Die Besonderheit der jüdischen Opfer darf es offensichtlich nicht geben, weil diese Besonderheit eine Geschichtslogik brechen würde; eine Geschichtslogik, die besagt, daß Antisemitismus Bestandteil des Kapitalismus ist und daß jeder sich als antikapitalistisch ausgebende Kampf per se nicht antisemitisch sein kann. Auch in ihren verschiedenen Wendungen der KPD in der Weimarer Republik - außer während des nationalbolschewistischen Kurses im Jahre 1919 - hat sich die KPD nicht gescheut, antisemitische Elemente in ihre Propaganda aufzunehmen, um - wie es damals hieß - die kleinbürgerlichen Massen, die zwischen Faschismus und Kommunismus schwankten, zur KPD herüberzuziehen. Das möge ein Zitat von Ruth Fischer belegen, die auf Einladung des Kommunistischen Studentenverbandes am 25.7.1932 einen Vortrag hielt, in dem sie vor allem die Völkischen, die damals im Saal zugegen waren, ansprach: "Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren! Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es noch nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so, tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?"

 Es war eine Selbstverständlichkeit, daß die Kommunistische Partei Deutschlands in den 20er und 30er Jahren alles tat, um nicht als das aufzutreten, als was sie in den Augen der Antisemiten und Nazis schien oder scheinen konnte. Nämlich - wie das damals abwertend hieß - Judenschutztruppe zu sein. Da die KPD aber auf keinen Fall als Judenschutztruppe gesehen werden wollte, versuchte sie sich von diesem Vorwurf freizumachen, indem sie antisemitische Elemente in ihre Propaganda eingehen ließ. Außerdem gab es auch ein anti-intellektuelles Pessentiment in der KPD, das sich wesentlich auf die Juden auswirkte. Die Führung der KPD - nicht ihre Mitgliederschaft - zählte zahlreiche Kommunisten jüdischer Herkunft. Um nur einige Namen zu nennen: Paul Levi, Fritz Wolfheim, Rosi Wolfstein, Ivan Katz, Werner Scholem, der Bruder Gershom Scholems, Ruth Fischer, August Thalheim, Werner Daniel Hirsch, Arthur Rosenberg und Heinz Neumann, den die SS später dem NKWD übergeben hat, damit er ihn liquidiere. In der Zeit, als die KPD mit Juden indentifiziert wurde, war sie bemüht, die Juden aus der Reichstags- und aus den verschiedenen Landtagsfraktionen langsam herauszubewegen. Das war natürlich keine antijüdische Kampagne! Aber man war bemüht, die Juden aus den vorderen Linien herauszuziehen, daß sie ihren Platz in Massenorganisationen, wie zum Beispiel in der Roten Hilfe, fanden, wo sie nicht mehr unmittelbar mit der Kampfpartei der Arbeiterklasse identifizierbar waren. Das bestätigt keineswegs - will man ernsthaft mit Geschichte umgehen - die KPD sei eine antisemitische Partei gewesen. Die KPD war natürlich eine anti-antisemitische Partei, war aber nicht als Schutzpartei für die bedrängten Juden aufgetreten, weil sie den Antisemitismus als bloße Funktion dessen begriff, was sie ohnehin zu bekämpfen meinte: den Kapitalismus.

Die SPD in der Weimarer Republik

Bei der SPD, könnte man meinen, sei alles ganz anders gewesen. Ihre jüdische Mitgliederzahl war beträchtlich. Die SPD wurde weit mehr noch als die KPD als Judenschutztruppe angesehen und als solche denunziert. In den 20er Jahren bis Anfang der 30er Jahre hatte dies in der SPD keine Folgen. Nach dem ersten Weltkrieg wandelte sich auch ihre Haltung zum Zionismus. Dies steht damit in Zusammenhang, daß der erste Weltkrieg ein wichtiges Element, eine tragende Säule des Selbstverständnisses der Arbeiterbewegung zerbrechen ließ, nämlich die Säule des Internationalismus. Der erste Weltkrieg hat den Internationalismus ausgerottet. Nicht ganz ohne Berechtigung haben die Völkischen der KPD und der SPD vorgehalten, daß die französischen Sozialisten den französischen Sieg und die Besetzung Deutschlands feierten, während die deutschen Sozialdemokraten und später die Kommunisten die gesamte Last des Versailler Vertrages mitzutragen hatten. In der Wende weg von einer internationalistischen Haltung lag eben jene Wandlung der SPD hinsichtlich des Zionismus begründet.

