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Michel Friedman: Besser Koks als Lichtkrankheit

Limelights, Scheinwerfer der Öffentlichkeit richten sich auf Personen, die Celebrity, Glamour, Ruhm, Anerkennung und Bewunderung suchen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit bringt aber nicht nur Gewinn, sie hat auch ihren Preis, sie bringt die Erosion der Grenzen zwischen öffentlich und privat mit sich. Sobald aber zwischen diesen beiden Sphären nicht mehr unterschieden wird, bilden sie eine Einheit. Das alte Duktum der Kommune seliger 68er Zeiten bzw. der Frauenbewegung bricht sich Bahn, bürgerlicher Anstand schwindet, das Private wird politisch.

Wir erinnern uns: Hannelore Kohl (geb. Renner) heiratete einen angehenden Politiker, wohl wissend, dass dieser Akt sie unweigerlich zum Medienobjekt avancieren würde. Jahrelang hielt sie ihrem Helmut die Stange, bis sie dessen Interesse für die Sekretärin (Juliane Weber) und seine Obsession mit der Macht nicht mehr aushielt: Ihr wurde klar, sie wollte sich den Limelights entziehen, konnte dies jedoch nicht, ohne ihre bekannte Lichtallergie zu entwickeln. Als dies nicht mehr ausreichte, griff sie zum ultimativen Mittel.

Jürgen Möllemann suchte bewusst die Scheinwerfer und machte eine Politik daraus. Als ihm jedoch die Staatsmacht und mit ihr die Medien ins Private folgte, um sein Finanzgebaren zu durchleuchten, also Licht ins Dunkel zu werfen, weigerte er sich, laut Wiglaf Droste in der taz "eine Woche zu früh", die Leine zu ziehen.

Anders liegt der Fall bei Michel Friedman, der wie Möllemann aus dem Licht ein Geschäft machte, aber der sein Publikum derartig entnervte, dass es ihn "vorab hinrichtete", so jedenfalls sein Anwalt Eckhart Hild. Nun lässt sich argumentieren, es sei ja gar nicht sein Publikum gewesen, sondern es hätte eine böse Intrige einiger seiner Feinde gegeben, etwa aus dem Politikbereich, aus dem Rotlichtmilieu, der ukrainischen Mafia, einiger Lebedamen, geldgieriger Drogendealer oder dergleichen mehr. Verschwörungstheoretiker und spießige Freunde sind selbstverständlich sofort auf den Plan getreten und bedienten entsprechend die Stammtische und Medien. Die einen anklagend, die anderen halbherzig verteidigend, indem sie darauf hinweisen, dass man doch, bitte schön, die Privatsphäre als unantastbar achten sollte. Weshalb die Berliner Justiz anders agiert als die Frankfurter, ist nur zu erahnen. Offensichtlich meint sie, was dem Christoph Daum Recht, ist dem Michel Friedman billig.

Meine 90jährige Mutter war wesentlich näher an der Realität als alle gut bezahlten Kommentatoren. Sie, die in ihrem Leben noch nie eine Droge außer gelegentlich einem Glas Wein genoss, sagte trocken: "Ohne Koks kann der Mann doch diesen Stress gar nicht ausgehalten haben". Wem das noch zu spießig erscheint, kann sich auch an die Lesart meines Freundes Hans halten: "Rausch und Frauen. Was für ein toller Hedonist!". Halten wir fest, Michel Friedman erfüllt alle Stereotypen eines Koksers: Er erscheint arrogant, aggressiv, voll konzentriert, auf den Punkt genau, stressfähig. So gesehen, wäre es ein Wunder, der Haartest wäre negativ ausgefallen.

Friedman hat eine exzellente Kenntnis der deutschen Verhältnisse, ist intelligent und hat eine virile Erscheinung. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, Mitglied der CDU und er moderiert die schnellste Talkshow weit und breit. Dem gelernten deutschen Underdog muss er wie ein Übermensch vorkommen, der Angst und Schrecken verbreitet. Kaum jemand gibt ein positives Urteil über ihn ab. Der Stammtisch schäumt und verfällt in altbewährte Vorurteile: Dieser Riesenphallus will "uns" etwas am Zeuge flicken, der hat gelackte Haare, nimmt "uns" die Frauen (Bärbel Schäfer) weg, obwohl er andererseits als schwul gilt, er ist schmierig, na ja, kein Wunder, der ist ja eigentlich kein richtiger Deutscher, der gehört gar nicht in die christliche Volkspartei, der ist ja, horribile dictu, Jude.

Michel Friedman kämpft einen Kampf, den einer allein nicht gewinnen kann. Er will Deutschland zur normalen Demokratie verhelfen, in der Antisemitismus keinen Platz mehr hat. Er hält den nichtjüdischen Deutschen den Spiegel vor, wie weit sie inzwischen gekommen sind, "normal" mit "den Juden" umgehen zu können. "Seit Jahren provoziert er - wissentlich und absichtsvoll - die Mehrheit der Gesellschaft", schreibt Bettina Gaus in der taz. Mit Marx könnte er sagen, ihm ginge es darum, "den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen, das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen". Demokraten, bzw. Linke sollten ihm dafür Beifall spenden und ihn in diesem Unterfangen beistehen. Er sieht sich als Herkules, aber er überschätzt sich dabei selbst. Der Mob bringt ihn zur Strecke wie einst Springer und Konsorten Rudi Dutschke. Bieten wir ihm die Alternative: Weder Lichtallergie, noch Fallschirm. Rufen wir ihm stattdessen zu: "Mach weiter, wir brauchen Dich.! Erweitere Deine Themen. Mach keinen Bogen um das Private. Alles gehört auf das Prüffeld. Dekonstruiere das bürgerliche Subjekt, den autoritären Charakter, die Ellbogenmentalität, den repressiven Etatismus. Wir sind mit Dir!"

Solange Friedman in Deutschland antisemitische Reflexe erzeugen kann, ist bewiesen, dass die Vergangenheit in Deutschland noch immer nicht genügend bearbeitet worden ist, weiterhin verdrängt wird. Verdrängung aber, das wissen wir spätestens seit Freud, macht krank. Die beste Prophylaxe ist die Beseitigung der Ursachen für das Weiterleben bzw. neue Entstehen völkischen Bewusstseins.

Günter Langer 

Berlin, den 28.6.2003