Früher war der Zionismus abgelehnt worden, weil die sozialistischen Parteien als universalistische und internationalistischen Parteien eine Lösung der Judenfrage auf kollektiv-nationaler Grundlage prinzipiell ablehnten. Bemerkenswerterweise haben damals eher die bürgerlichen Juden diese Ablehnung geteilt, weil der Zionismus die Integration der Juden gefährde. Es handelte sich demnach um eine explizit westliche Haltung, wie sie vor dem Holocaust bei aufgeklärten Menschen gang und gäbe war. Die Assimilierung der Juden wurde als integraler, ja zentraler Bestandteil eines universalistischen, internationalistischen gesellschaftlichen Entwurfs angesehen. Das galt für Marx und Lassalle, es galt auch für Eduard Bernstein, der beispielsweise den Zionismus aus jüdischen wie aus universalistischen Gründen ablehnte. Das gilt auch für Kautsky, der in "Rasse und Judentum" die Assimilation der Juden bereits als vollzogen ansah; es galt für Otto Bauer, den jüdischen Austro-Marxisten, der sich sehr intensiv mit dieser Frage befaßt hat. Die Juden Mittel- und Westeuropas sah er bereits als assimiliert und sprach ihnen insofern einen nationalen Charakter ab. Davon unterschied Bauer die Juden Osteuropas und meinte, daß die historische Entwicklung auch diese Juden bereits in den Sog der Assimililation und der Auflösung hineinzuziehen beginne.

Für Rosa Luxemburg war der Internationalismus eine Selbstver­ständlichkeit; sie kümmerte sich nicht um jüdische Probleme, die sie nicht zu ihren Problemen machte. Auch Trotzki kannte keine Probleme mit dem Judentum; er akzeptierte sogar territoriale Lösungen der jüdischen Frage angesichts des Nationalsozialismus. Palästina hielt er für eine Falle. Lenin, der in der Tradition Kautskys eine kollektive Organisierung der Juden als Nation ablehnte, stand aber selbstverständlich in der vordersten Reihe der Bekämpfung des Antisemitismus.

Sozialisten, Neue Linke und die jüdische Kollektivität

Ich möchte auf das eigentliche Thema dieser Tagung zu sprechen kommen: die Auseinandersetzung innerhalb der Neuen Linken über das Problem der jüdischen Kollektivität. Erinnert sei daran, daß die Antisemiten die Emanzipation und Gleichstellung der Juden wieder rückgängig machen wollten. Der Jude als einzelner sollte ausgestoßen werden. In der sozialistischen Debatte ist es natürlich unbefragt, daß der einzelne Jude als Mensch akzeptiert ist. Mehr noch: es war der Anspruch der Sozialisten als Vollzieher der bürgerlichen Emanzipation, diese Gleichstellung zu verwirklichen. Die Diskussion um den Charakter jüdischer Kollektivität wurde auch innerjüdisch geführt, so zum Beispiel in der Auseinandersetzung zwischen dem Jüdischen Arbeiterbund und den unterschiedlichen zionistischen Parteien. Nicht jede Ablehnung jüdisch-nationaler Attribute weist in die Richtung von Antisemitismus, obwohl dies heute leichtfertig gleichgesetzt wird. Die Unterdrückung der hebräischen Sprache in der Sowjetunion zum Beispiel hing nicht damit zusammen, daß die hebräische Sprache als eine Sprache von Juden unterdrückt werden sollte. Daß dies geschah, hing damit zusammen, daß es innerhalb der KPdSU eine Sektion gab, die sich mit jüdischen Fragen befaßte. Und diese Sektion setzte sich im wesentlichen aus Bundisten zusammen, so kam es, daß der Kampf um die jiddische Sprache gegen die Zionisten und der Kampf der Zionisten gegen die jiddische Sprache in der Unterdrückung des Hebräischen in der Sowjetunion mittels Staatsgewalt fortgesetzt wurde. In der Sowjetunion gelang es auch bis Ende der 40er Jahre, die Unterscheidung zwischen Zionisten und Juden aufrechtzuerhalten. Vor allem seit dem Ende der 40er Jahre sind in der Sowjetunion die Begriffe Jude und Zionist in einer antisemitischen Weise amalgamiert worden.

Dennoch, jenseits solcher historischer Rückblicke, lautet für uns, lautet für diese Tagung die aktuelle Frage: Kann man heute antizionistisch sein - als Linker, als Jude? Und was ist heute unter antizionistisch zu verstehen?

Fast jeder Begriff wandelt sich im Verlauf von Geschichte. Er wandelt seine Konnotate, er erhält eine neue Bestimmung, neue Inhalte. Der Zionismus wurde in der traditionellen Arbeiterpartei weitgehend deshalb abgelehnt, weil den Juden der Charakter einer Nation abgesprochen wurde. Die Diskussion darüber, ob die Juden eine Nation seien oder nicht, ist meines Erachtens inzwischen völlig unerheblich geworden. Ja, nach 1945 ist diese Diskussion gar nicht mehr denkbar. Nicht allein aufgrund dessen, was geschehen ist - selbstverständlich ist das der Hindergrund -, sondern aufgrund der Folgen, die daraus gezogen wurden. Die besondere Verfolgung der Juden durch die Nazis aufgrund ihrer Vernichtung haben den Juden eine Besonderheit zugesprochen, die alle Definitionen übersteigt.

Insofern ist seit 1945 das Bewußtsein der Juden protozionistisch. Mehrheitlich sind die Juden sicherlich keine Zionisten im Sinne des klassischen Zionismus. Der Zionismus geht ja davon aus, daß die Juden der Welt ein Volk sind, das zu einer Nation werden soll. Dazu gehört vor allem die Verschiebung des Wohnsitzes nach Palästina/Israel. In ihrer Mehrheit haben die Juden ihren Wohnort aber nicht verschoben; und dennoch sind alle anderen Alternativen jüdisch-kollektiver Selbstdefinition verschwunden. Es gibt sie nicht mehr. Was übrig blieb, ist der Zionismus oder das, was Juden darunter verstehen: eine Identifikation mit Israel, nämlich Israel als Reaktion und Antwort auf das, was geschehen war. Dies bedeutet, daß dem Begriff des Zionismus neue, aktuellere Inhalte beigegeben werden müssen - Inhalte, die einen Unterschied zwischen Zionismus als Identitätsentwurf und Zionismus als Struktur des israelischen Staates zu machen vermögen. Anders gesprochen: über Zionismus kann nicht mehr historisch sondern nur noch politisch diskutiert werden.

Das Dilemma der Linken in der Bundesrepublik Deutschland beginnt bereits dort, wo sie die Tradition des klassischen Antifaschismus blindlings übernahmen. Denn das hieß, sich mit den Parteien der Weimarer Republik zu identifizieren, ihre Analyse und ihre Begrifflichkeit zu übernehmen. Das sollte sich aber als Falle herausstellen, denn diese Begrifflichkeit begann sich, was die Juden angeht, in das Gegenteil dessen zu verkehren, womit man sich zu identifizieren beabsichtigte. Die Diskussion innerhalb der deutschen Linken (früher hätte ich gesagt der Linken in der Bundesrepublik), ob die Juden eine Nation sind und ob sie ein Recht auf Selbstbestimmung haben, erhält - ob man es will oder nicht - einen antisemitischen Inhalt. Wenn wir das akzeptieren würden, was Broder vorgeschlagen hat, nämlich den Begriff des Zionismus überhaupt nicht mehr zu verwenden, weil er sich leicht antisemitisch benutzen lassen kann, dann geraten wir, was Israel und Israel-Kritik angeht, in ein äußerst schwieriges Dilemma. Es beginnt schon damit, daß Israel kein israelischer Staat ist. Wenn dem so wäre, bedürften wir dieser Tagung kaum. Israel ist ein zionistischer Staat. Man kann von einer zionistischen Verfassung, von einer zionistischen Struktur, von einem zionistischen Staatscharakter Israels sprechen. Und dieser und nur dieser kann gemeint sein, wenn heute der Begriff Zionismus Verwendung findet. Alle anderen Bestimmungen gravitieren dem Antisemitismus zu. So wird in Osteuropa der Begriff Zionismus in klarer antisemitischer Absicht verwandt. Die kommunistischen Parteien Osteuropas haben die antisemitische Tradition ihrer Kulturen voll in sich aufgenommen. Es gibt dort keine Differenz zwischen Antizionismus und Antisemitismus.

Zur nationalen Identität der deutschen Linken

In der Bundesrepublik spiegelt sich diese antisemitische Tradi­tion der Israel-Kritik und des Antisemitismus in all den Zita­ten wider, die Broder aus der inzwischen versunkenen ML-Presse zusammengeklaubt hat. Insofern ist ein weiteres Eingehen darauf wenig interessant - außer aus Lust an Polemik. Spannender ist ein anderes Moment der ML-Tradition, das in andere Bereiche hineinreicht und doch wieder hierher, nach Deutschland hinführt. Das Reden von nationaler Souveränität etwa und vom Imperialismus in bestimmter Konnotation, das von diesen Parteien oder Scheinparteien ausgegangen war, ist freilich auch eine Verlängerung der Dritten Welt in der Metropole. Aber diese Begriffe stellten nicht nur Membrane der Dritten Welt in der Metropole dar. Gleichzeitig ist darüber etwas eingeflossen, was wir heute in einer ganz anderen Weise wahrnehmen können. Über den Umweg der Dritten Welt hat sich ein positiver Bezug zur nationalen Identität, zu Deutschland hergestellt.

Bevor ich fortfahre auf nationale Identität in Deutschland und die Linke einzugehen, möchte ich noch einen Moment in der Dritten Welt verweilen. In der Dritten Welt ist ein Phänomen wahrzunehmen, das ich immer mehr mit klassischen Elementen des historischen Antisemitismus in Verbindung zu bringen mich gezwungen fühle. Man darf nicht vergessen, daß auch in Deutschland der Antisemitismus im 19. Jahrhundert als Produkt der Modernität zu betrachten ist. Antisemitismus als eine Reaktion des Unverständnisses demgegenüber, was kapitalistische Gesellschaft bedeutet, was konkrete persönliche Bezüge zerriß und sie stattdessen unpersönlich versachlichte. Auch die Dritte Welt ist, wenn auch in einer anderen Form, der Kapitalisierung durch den Weltmarkt ausgesetzt. Dadurch treten in der Dritten Welt Phänomene auf, für die ich unmittelbar keine Erklärung habe, sie ihrer Form halber doch mit der deutschen Geschichtsentwicklung in Verbindung bringe.

Im andauernden Golfkrieg etwa benutzt die iranische Propaganda den Begriff des Zionismus für das irakische Regime. Das ist interessant und gerade wegen des offensichtlichen Paradoxons sollte man sich dazu Gedanken machen. So unterstützt Israel gerade den Iran, und dennoch bezeichnet Khomeini das Regime Sadam Hussein als zionistisch. Was meint der damit, was könnte er damit meinen? Ich neige dazu anzunehmen, daß dieses Attribut das Regime Sadam Hussein deshalb trifft, weil es im Unterschied zum iranisch-islamischen Selbstverständnis gottlos und säkular ist. Hier wird Säkularisierung als westliche Lebensform mit Zionismus in Verbindung gebracht. Sicher genügt dazu ein einziger empirischer Beleg nicht. Dennoch scheint hier ein Phänomen mondialisiert zu werden, von dem ich meine, daß es an solche anklingt, die im 19. Jahrhundert für den Antisemitismus typisch gewesen waren.

Dennoch zurück zur Frage der neuen nationalen Identität in der deutschen Linken und ihr Verhältnis zu den Juden. Für letztere wird es in der Linken in Deutschland schwieriger. Es hat sich etwas verändert. Einmal stelle ich mir die Frage, ob die Solidarität von Juden mit den Linken in Deutschland vielleicht aufgrund eines Mißverständnisses beruht oder beruhte. Die  deutsche Linke in der '68er Generation war internationalistisch angetreten. Internationalistisch allerdings im anderen Zusammenhang als die ML-Presse diesen Begriff benutzt; eher war sie internationalistisch in einem sehr jüdischen, nämlich kosmopolitischen Sinn. Die Ablehnung der Vergangenheit der Eltern und die Haltung zur Geschichte stellten eine Geschäftsgrundslage dar, auf der man sich treffen konnte - vielleicht eine falsche. Viele Juden in Deutschland suchten eine Normalität, die den Holocaust nicht in der Weise in Erscheinung treten läßt, wie es diesem Geschehen gebührt. Die deutschen Linken demonstrierten Unangepaßtheit, Dissidenz - die Juden in der Linken Normalität. Man traf sich, weil die Scham der Opfer nicht von geringerer Intensität gewesen sein mochte als die Scham der Täter; auch wenn sie von anderer Qualität war. Das Mißverständnis mag vielleicht auch darin bestanden haben, daß man sich als identisch ansah. Die Wende davon weg trat ein mit der Sehnsucht der deutschen Linken, normal zu sein. Sicher, jeder möchte Normalität leben. Dennoch, im Deutschland nach 1945, kann es keine Normalität geben. Denn der Anspruch, sich gleichzusetzen, der Anspruch auf eine deutsche Identität, die positiv besetzt ist, ist aufgrund dessen, was geschehen ist, Blasphemie. Und ich werde sagen, warum:

Die jüdische Existenz wurde ausgerottet. Alles, was existierte, ist unwiederbringlich verloren. Für Deutschland und die Deutschen bedeutete der Zweite Weltkrieg, der nicht einmal mit den Juden geführt wurde, nur eine Niederlage, einen quantitativen Verlust. Der Anspruch, wieder normal zu sein, sich mit nationalen Inhalten zu identifizieren, und werden sie noch so selektiv aus der Geschichte positiv herausgesucht, bedeutet eine nationale Identität anzustreben, die für die Opfer des Nationalsozialismus hier nicht existieren kann. Ihre Zugehörigkeit wird ausgeschlossen. Deshalb bedeutet der Anspruch auf eine positiv besetzte deutsche Identität die Aufgabe der Geschäftsgrundlage, die in der Gleichheit der Verluste beziehungsweise Aufgabe nationaler Identität beruht.

Angesichts dieser Entwicklung verändert sich auch die Berechtigung zur Kritik an Israel und am Zionismus. Der Anspruch deutscher Linker auf nationale Existenz, Identität etc. ist angesichts des Konflikts in Palästina, der faktisch aussichtslos ist und den Juden keine nationale Existenz längerfristig verheißt, ein geradezu unanständiges Ansinnen. Die Kritik am Zionismus verliert ihre internationalistische Legitimation. Sie wird nicht nur unglaubwürdig, sondern wird geradezu infam.

Und weiter: ein positiver Bezug deutscher Linker auf deutsche Identität kündigt außerdem den Juden in der Linken die Geschäftsgrundlage auf, eine Geschäftsgrundlage ehemals Gleicher.

 

Dan Diner (Politikwissenschaftler und freier Publizist, z.Z. Universität Odense, Dänemark)